Deutsche Mountainbike-Hoffnung Nina Hoffmann "Downhill ist die Königsklasse des Radsports"

Früher war sie Speerwerferin, aber die Ergebnisse passten nicht zu ihrem Ehrgeiz. Mit 18 Jahren stieg Nina Hoffmann aufs Downhill-Bike um – und fuhr nun zum ersten deutschen Weltcupsieg seit mehr als 20 Jahren.
Im slowenischen Maribor gewann Nina Hoffmann ihr erstes Weltcuprennen

Im slowenischen Maribor gewann Nina Hoffmann ihr erstes Weltcuprennen

Foto: SOPA Images / SOPA Images / LightRocket / Getty Images

Nina Hoffmann strahlt, als sie von diesem Rennen im slowenischen Maribor erzählt. Von dieser steilen Abfahrt über Wurzeln und Steine, die keine Fahrerin an jenem Sonntag vor zwei Wochen so schnell absolvieren konnte, wie sie. Ihre Stimme überschlägt sich, als müsste sie auch diese Nacherzählung in Bestzeit den Berg runterbringen:

"Ich bin wirklich verhalten los, hab bis zur ersten Zwischenzeit auch die ganzen Kurven nicht optimal erwischt, dann hat es irgendwann klick gemacht, ich bin super durchs Steinfeld gekommen, und dann dachte ich, okay, das hier unten liegt dir, da haste noch nie Probleme gehabt, jetzt gib Gas."

Das Ziel sei gewesen, sauber zu fahren und nicht zu stürzen, so wie es ihr beim Lauf zuvor passiert war. Gelungen ist ihr ungleich Größeres: der erste deutsche Downhill-Weltcupsieg seit Markus Klausmann im Jahr 1996. Hoffmann ist in diesem Jahr geboren. Zum Mountainbiking aber kam sie erst vor wenigen Jahren.

Noch vor fünf Jahren war Hoffmann Leichtathletin, besonders begabt im Speerwurf. Allerdings lief es in jener Saison alles andere als gut, die Ergebnisse nach Verletzungen nicht dem eigenen Ehrgeiz entsprechend. Zur Ablenkung nahm ihr damaliger Freund Lucas sie mit auf eine Mountainbiketour. "Das hat mir schon mega Spaß gemacht, aber ich habe immer gesagt: Nee, das kann ich nicht machen, ich darf mich nicht verletzen."

Doch der Ellenbogen schmerzte weiter, Hoffmann gab das Werfen auf und meldete sich kurze Zeit später zu ihrem ersten Downhill-Hobby-Rennen an. "Das habe ich mit zehn Sekunden Vorsprung gewonnen. Danach habe ich gesagt: Ich fasse jetzt keinen Speer mehr an", sagte sie dem SPIEGEL in einem Videoanruf während des Saisonfinals im portugiesischen Lousã (2. Rennen: Sonntag, 13.30 Uhr, Livestream: Redbull.com).

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Das Adrenalin, die kognitiven Herausforderungen, dazu das vollgefederten Rad, "das praktisch alles allein macht" – das hat Hoffmann überzeugt. Und für die Sprünge, die ihr zu Beginn noch zu groß waren, gab es ja die "Chicken Line", die außen herum führt. Heute braucht Hoffmann die "Angsthasenlinie" nicht mehr. Ihre besten Läufe fährt sie mutig und aggressiv – wie bei ihrem Premierensieg.

Auf dem Trainingsplan stehen Krafttraining, um die Kräfte, die bergab vor allem auf Rumpf und Oberkörper einwirken, halten und entsprechend explosiv reagieren zu können. Kurzzeitausdauer ist ebenso gefragt. Dazu braucht es eine gute Auffassungsgabe, ein weites räumliches Sehen, eine schnelle visuelle Verarbeitung und Reaktionsfähigkeit. "Man muss einfach manchmal in einem Bruchteil einer Sekunde reagieren, weil in einer Linie was liegt." Damit die Augen es schaffen, den Horizont zu stabilisieren, fixiert Hoffmann etwa auf einer entfernten Wand einen Punkt, während sie auf und ab wippt, um die Schläge während der rasanten Abfahrt zu simulieren.

Sie wollen sehen, was Nina Hoffmann sieht, wenn sie die Piste runterrast? Hier sind Aufnahmen ihrer Helmkamera:

Mountainbiking ist ein teurer Sport, und Downhill, sagt Hoffmann, sei die Königsklasse des Radsports: "Wir fahren die High-End-Räder, bei uns wird wahnsinnig viel getestet und entwickelt, was dann auch an die Fahrradindustrie verkauft wird." Auch sie habe ihr erstes Rennen nur fahren können, weil ihr Freund Lucas ihr damals ihr erstes Bike geschenkt habe.

Fahrwerk, Lenkung, Räder – tatsächlich spielt das Material eine große Rolle im Spitzenbereich. "Wer vorne mitfahren will, der braucht nicht mit einem eigenen Set-up anzukommen, da hast du keine Chance", sagt Hoffmann. Verschiedene Strecken, durch Anlage, Wetter und Abnutzung beeinflusst, fordern unterschiedliche Einstellungen. "Außerdem geht beim Rennen so viel kaputt. Wenn du dann keinen Ersatz hast und niemanden, der dir das schnell umbaut, dann leidet die Leistung enorm."

Hoffmann hat ihre erste Elite-Saison selbst finanziert, 2017 dann immerhin Material gestellt bekommen. 2019 habe sie durch Preisgelder für die ersten Weltcup-Podiumsplätze immerhin schon in Unterkünften statt in ihrem Auto schlafen können. Anfang dieses Jahres konnte sie mit dem Budget ihrer Sponsoren ihr eigenes UCI-Team gründen und einen Mechaniker bezahlen, erzählt sie und berichtet begeistert, dass sie vor der Saison sogar erstmals zu einem Testcamp mit ihrem Fahrwerksponsor geladen war. Flüge und Hotels buchen, Autos mieten, die Organisation der Corona-Tests an der Grenze – all das macht Hoffmann aber auch heute noch selbst für sich und ihr Team: "Ich finde es cool, mein eigener Chef zu sein", sagt die Psychologiestudentin.

Im Stehen fahren, Ellenbogen und Knie leicht gebeugt, Blick nach vorn richten, in die Kurve gucken, nicht auf den Baum am Ende – und einfach Spaß haben

Nina Hoffmanns Tipps fürs Downhillfahren

Dass sie seit den Neunzigerjahren die erste deutsche Fahrerin in der Weltspitze ist, wundert Hoffmann nicht. "Wir haben einfach keine Nachwuchsförderung. Es gibt keine Strukturen, keine Vereine", sagt die Quereinsteigerin. "Wir sind halt keine olympische Sportart, deswegen sind keine Gelder da und daher ist vom Bund Deutscher Radfahrer wenig Unterstützung möglich."

Nina Hoffmann hat es trotzdem geschafft.

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