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NACH DEN ZWEITEN WIRD KAUM NOCH GEFRAGT

aus DER SPIEGEL 43/1968

Der Ehrengast Ernst Benda kam 100 Minuten zu spät und präsentierte den Gastgebern seinen Mißmut über mexikanische Zustände wie einen Strauß verdorbener Blumen. Bonns Mexiko-Botschafter Zapp und vierzig zu Ehren Bendas hergebetene Ia-Besucher aus der Bundesrepublik, die sich beim Apéritif im Plüschsalon der Botschafter-Residenz ermattet die Beine vertreten hatten, nahmen zur Kenntnis, daß sieh der Herr Innenminister hei der Eröffnung der mexikanischen Spiele geradezu als Durchschnitts-Tourist behandelt fühlte.

Der zermürbende Kampf um Transportgelegenheiten, Park- und Sitzplätze, das erstickende Untertauchen im Verkehrschaos von Mexico City war ihm nicht erspart geblieben. Mit einem geliehenen VW unter seinem Stand motorisiert, ohne die beim Besuch der Sportstätten sehr angenehme Prominentenkarte. untergebracht auf billigen Plätzen, hatte er zusehends den Humor eingebüßt. Der defekte VW mußte geschoben, ein vom Minister als setbstverständlich erachtetes Interview mit dem deutschen Fernsehen erst erbeten werden.

Bendas dumpfe Verdrossenheit stachelte den untergebenen Gastgeber Zapp zu respektvoller Ungeduld auf. Nachdem Krebse und Poularden verzehrt waren, riskierte er eine Tischrede und ermahnte den Minister dezent zu einer geduldigeren, sozusagen diplomatischen Einstellung gegenüber lateinamerikanischen Verhältnissen überhaupt und dem außerordentlichen Gastland Mexiko im besonderen. Der ebenfalls anwesende Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel schien ihm in dieser Hinsicht ein Vorbild positiver Einstellung: Der sei von einem Abstecher zum Olympiafeuerwerk in der nahen Tempelstadt Teotihuacán sogar mit dreistündiger Verspätung zum Empfang gekommen und dennoch voll des Lobes über mexikanische Lebensart gewesen.

Das war nicht der Weg, Bendas Laune zu heben. Er bedankte sich so scharf für die Belehrung, daß sich Protestgemurmel an der Tafel erhob. Mit Rücksicht auf die Gastgeberin, sagte der Minister, wünsche er nicht, die Sache zu vertiefen, doch sehe er zwischen lateinamerikanischen Verhältnissen und einer deutschen Botschaft schon noch gewisse Unterschiede.

Zwei Tage nach diesem verdorbenen Abend hatten sich Status und innere Balance des Innenministers. der in einer Luxus-Suite des Märchenhotels »Camino Real« immerhin standesgemäß schlief, beträchtlich gebessert. Da fuhr er einen geborgten Mercedes mit Stander. Als er diesen vor der mächtigen Kupferkuppel des neuen »Palacio de los Deportives« an einer für andere Prominenz reservierten Stelle parken heu, schleppten mexikanische Ordnungskräfte das Ministerauto wider irden Landesbrauch an einen ziemlich verborgenen Platz, nach dem Benda lange zu suchen hatte.

Dem angeblichen Vorbild Vogel blieben vergleichbare Tücken des Olympia-Tourismus erspart. In ihm scheint die Unberechenbarkeit dieser uferlosen, von regelwidrigen Wolkenbrüchen heimgesuchten Metropole eine Lust an der Improvisation zu entfachen. Unbewegt notierte er nach 21 Economy-Reisestunden auf dem lustig dekorierten Flughafen, daß die »Aeronaves de Mexico« sein Gepäck in New York hatte stehen lassen, und begab sich alsbald in einem miserabel sitzenden Hemd aus dem Supermarkt an die täglich zwölfstündige Repräsentation der Münchner Interessen.

Es geschah bei der vom Botschafter erwähnten Reise nach Teotihuacán, daß der Führer des Prominentenbusses plötzlich erklärte, er beabsichtige nur mit vollem Wagen zurückzufahren. Da bildete der Oberbürgermeister der kommenden Olympiastadt ein kleines Aktions-Komitee und sammelte selbst die in der nächtlichen Ruinenlandschaft verstreuten Schlachtenbummler ein, bis er seinen Bus besetzt hatte. Als später ein von den Mexikanern versprochener Omnibus ausblieb. mit dem die Münchner nebst

* Im Gespräch mit dem deutschen Zehnkämpfer Kurt Bendlin.

Presse-Anhang die mustergültigen Arenen von Mexico City zu visitieren beabsichtigten, organisierte Vogel eilends eine Kolonne von Personenwagen. Wiewohl der Verkehrsverhältnisse absolut unkundig, setzte er sich selbst ans Steuer eines Leih-Mercedes, worauf er sogleich für einen Chauffeur gehalten wurde. Bei der Besichtigung des Azteken-Stadions zerriß er sich die Strümpfe beim Überklettern einer drei Meter hohen stachelbewehrten Palisanderwand, die dort die Eigentumslogen der Reichen von den Plätzen des Volkes separiert.

Er war der einzige deutsche Politiker, der es für erforderlich hielt, auf einer gemieteten Hazienda einen Empfang für heimische Athleten zu geben. Durch Höhenluft und Überanstrengung zu wütendem Hustenanfall gereizt, vergaß er doch niemals die optimistische Miene und die grundsätzliche Bereitschaft, gegebenenfalls auf Wunsch mexikanischer Gastgeber etwas zu singen. Für diesen nicht eintretenden Fall führte sein Referent stets den vollständigen Text der bayerischen Moritat vom »Wildschütz Jennerwein« mit sich.

Während Vogel aus München die Nachricht empfing, daß heimatliche SDS-Gruppen aus Protest gegen sein höfliches Verhalten und aus Solidarität mit den revoltierenden Studenten Mexikos den Münchner Olympiaturm zu sprengen drohten, begleiteten studentische Revolutionäre viele ausländische Gäste als Dolmetscher, Führer und Fahrer und hielten sie auf dem laufenden über die Ziele des studentischen Streik-Komitees, dem die Olympischen Spiele offensichtlich heilig waren.

Es gehört zu den bitteren Denkwürdigkeiten dieser Spiele, daß die Ehrengäste aus der ganzen Welt sich heimlich Studenten-Zeitschriften weiterreichen, in denen man die Leichenhügel des Gemetzels vom »Platz der drei Kulturen« abgebildet findet. In der Hotelbar raunen sie sich zu, wie in Wahrheit das geschehen sei, wovon nach außen hin niemand mehr Notiz zu nehmen scheint. Geheimagenten, deren Erkennungszeichen ein weißer Handschuh an der linken Hand gewesen sei, so hören die Gäste mit einer gewissen Gänsehaut von ihren Studenten und Hostessen, hätten an jenem unvergessenen Abend am »Platz der drei Kulturen« die Startschüsse für das Massaker gegeben, und ein Priester soll den Flüchtenden die Tür zur rettenden Kirche versperrt »haben.

Doch wird dieses Thema bei den Touristen allmählich verdrängt von entsetztem Staunen über das Leiden von Lang- und Mittelstrecken-Läufern und Ruderern, die im Olympiastadion und an der schönen Wasserstrecke von Xochimilco wie die Fliegen umfallen. Der deutsche Mannschaftsarzt Professor Reindell -- »mit der Häufung dieser Kollapse haben wir nicht gerechnet« -- eilte in die Stadt zurück, nachdem er in Xochimilco allein an einem Vormittag sieben höhenkranke Ruderer der internationalen Spitzenklasse blauverfärbt hatte zusammensacken sehen, und kaufte in einer Art Panik Sauerstoffbomben auf, an denen es anfangs entlang der Strecke gemangelt hatte. Er war der erste, der schon zu Anfang der Spiele die Gefahr eines tödlichen Ausgangs gewisser Wettkämpfe nicht mehr ausschließen wollte. Doch der gnadenlose Ablauf der Show wurde dadurch nicht beeinträchtigt.

Der Wettkämpfer unter der Sauerstoffmaske, mit den Armen um sich schlagend, gehört zum alltäglichen Bild dieser Spiele, in dem sich grausame, glorreiche und groteske Züge seltsam mischen. Das Gespräch über die explosive Verdauung der Kämpfer füllt ganze Pressekonferenzen, und manchmal will es scheinen, als verbinde nichts die Sportler der Welt und ihre Funktionäre so stark wie das tägliche »Mexaform«.

»Herr Professor Nöcker hat festen Stuhl gehabt«, meldet Professor Reindell als Neuigkeit über das Krankheitsbild des deutschen Missionschefs. Oder: »Auf dem Wege zum Start hatte Ebert (der Radfahrer) keinen Durchfall.«

In einer rundum erhebenden Sport-Architektur, umgeben von der beflügelnden Sportbegeisterung des mexikanischen Publikums, nimmt das Gesicht des Sportes gleichwohl düstere, unmenschliche Züge an, die von ferne an den Opferkult des Huitzilopochtli erinnern. Als stünde auch das Mitleid mit den olympischen Opfern schon auf dem Programm, eilen bei Zusammenbrüchen im Stadion jugendliche Helfer zu den Kämpfern, die sich in Atemnot krümmen, und streicheln sie sanft, während sich die Sauerstoffmaske über die verzerrten Gesichter senkt.

In dem Maße, in dem die olympische Organisation sich bläht, schwindet die Bedeutung des einzelnen Sportlers, der in Mexiko nach außen hin selbst dann eine Nummer bleibt, wenn er sich unter den Siegern befindet. Im Kegel der Scheinwerfer ist eigentlich nur noch Platz für die Ersten. Nach den Gewinnern der Silbermedaille schon wird bei den internationalen Pressekonferenzen im Souterrain des Stadions kaum noch gefragt. Sheila Sherwoud, die britische Zweite im Damen-Weitsprung, empfahl sich des-

* Die uruguayische 400-Meter-Läuferin Josefa Vicent nach dem 'Vorlauf am Montag letzter Woche,

halb bei dieser ebenso obligaten wie unerquicklichen Ehrung auf französisch. Auch Charlie Greene aus Nebraska, der Dritte im Hundertmeterlauf, dessen Zeit immerhin zehn Sekunden betragen hatte, mokierte sich über die Szene, bei der allein sein Kollege Hines aus Arkansas und dessen 9,9 Sekunden von Interesse waren. »Ich habe gesehen«, sagte er und strich sich den Bart, »daß sie nur von meinem Freund Jim was wollen«, und schlenderte voll Resignation davon.

Hinzu kommt, daß allerlei empfindliche Organisationsmängel die Stimmung der Aktiven, der Funktionäre und Journalisten belasten. Da etwa die Omnibusse des versprochenen Pendelverkehrs in der ersten Woche häufig nicht im mindesten pendelten, sahen sich am Rande der endlosen Avenuen Sportler, Funktionäre, Presseleute und Schlachtenbummler in der undankbaren Rolle des Anhalters. (Wie die olympischen Entfernungen sind, kann ich vom Tachometer eines Leihwagens lesen, mit dem ich in der ersten Woche der Spiele 924 Kilometer zu Sportstätten zurückgelegt habe.)

Ermüdend spät und oft falsch erscheinen die Zeitangaben auf den von Olivetti gespeisten Omega-Daten-Tafeln. Es kann vorkommen, daß dort ein gar nicht vorhandener Kämpfer genannt wird, wie der ostdeutsche Hürdenläufer Joachim Singer, der nach einer Ausscheidung als Zweiter gemeldet wurde, während er sich in Wahrheit daheim in Karl-Marx-Stadt befand.

Dennoch traf der Herzog von Edinburgh bei einem Besuch im Olympischen Dorf zu Recht die Feststellung: »Mexiko hat sich selbst übertroffen.« So elementar war ja das mexikanische Streben nach technischer und ästhetischer Vollkommenheit, daß man in den großen Fahnenmast des Olympiastadions sogar eine Preßluft-Leitung einbaute, um die olympische Flagge von Anfang an ideal flattern zu lassen. Was den Herzog betrifft, so widmet er sich in der Olympiastadt aktiv dem Polo-Spiel, einer, wie er sagt, gottlob noch nicht olympischen Disziplin, die demgemäß noch wirklich Vergnügen bereitet. Währenddessen besuchte sein niederländischer Standesgenosse, der passionierte Reiter Prinz Bernhard, im Gefängnis von Mexico City den mexikanischen Turnierreiter General HumbertoMariles, der im Zorn einen Menschen getötet hat.

Die allerhöchste Society konsumiert die Olympischen Spiele eben auf eine sehr individuelle Weise. Im Hause des reichen Ortiz de la Huerta wurde zu Ehren des Pariser Modeschöpfers Jacques Esterel eine Olympia-Party gegeben, bei der man mit einem brennenden Besen im Wasserbecken des Gartens unter allgemeinem Gekicher eine olympische Flamme entzündete. Die reiche Augenzeugin Beatrice Uns versprach bei diesem festlichen Anblick, in ihrem Hause eine gleichwertige olympische Schlußfeier zu arrangieren.

Peter Brügge

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