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BOBRENNEN Mußt einen Engel mitnehmen

aus DER SPIEGEL 4/1951

Der Pariser Vertreter der Deutschen Presse-Agentur wurde per Telefon hochnotpeinlich verhört. Ob die deutschen Teilnehmer der Bob-Weltmeisterschaft 1951 in Alpe de Huez (Südfrankreich) »NS-belastet« seien?, wollte das französische Außenministerium wissen.

Drei Tage vorher hatte Graf de Fregolière, Präsident des Internationalen Bob-Verbandes, seinem Kollegen vom Deutschen Bob-Verband, Otto Griebel, Frankfurt, mitgeteilt, der Präfekt von Grenoble könne den deutschen Bob-Mannschaften die Einreise nicht genehmigen. In der Gegend um Grenoble gäbe es notorische Nester der französischen Résistance. Es könne zu Ausschreitungen gegen die deutschen Mannschaften kommen.

In Garmisch folgerte der Deutsche Bob-Altmeister Hanns Kilian: »Da könnten wir ja genau so gut behaupten, Garmisch sei ein Widerstandsnest gewesen!« Und, ruhiger: »Mir tut leid, daß die französischen Bobfahrer wegen ihrer Landesmeisterschaft nicht zur Garmischer Wintersportwoche kommen konnten. Wir hätten sie gerade jetzt mit besonderer Herzlichkeit aufgenommen. Für uns ist der Krieg nämlich schon seit fünf Jahren zu Ende.« Am Sonntag knurrte Kilian: »Jetzt fahren wir überhaupt nicht mehr. Auch wenn wir noch dürften. Wenn wir unerwünscht sind, gehen wir erst gar nicht hin.«

Aber als am Dienstag das französische Visum doch noch kam, verklärte sich seine Miene: »Wir fahren doch! Irgendwann muß der Haß ja mal aufhören!« Also rollten am Freitagvormittag die Mannschaften Ostler und Winkler ab Garmisch gen Frankreich. Noch ehe sie die Grenze passiert hatten, kam vom Sportkomitee »Kommando zurück.« Das französische Innenministerium hatte die Einreisegenehmigung zurückgenommen.

Aus dem Riessersee gesägt. Hans Winkler, werktags Garmischer Taxi-Chauffeur, hat den Umgang mit Franzosen schon auf der Bob-Weltmeisterschaft 1934 in Garmisch gelernt. Da erschien auf der Bahn über dem Riessersee eine komplette Grafen-Mannschaft aus Paris. Als Graf Nummer 4 überraschend nach Hause gerufen wurde, jumpte der handfeste Bürgerliche Winkler auf den feudalistischen Bob - ohne ein Wort Französisch zu verlieren. Das Team kam auf dem dritten Platz ein.

Bei der Garmischer Festwoche fuhr Winkler als Steuermann im Rennen um die süddeutsche Viererbob-Meisterschaft. Sie war mit 7000 Zuschauern (beim Olympia-Bobrennen 1936 waren es nur 5000) der Kassenschlager in der zwar Star-überhäuften, doch Pappschnee-verklebten Internationalen Wintersportwoche.

Aber die 15 Kurven der 1611-Meter-Strecke kosten auch alljährlich 10 000 DM, bis sie wieder befahrbar sind. Bayerns Bobverband-Vorsitzender Teddy Buchwieser muß dazu mit seinen 12 alpinen Spezialisten rund 10 000 Eisquader aus dem nahen Riessersee sägen und überall da zu einer spiegelglatten Fläche zusammenfrieren, wo Kurven-Drücke (bis zu 6 Tonnen) entstehen, wenn ein Viererbob plus Besatzung (8 bis 10 Zentner) mit 100 km/h hindurchfegt.

»Das ist es ja, warum wir alle so komplette Bobianer sind«, erklärt der Berliner Bobverbandsvorsitzende Theo Leske, »wir kutschen mit Affenzahn mitten durch die schönste Gegend, und ich glaube, daß nur wenige einen Bob besteigen würden, wenn keine Gefahr dabei wäre.«

Den Reiz der Gefahr auf der Garmischer Bahn haben bisher vier Männer nicht überlebt. Als letzter Schwedens Bobverband-Sekretär Rolf Odenrick, 33 Jahre alt. Am 7. Januar 1951, um 18.32 Uhr, starb er an einem doppelten Schädelbasisbruch. Der Stockholmer Ingenieur kam an diesem Sonntagnachmittag beim Training für die Wintersportwoche zu hoch in die Bayernkurve und schleuderte auf der Gegenseite in der Zielgeraden aus der Bahn.

Schon im Vorjahr hatte Leske dem stämmigen Schweden gesagt: »Mensch, du mußt aber jedesmal einen Engel mitnehmen!« So fahrig lenkte Odenrick seine Maschine. Als er am Morgen seines Todestages mit einem Zweierbob aus der Bahn flog, warnten ihn alle: »Laß heute bloß die Hände vom Vierer.« Er aber zuckte nur mit der Achsel.

In kritischen Momenten. Odenricks Sturz aktualisierte für die in Hanns Kilians Kurhotel versammelten Bobianer aus sechs Nationen die Frage: »Seil- oder Radsteuerung?« Die Schlingen seiner beiden Steuerseile hatte sich Odenrick zu weit über die Handgelenke gezogen. Als der Bob umschlug, kam er nicht rechtzeitig frei. Seine drei Mitfahrer blieben unverletzt.

Reto Capadrutt, 1937 in St. Moritz tödlich gestürzt, fuhr auch einen Seil-Bob. Aber auch Fritz Feierabend, vierfacher Weltmeister und der Erde versiertester Bob-Bauer, lenkt mit Seilen.

Das sind die Seil-Vorteile: Der Fahrer spürt die Steuerung des Bob bis in die Knöchel, während die Vibration beim Lenkrad spätestens in der Steuerschnecke endet. Der Seilbob ist empfindsam im Steuer und überdies, wie viele Bobianer glauben, schneller, vor allem, weil er in der Geraden von selbst spurt. Dafür besitzt der Seilfahrer in kritischen Momenten weniger Steuergewalt und darf während der ganzen Zeit nie die Hände aus den Schlaufen ziehen.

Was heute Seil- oder Radsteuer sind, war 1897 ein einfacher Rodelschlitten, der, durch ein Brett mit dem Sitzschlitten verbunden, als Steuerung diente. So schlidderten damals ein paar sportbegeisterte Engländer über vereiste Straßen im Engadin. Heute baut die Schweiz flexible (in sich verschiebbare) Maschinen, die von sich aus in den Kurven das Gleichgewicht halten.

Amerikanische Bequemlichkeitsanbeter gleiten auf Schlitten mit Stoßdämpfern.

Mit Lötlampen geheizt. 30 bis 40 Stundenkilometer waren vor 50 Jahren schon exorbitante Geschwindigkeiten. Deutschlands neuer Bob-Star Anderl Ostler fuhr zuletzt die Garmischer 1611 Meter in 1:13:61 Minuten, Stundenmittel 78,8 Kilometer, bei fast stehendem Start. Das sind in der Bayernkurve über 100 km/h.

Nur drei Meter darf der Startschlitten beim Start angeschoben werden. Was hier an Sekunden flöten geht, kann man in der Kurve nicht mehr herausholen. Also schiebt Stan Benham, US-Weltmeister 1948/50, seinen Bob mit allen vier Mann an.

Dauernd grübeln alle Bobianer, wie sie ihren Schlitten weiter beschleunigen können. Sie zogen sich Spikes (nagelgespickte Sprintschuhe) an, um beim Start schneller abzukommen. Die Amerikaner machten 1936 in Garmisch-Partenkirchen kurz vor dem Start ihre Kufen mit Lötlampen heiß und damit gleitend. Das ist aber laut internationaler Regel ebenso verboten wie Spikes und die Bleiwesten der US-Fahrer.

Erst nach dem Kriege fand man endgültig heraus, daß das Tempo vom Gewicht abhängt. Seitdem ist das Bobfahren ein Sport für Beleibte. 285 Pfund lastete US-Bremser-Korporal McDonald in Garmisch auf seinen Zweier-Bob.

»Der Bremser heißt Bremser, weil er nicht bremsen darf«, grinst der lange Otto Griebel. Nur beim Zweierbob-Rennen hat der Bremser wegen des geringeren Gewichts der Maschine und der unruhigeren Fahrt etwas zu tun. Er muß seine Zentner dauernd verlagern, um den Bob zu stabilisieren und zu beschleunigen. Beim Viererbob tritt der Bremser nur vor Labyrinthen in Aktion, einer Kette kleinerer Links-Rechts-Kurven ohne Zwischengerade.

S-Kurven, wie die in Cortina, sind am gefährlichsten. Dort legte Theodor Leske 1938 mit Zweitfahrer Fritz Wiese den »vollendetsten Sturz Europas« hin. 34 Meter segelten die beiden durch die Luft, mitten in einen dichten Wald hinein. Daß Leske nicht gegen einen Baum geknallt ist,

schreibt er seinem »Engel« zu. »Alles, was nicht niet- und nagelfest war an Knochen, haben wir uns gebrochen«, kann Leske heute angeben. »Wir Idioten gingen eben zu schnell in die S-Kurve.«

Ehrgeiz verlöscht. Altmeister Hanns Kilian gilt heute noch unter allen Bobfahrern als der Kurvenexperte. Ohne zu »schwanzeln« und den Bob zu »verreißen«, zieht er seine Bahn in halber Höhe der Kurve. Der Trick, die Kurve steil anzufahren, die Maschine oben herumzureißen und abfallen zu lassen, frißt am Tempo.

Die Garmischer Bobbahn führt keine S-Kurve. Daß sie trotzdem mit einer Höhendifferenz von einigen fünfzig Metern voller Tücken steckt, mußte Bobweltmeister Stan Benham schon am ersten Trainingstag der Wintersportwoche feststellen. »Jetzt will ich mal rasch Kilians Bahnrekord auslöschen«, verkündete der bebrillte Amerikaner am ersten Trainingstag. 60 Sekunden später verlöschte sein Ehrgeiz im Schnee.

Auch beim ersten Rennlauf der süddeutschen Meisterschaft stürzte Benham hinter dem Ziel, so daß er den zweiten Lauf nicht mehr fahren konnte. Doch Ostlers Sieg war von Anfang an eine sichere Wette. Jetzt hätten die beiden heißen Rivalen zusammen mit Winkier auf der funkelnagelneuen französischen Bahn Alpe de Huez das Rennen unter sich ausmachen sollen - da kam die Einreisesperre.

Die Garmischer glaubten, an Ostlers Siegeschancen sei nichts zu tippen. Nur Leske bedachte: »Da sind zwei hundsgemeine Haarnadelkurven mit nur 25 Meter Radius. Hier hat Benham einen kleinen Vorteil, falls sein Schlitten bei gleicher Spurweite, 67 cm, einen halben Meter kürzer ist. Es entsteht ein solcher Druck, daß fast der Schlitten zusammenbricht.«

Doch auch die Experten Kilian und Griebel waren überzeugt, daß der Weltmeister 1951 Anderl Ostler geheißen hätte. Die Bobsportler - meinen sie - hätten wahrscheinlich die erste Nachkriegs-Weltmeisterschaft nach Deutschland gebracht. An der Bürokratie der Französischen Republik seien sie gescheitert.

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