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Olympia »Moralisch bankrott«

Präsident Juan Antonio Samaranch machte das Internationale Olympische Komitee zur reichsten Sportorganisation der Welt. Dafür wurden die Ideale Olympias durch Tricks, Betrügereien und Manipulation ersetzt.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Er kann gar nicht anders, Juan Antonio Samaranch ist immer in irgendeiner Mission unterwegs. Mal bemüht sich der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) um den Frieden in der Welt, mal streitet er für Fair play; dann wieder dient er dem Weltkonzern des Sports als Werbebotschafter, oder er bringt die Olympischen Orden im Dutzend unter die Prominenz. Samaranch hastet in einem Tempo um den Globus, daß selbst der eilige Vater aus Rom dagegen wie ein müder Tramper wirkt - da kann es schon mal vorkommen, daß der oberste Olympier beim Rollentausch patzt.

Während der Winterspiele 1994 in Lillehammer glaubte Samaranch seinem größten Ziel, dem Friedensnobelpreis, mit einer Reise nach Sarajevo, der im Balkankrieg zerstörten Olympiastadt von 1984, näherkommen zu können. Als der Herr der Ringe zusammen mit dem Großaufgebot von Reportern und Kameraleuten nach wenigen Stunden die bosnische Hauptstadt wieder verließ, blieb den frierenden Gastgebern nur die Erinnerung an die elegante Kleidung der Kriegstouristen. Samaranch und die ihn begleitende IOC-Garde hatten die Ruinen von Sarajevo in jenen weißen oder dunkelblauen knielang wattierten Mänteln durchstreift, in denen sie in den Tagen vor und nach ihrem Blitztrip in Lillehammer für einen zahlungskräftigen Sponsor Reklame liefen.

Die japanische Modefirma Descente schneidert zu jeder Winterolympiade für jedes IOC-Mitglied eigens einen neuen Wintermantel. Jedes Unikat kostet in der Herstellung 1500 Dollar. Die olympischen Ringe zieren die Brust, der Name des Herstellers den Rücken. Und je nach Blickwinkel des Betrachters wirken die Träger entweder wie daunengefütterte Litfaßsäulen oder wie ein Trupp Hermeline auf Abwegen.

In den vergangenen Jahren, errechnete der englische Publizist Andrew Jennings, hätten die Funktionäre allein Mäntel im Gesamtwert von rund 400 000 Dollar erhalten. Damit hätte die Stadt Sarajevo während der Belagerung einen Tag mit Lebensmitteln versorgt werden können. Jennings, der sich einen Ruf als härtester Kritiker des Olympia-Konzerns erschrieben hat, setzt einen anderen, IOC-typischen Maßstab: »Das ist viermal soviel Geld, wie das Komitee in den achtziger Jahren für die Behindertensport-Bewegung aufgebracht hat.«

Die Stippvisite in Sarajevo ist eine jener Episoden, mit denen Jennings nach jahrelanger Recherche die Geldgier, den Machterhaltungstrieb und die Scheinheiligkeit der IOC-Mitglieder beschreibt*. ______(* Andrew Jennings: »Das Olympia-Kartell«. ) ______(Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; ) ______(344 Seiten; 16,90 Mark. )

Jennings weist eine aktive Bestechung von Kampfrichtern und die Vertuschung von positiven Dopingtests nach. Darüber hinaus belegt er die massive Beeinflussung von Sportfunktionären sowie die Manipulation von Wahlen und sportpolitischen Entscheidungen. »Die olympische Bewegung ist reicher als je zuvor«, resümiert der Brite, gegen dessen erstes Werk das IOC gerichtlich vorgegangen war, »aber sie war niemals moralisch so bankrott wie heute.«

Jennings wartet nicht mit fundamentalen neuen Enthüllungen auf, er hat vielmehr in akribischer Fleißarbeit den olympischen Dreck zusammengekehrt - und Beweise gefunden. Oft wirken die Anschuldigungen kleinkariert, und die Herren im IOC verweisen bei Dementis gerne auf ihre Größe - da habe man so minimale Vorteilsnahmen doch gar nicht nötig. Doch die Vorwürfe sind nur so kleinkariert, wie der scheinbar so hehre Zirkel der Sportführer tatsächlich ist. Das IOC besteht in Wahrheit aus einigen wenigen Managern, die das Geschäft mit dem Sport betreiben. Der große Rest ist kaum mehr als willfähriges Stimmvieh, das vor allem daran interessiert ist, die Vergünstigungen zu genießen, die das entbehrungsreiche Schaffen eines Funktionärs überhaupt erst lebenswert machen.

Das Mosaik, das Jennings aus vielen kleinen Episoden, Rechnungsbelegen und Briefwechseln zusammensetzt, wird 50 Tage vor Beginn der Spiele in Atlanta die Diskussion über die moralische Integrität der Sportführer erneut entfachen - zeigt es doch auch die Hilflosigkeit auf, mit der die 106 IOC-Mitglieder der autoritären Herrschaft ihres Präsidenten Samaranch begegnen.

Geradezu beispielhaft für die Schwäche der Mehrheit ist die Personalpolitik im IOC. In Spitzenämter beruft Samaranch nur, wer ähnlich konsequent nach außen die Ideale des Sports predigen und intern beiseite schieben kann wie er. So gilt der Südkoreaner Un Yong Kim, derzeit erster Vizepräsident im IOC, als aussichtsreichster Nachfolger von Samaranch.

Kim, 65, so wurde schon lange im Olympiazirkel geraunt, habe früher dem koreanischen Geheimdienst gedient. Jennings arbeitete jetzt alte Akten des amerikanischen Kongresses auf. In den siebziger Jahren versuchten Mitglieder der koreanischen Botschaft in Washington und der koreanische Geheimdienst zusammen mit der Mun-Sekte, Abgeordnete des US-Kongresses zu bestechen. Ein Ausschuß enttarnte Kim als Nachrichtenoffizier der Botschaft, er hatte unter dem Decknamen »Mickey« operiert. Außerdem soll er einen amerikanischen Waffenhersteller, der die südkoreanische Armee versorgte, um Wahlkampfgelder angegangen sein. Kopien von Schecks, die Kim aus anderen Quellen erhielt, wurden in den Kongreßberichten veröffentlicht. Als seine Rolle aufflog, tauchte Kim unter.

Mit den Spielen von Seoul begann Kims Karriere im IOC. Heute zählt er zu den einflußreichsten Sportfunktionären der Welt. Er ist Präsident der Internationalen Sportverbände, die Regierungen in Belgien, Frankreich und Spanien verliehen ihm Ehrentitel, und Samaranch nennt ihn seinen »wichtigsten Mitarbeiter«.

Eine belastete Vergangenheit hat noch nie geschadet. So haben trotz der politischen Veränderungen die alten Apparatschiks aus dem Osten überlebt: der Rumäne Alexandru Siperco und Schagdarjaw Magwan aus der Mongolei werden noch bis über die Jahrtausendwende im IOC sitzen. Und Samaranch persönlich hat den russischen Präsidenten Boris Jelzin gebeten, den altgedienten Genossen Witalij Smirnow im IOC behalten zu können.

Samaranch weiß, daß ihm diese Altlasten ebenso die Treue halten werden wie die geschäftstüchtigen Neulinge, die er protegierte. Der Kenianer Charles Mukora und der Franzose Jean-Claude Killy sind in ihren Ländern Chefs des Olympiasponsors Coca-Cola; Richard Carrion aus Puerto Rico ist im Hauptberuf Direktor beim IOC-Partner Visa. Dieses kunstvolle Gespinst aus Geben und Nehmen sichert Samaranch die Macht in seinem Zirkel. Meist genügt ein diskreter Wink - und die ihm genehmen Personen finden ohne Probleme den Weg ins IOC.

Mit welcher Chuzpe der Präsident vorgeht, beschreibt Jennings am Beispiel des mexikanischen Pressezaren Mario Vazquez Raña. Als sich vor der Wahl 1991 in Birmingham Unmut gegen Raña artikulierte, trickste Samaranch mit Winkelzügen zur Geschäftsordnung und der Verhinderung einer geheimen Abstimmung alle Kritiker aus. »Er machte das so geschickt, taktisch war er wirklich unschlagbar«, staunte das britische IOC-Mitglied Mary Glen-Haig, das offen gegen Raña opponiert hatte. Der Mexikaner wurde mit 13 Stimmen bei 10 Gegenstimmen gewählt - 60 IOC-Mitglieder hatten feige mit Enthaltung votiert.

Um die Außenwirkung seiner Sportpolitik muß sich Samaranch keine Sorgen machen. Der Ex-Diplomat, er war vor seiner Wahl spanischer Botschafter in Moskau, weiß, wie mit den Mächtigen und Reichen der Welt umzugehen ist. Er verleihe einfach jedem eine Medaille, schreibt Jennings, »mit dem er Geschäfte machen will oder dem er Zucker in den Hintern blasen will«.

Die dekorativen Titel waren vor allem im Osten begehrt, und Samaranch war nie kleinlich. Den Olympischen Orden in Gold erhielten die osteuropäischen Diktatoren Nicolae Ceausescu aus Rumänien, Todor Schiwkow aus Bulgarien und Erich Honecker aus der DDR.

Bei den westlichen Regierungschefs reicht, seitdem die Metropolen beim IOC Schlange stehen, um die Olympischen Spiele ausrichten zu dürfen, eine von den nationalen IOC-Mitgliedern überbrachte Depesche, und Olympia-Konzernchef Samaranch wird wie ein Staatsmann empfangen. Politiker wie der britische Premier John Major sind dann zu allem bereit. Major versprach dem Olympier, sich bei der Uno dafür einzusetzen, daß dem IOC im Weltparlament Beobachterstatus eingeräumt werde.

Die diplomatischen Winkelzüge werden nicht nur in der IOC-eigenen Postille Olympic Review gewürdigt, die pro Ausgabe selten weniger als 20 Fotos des Präsidenten enthält. Auch Journalisten wichtiger Agenturen sind in die Öffentlichkeitsarbeit des IOC integriert; Reporter, die geschönte Berichte für IOC-Publikationen beisteuern oder Werbetexte für Zeitschriftenbeilagen verfassen, in denen Lobeshymnen über das Komitee und die Sponsoren geschrieben werden, können mit einem üppigen Zeilenhonorar rechnen oder mehr. Journalisten, die das Vertrauen des IOC besitzen, fliegen kostenlos zu olympischen Veranstaltungen und werden dort wie Ehrengäste behandelt.

Auf diese Weise hat sich der Olympiazirkel, der nie öffentlich tagt, heimlich, still und leise allen Kontrollmöglichkeiten entzogen, was dem Geschäftsgang eines jeden IOC-Mitglieds förderlich ist - und am besten funktioniert dies in der Bewerbungsphase, wenn mehrere Städte um die Austragung Olympischer Spiele buhlen.

So kämpfte sich etwa die Venezolanerin Flor Isava Fonseca mit ihrer Tochter Anabella durch die Gastronomie der deutschen Hauptstadt. Sechs Tage hintereinander war die ehemalige Springreiterin in den Restaurants unterwegs; die Rechnungen, die den Berliner Olympiawerbern vorgelegt wurden, bewegten sich jeweils um 600 Mark. Das Besuchsprogramm für die Olympiastätten beschränkte sich in dieser Zeit auf ganze zehn Stunden.

Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1993 in Stuttgart wurden für die IOC-Hedonisten zum Großeinsatz, der selbst hinter verschlossener Zimmertür nicht zu Ende war. Der Sudanese Zein Abdel Gadir ließ für Getränke aus der Minibar, für Zimmerservice und Telefon 3115 Mark vom Berliner Olympiakonto abbuchen.

Größere Geschäfte hatte der Peruaner Ivan Dibos im Sinn, nachdem er in Stuttgart neben den Reisekosten noch Sonderausgaben in Höhe von 3464 Mark zu Lasten des deutschen Steuerzahlers verursacht hatte. Dibos wollte sich Exklusivrechte für den Verkauf von VW-Pkw in Peru sichern, hatte aber offensichtlich Schwierigkeiten mit dem Lateinamerika-Vertreter des Konzerns. Durch die Vermittlung einiger IOC-Kollegen und der Berliner Olympiawerber erhielt Dibos schließlich direkt einen Termin bei VW-Chef Ferdinand Piëch.

Die Raffke-Mentalität der IOC-Mitglieder ist schon seit Jahren dafür verantwortlich, daß Bewerbungskampagnen der Städte um die Spiele kaum weniger als 100 Millionen Mark kosten. Als vor vier Jahren Imageschäden drohten, erlegte sich das IOC Selbstverzicht auf. Das Besuchsprogramm bei den potentiellen Austragungsorten sollte auf drei Tage und das Gastgeschenk auf 200 Dollar beschränkt sein - doch an diese Regel hält sich in der Praxis kaum jemand.

Nagano, der Austragungsort für die Winterspiele von 1998, ist das beste Beispiel dafür, wie die Spiele durch mächtigen finanziellen Einfluß in eine Stadt geholt werden können. Hinter der Bewerbung Japans stand Yoshiaki Tsutsumi, der einen Großteil der japanischen Wintersportindustrie kontrolliert und so einer der reichsten Männer der Welt geworden ist.

1991, im Jahr der Abstimmung über den Olympiaort für 1998, wurden IOC-Mitglieder bei Inspektionsbesuchen in Tsutsumis Hotels umsorgt. Die Olympier entspannten sich in heißen Quellen, ließen sich von Geishas unterhalten und durften, so berichteten nachher japanische Reporter, wertvolle Gemälde mit nach Hause nehmen.

Das große Verschwiegenheits-Kartell im IOC gewährleistet, daß die intensiven Bemühungen um die Gunst der IOC-Mitglieder unter der Decke bleiben. Nur im schwedischen Falun, dem Bewerber für die Winterspiele 1988 und 1992, öffneten sich für Jennings die Archive. Dabei fand er einen Brief von David Sibandze aus Swasiland, der die Olympia-Anwärter offen aufforderte, seinem Sohn einen Studienplatz an einer schwedischen Universität zu besorgen, vorzugsweise in Uppsala.

Ein anderer Briefwechsel befaßte sich mit den seltsamen Sex-Wünschen eines IOC-Mitglieds. Bislang war es dem Small talk auf den diversen Empfängen vorbehalten, über den Arbeitsumfang der vielen jungen Hostessen im Troß der IOC-Mitglieder zu spekulieren. Die Faluner Briefe zeigen, daß sich vor allem bei den älteren Olympiern eine ganz konkrete Erwartungshaltung herausgebildet hat. Bei seinem Besuch in Schweden forderte das IOC-Mitglied nacheinander drei Hostessen vergebens, aber immerhin noch freundlich zum Tête-à-tête auf. Beim vierten Versuch vergaß der Herr der Ringe alle Zurückhaltung, verlangte bei einer Fahrt im Hotelaufzug: »Zieh dich aus, dann stimme ich für deine Stadt. Tust du''s nicht, Pech für euch.«

Die Hosteß berichtete ihrem Vorgesetzten vom Ansinnen; das Nationale Olympische Komitee von Schweden zeigte daraufhin dem IOC die sexuelle Belästigung an. Doch in der Zentrale in Lausanne reagierte man abweisend, das umtriebige IOC-Mitglied darf weiter im Auftrag der Jugend der Welt um den Globus jetten.

Coca-Cola, so heißt es bisher, habe bei der Wahl des Austragungsortes der Olympischen Spiele 1996 keinen Einfluß genommen. Jennings will wissen, daß der Brausehersteller aus Atlanta die Entscheidung zugunsten der Stadt des Firmensitzes sehr wohl mit beeinflußt hat.

Im Februar 1987 hatte der Immobilien-Geschäftsmann Bill Payne die Idee, Olympia nach Atlanta zu holen. Als er dies seiner Frau Martha in der Küche seines Hauses im noblen Vorort Dunwoody vortrug, meinte die: »Du mußt Peter anrufen.« Paynes bester Freund ist Peter Candler, ein Enkel der Coca-Cola-Gründerfamilie. Der schickte einen dicken Scheck und rief außerdem Horace Sibley an. Sibley ist Partner in der mächtigen Anwaltsfirma King and Spalding, die für Coca-Cola arbeitet. Sibley brachte mit Charlie Battle einen weiteren Partner seiner Kanzlei ins Olympia-Komitee.

Im Griff der großen internationalen Konzerne und gefangen im Gestrüpp der eigenen Skandale haben die Funktionäre im IOC längst die Fähigkeit verloren, den kommerzialisierten Spitzensport kontrollieren und die Auswüchse bekämpfen zu können. Unfähigkeit oder Scheinheiligkeit haben viele der Sportführer sogar selbst zu Akteuren und Mitwissern der größten Schiebungen im Sport gemacht.

So ließen sie es zu, daß 1988 in Seoul ein amerikanischer Boxer zugunsten eines Koreaners um Gold betrogen wurde. Es war die Gegenleistung für außergewöhnliche Gastfreundschaft.

Die Asiaten hatten früh begonnen, den Boden für die von ihnen erhofften Medaillen im Boxen vorzubereiten. Bereits im März 1988 wurden sämtliche Kampfrichter des Turniers nach Seoul eingeladen. Wer kam, wurde großzügig bewirtet, erhielt Geschenke und wurde in Nachtklubs geführt. Ihnen wurde, recherchierte Jennings, jeder Wunsch von den Augen abgelesen.

Sechs Monate später traf im Finale des Halbweltergewichts der heutige Profi-Weltmeister Roy Jones auf den Südkoreaner Park Si Hun. Jones sammelte Punkte nach Belieben, traf fast dreimal so häufig wie sein Gegenüber und fühlte sich nach dem letzten Gongschlag als sicherer Sieger. Doch zur Überraschung der neutralen Zuschauer wurde Park als Gewinner ausgerufen, drei Punktrichter hatten ihn vorn gesehen. Mit einer verlegenen Geste hob Park bei der Siegerehrung den Amerikaner hoch, so als wolle er wenigstens dem Publikum den wahren Goldmedaillengewinner zeigen.

Nachforschungen ergaben, daß ranghohe Funktionäre für die Manipulation der Medaillenvergabe bezahlt worden waren. Doch der Internationale Box-sport-Verband beließ es bei Sperren für drei Kampfrichter. Die Funktionäre um Präsident Anwar Chowdhry kamen ungeschoren davon. Auch das eingeweihte IOC-Mitglied Günter Heinze aus der DDR und drei weitere Box-Experten unternahmen nichts, um den Schwindel öffentlich zu machen.

Während Jones so um den Lohn jahrelangen Trainings betrogen blieb, wurden Chowdhry nachträglich hohe Ehren zuteil. Samaranch ehrte ihn 1992 mit dem Olympischen Orden, er lobte ihn für seinen »Respekt vor den Regeln« und pries ihn als »glühenden Verfechter des Fair play«.

Der Box-Skandal von Seoul wird dennoch nicht als bisher größtes olympisches Vertuschungsprojekt in die Geschichte eingehen. Jennings fand jetzt Beweise und Zeugen, die belegen, wie bei den Spielen 1984 in Los Angeles eine Reihe positiver Dopingproben auf Weisung von oben verschwiegen wurden.

Vier Tage vor Ende der Spiele teilte Don Catlin, Direktor des Dopinglabors, dem Kontrolleur Professor Arnold Beckett sichtlich erregt mit, er sei aufgefordert worden, seine Tests nicht fortzusetzen. Bis dahin hatten die Dopingfahnder schon viele positive Proben festgestellt. Doch nur ein Bruchteil davon, erinnert sich Catlin-Stellvertreter Craig Kammerer, sei auch geahndet worden. Bei einer späteren Tagung der Medizinischen Kommission des IOC mußte der Vorsitzende, der belgische Prinz Alexandre de Mérode, zugeben, daß er die Liste mit den gedopten Sportlern und die dazugehörigen Codenummern erhalten habe. Er habe sie in einem Raum des Hotels Biltmore verschlossen, der Schrank sei aber gewaltsam aufgebrochen und alle Dokumente seien entfernt worden.

»Es war ein Skandal, und man könnte fragen: Warum haben nicht wenigstens einige von uns etwas unternommen?«, fragte sich Beckett später. Den Laborleitern wurde statt dessen sogar untersagt, über die noch vorhandenen Ergebnisse zu berichten. Obwohl die IOC-Herren nicht müde werden, ihre angeblichen Bemühungen zur Eindämmung des Dopings zu propagieren, schert sich auch heute niemand um die verlorengegangenen Tests von Los Angeles. Eine nachträgliche Disqualifikation berühmter Sportler hätte ja auch einen Imageverlust für die Atlanta-Spiele bedeutet.

Die ganze Dopingwahrheit hätte zudem die Bemühungen des Präsidenten gestört, den Friedensnobelpreis zu erhalten. Jennings weist nach, daß es trotz gegenteiliger Verlautbarungen aus dem IOC seit Oktober 1986 eine Kampagne gibt. Bei einem Gespräch mit Inge Eidsvag, dem Rektor des humanitären Nansen-Instituts in Lillehammer, machte Samaranch einen direkten Vorstoß. Er erklärte, so Eidsvag, daß er oder das IOC den Nobelpreis verdient hätten, weil er »viel für den Frieden geleistet« habe.

Doch die Friedensplatitüden des IOC und seiner Claqueure verfangen in Oslo nicht. Die internationale Sportbewegung, meint Friedensforscher Eidsvag, habe keine Chance auf den Nobelpreis, sie sei nur »eine reiche undemokratische Elite«.

* Beim täglichen Training im Hotel während der Winterspiele 1992in Albertville.* Andrew Jennings: »Das Olympia-Kartell«. Rowohlt TaschenbuchVerlag, Reinbek; 344 Seiten; 16,90 Mark.

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