Nachruf auf Karl Senne Das Familienmitglied vom ZDF

Karl Senne hat beim ZDF in einer Zeit über Sport berichtet, als die Zustände für Journalisten noch paradiesisch waren – man durfte ausprobieren, was und wie man wollte. Die Reporter waren wie gute Freunde im Wohnzimmer.
ZDF-Sportjournalist Karl Senne

ZDF-Sportjournalist Karl Senne

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IMAGO / Sven Simon

Karl Senne kam aus der Luft zu uns nach Hause. In Paderborn gab es in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht viel großen Sport zu sehen, der Fußballklub hielt sich meistens in der Drittklassigkeit auf, der Regionalstolz fokussierte sich auf den Volleyballverein VBC und auf den Segelflugplatz Haxterberg.

1981 wurde dort die Weltmeisterschaft im Segelfliegen ausgetragen, eine WM in Paderborn, und zu diesem Anlass bekam man sogar einen leibhaftigen Moderator des ZDF-Sportstudios zu Gesicht. Einer, den man sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Das war eine Respektsperson.

Segelfliegen war die Leidenschaft von Karl Senne, er berichtete nicht nur ausdauernd darüber, er flog selbst – und zwar gar zu mehreren Weltrekorden.

Ich erinnere mich an ausufernd lange Beiträge in der ZDF-Sportreportage, in denen Senne selbst in der Pilotenkapsel saß, Senne im Himmel, und unter ihm Australien, es waren paradiesische Zeiten im Fernsehjournalismus. Der Himmel war weit offen.

Als Hobbyrennfahrer bei den 24 Stunden vom Nürburgring

Wenn er auf dem Boden war, kümmerte sich Senne um den Motorsport, die Nachmittage in der Formel 1 gehörten damals noch den Öffentlich-Rechtlichen, so wie jeder Sport ihnen gehörte, vom Fußball über den Radball bis zur Rallye Monte Carlo.

Senne war der Formel-1-Mann. Er moderierte neben dem »Sportstudio« auch die Autosendung »Telemotor«, er saß selbst als Hobbyrennfahrer am Steuer bei den 24 Stunden vom Nürburgring, Senne wollte gern selbst stets wissen, worüber er berichtet, es selbst ausprobieren. Die Freiheit gab es damals. Und Autofahren gehörte damals noch zur großen Freiheit dazu.

Dauergast auf dem Bildschirm

Die Leute aus der ZDF-Sportredaktion, sie gehörten bei uns damals regelrecht zur Familie. Das »Sportstudio«, das Senne 128 Mal selbst moderiert hat, war uns Kindern ein bisschen zu spät, obwohl es damals schon um viertel vor zehn begann, das ist im Vergleich zur heutigen Sendezeit Primetime gewesen. Unser Herz gehörte vielmehr der »Sportreportage« am Sonntagnachmittag, und auch dort war Senne nicht nur dank der Formel 1 Dauergast.

Karl Senne interviewt Formel-1-Star Keke Rosberg

Karl Senne interviewt Formel-1-Star Keke Rosberg

Foto: IMAGO / teutopress

Wer damals auf dem Bildschirm auftauchte, als Reporter, als Moderator, als Kommentator, war ein guter Freund, wir kannten alle Gesichter, wir kannten vor allem aber auch alle Stimmen. Man konnte im Nebenraum sein und das Fernsehbild nicht sehen, wenn man die Stimme hörte, wusste man Bescheid.

Oskar Wark, leicht schnaufend, man konnte ihn höchstens optisch mit dem schwergewichtigen ZDF-Nachrichtensprecher Gerhard Klarner verwechseln; Wolfram Esser, der immer so wirkte, als nehme er das alles nicht so wichtig, was er da erzählte; Arnim Basche, der immer leicht sauertöpfisch wirkende Pferdespezialist, natürlich Bruno Moravetz, den man sich ohne Ski schwer vorstellen konnte, Moravetz, der sein »Wo ist Behle?« in die Winterlandschaft von Lake Placid hineinseufzte und so TV-Geschichte schrieb.

Karl Senne mit Kollege Dieter Kürten

Karl Senne mit Kollege Dieter Kürten

Foto: IMAGO / Werek

Die beim ZDF, die waren immer eine Spur lässiger, stylischer als bei der ARD: Harry Valérien mit seinen Pulloverfarben, der vor der Kamera Gespräche leiten konnte wie wenige. Die beiden gleichnamigen Werners Schneider mit i und Schneyder mit y, und auch sonst unterschied die beiden vieles, Magdalena Müller, die einzige Frau in der Runde mit ihrem unverkennbaren Augsburger Dialekt, der Chef Hanns Joachim Friedrichs, eine Autorität in jeder Hinsicht. Dazu die jungen Wilden Michael Palme, Günter-Peter Ploog. Der »Welt«-Kolumnist Oskar Beck hat sie mal die »journalistischen Anarchisten« genannt. Die hatten vor nichts Respekt.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle schon tot sind. Die Zeit ist vorbei.

Ein Grandseigneur vor der Kamera

Ein journalistischer Anarchist war Karl Senne wahrlich nicht. Meistens zur Moderation elegant gekleidet, im hellen Sommeranzug, braun gebrannt, der Seitenscheitel tadellos, ein Grandseigneur vor der Kamera. Der Motorsport hatte damals noch viel mehr Gentleman-Flair, Senne passte gut dorthin.

In dieser Art führte er das Ressort auch als ZDF-Sportchef. Erst als er abtrat und Wolf-Dieter Poschmann seine Nachfolge antrat, wurde der Tonfall in der Redaktion ruppig.

Das alles wirkt so lange her, wie es tatsächlich vergangen ist. Die Formel 1 ist aus dem ZDF längst verschwunden, andere Sender haben sich mit viel Geld die Liverechte gesichert, Segelfliegen ist kein Thema in der Sportberichterstattung mehr, und die Reporter erkennt man aus dem Nebenraum auch nicht mehr an den Stimmen. Die DAZN-Generation macht ihren Job, aber die Unverwechselbarkeit ist weg. Zum Ende des Jahres verabschiedet sich Béla Réthy in den Ruhestand, einer der letzten Erkennbaren.

Als beim ZDF Anfang der Neunzigerjahre ein Nachfolger von Wim Thoelke für die Quizsendung »Der große Preis« gesucht wurde, war auch der Name Karl Senne im Gespräch. Daraus wurde dann nichts, obwohl der Name »Der Große Preis« für einen Formel-1-Reporter wie zugeschnitten gewesen wäre. Aber eine Spielshow, das wäre dann wohl doch nicht das Wahre geworden für den Grandseigneur Karl Senne im hellen Anzug.

Mit fast 88 Jahren ist Karl Senne gestorben. Es wäre ihm zu wünschen, dass es dort oben eine Möglichkeit zum Segelfliegen gibt. Über den Wolken.

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