Nachruf auf Star-Wrestler Inoki Mit Fußtritten gegen Alis Schienbein

Der Wrestler Antonio Inoki wurde durch seinen absurden Kampf gegen Muhammad Ali weltbekannt. Das Duell war eine Farce, die Inoki Unrecht tut. In seiner Sportart war er einer der Allergrößten.
Inoki fliegt, Ali ist überrascht

Inoki fliegt, Ali ist überrascht

Foto: KYODO / REUTERS

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Was für ein Spektakel! Aber was für eine Posse auch. Millionen an den Fernsehschirmen sehen an diesem 26. Juni 1976 dem größten Boxer aller Zeiten zu, wie er sich gegen einen vor ihm auf dem Boden krabbelnden Gegner zu wehren versucht. Ein Gegner, der ihm von dort aus dauernd gegen das Schienbein tritt. Ein bizarres Schauspiel, dieser Kampf. Eigentlich darf man ihn gar nicht als Kampf bezeichnen.

Die PR-Strategen nennen diesen Kampf zwischen Muhammad Ali und Antonio Inoki den »Kampf des Jahrhunderts«, den »Krieg der Welten«, aber er ist eine Zirkusnummer. Der größte Boxer seiner Zeit und der größte Wrestler seiner Zeit gemeinsam im Ring, und beide machen sich im Grunde lächerlich.

Inoki tritt, Ali weicht aus

Inoki tritt, Ali weicht aus

Foto: Anonymous / AP

Die Promoter wollten es so. Ali stand durch die Jahrhundertkämpfe gegen Joe Frazier und George Foreman zwar auf dem Höhepunkt seines Ruhms, dennoch war Geld immer noch eine Triebfeder, der er und sein Management nicht widerstehen wollten. Warum er so etwas mitmache, gegen einen Wrestler in den Ring zu steigen, war er im Vorfeld gefragt worden. »Sechs Millionen Dollar« war seine ehrliche Antwort.

Ali schlug nur sechs Mal zu

Und so entwickelte sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit Folgendes: Inoki hatte sich die Taktik zurechtgelegt, den Kampf vom Boden aus zu gestalten, vollkommen im Einklang mit den Regeln seines Sports. Von unten traktierte er den Champion unablässig mit Fußtritten, Ali wusste darauf nichts zu antworten: In 15 Runden gelangen ihm nur sechs Faustschläge.

Das Publikum, das astronomische Ticketpreise gezahlt hatte, um dem Kampf beizuwohnen, reagierte zunehmend irritiert, begann zu buhen und zu pfeifen. Keine Ahnung, was sie sich vorgestellt hatten: einen hilflosen Boxweltmeister, der nichts tut, außer dem Versuch, einem tretenden Gegner, der am Boden liegt, auszuweichen, jedenfalls nicht. Am Ende wurde der Kampf als unentschieden gewertet, das passte ins Bild.

Die Kontrahenten vor dem Kampf

Die Kontrahenten vor dem Kampf

Foto: Anonymous / AP

Inoki, in der Nacht zu Samstag im Alter von 79 Jahren gestorben, wird durch diese Farce in der Budokan Arena von Tokio dennoch zu einer Figur des Weltsports. Was insofern schon extrem absurd ist, da er in seiner Sportart ohnehin zu den Superstars zählte. Muhammad Ali hatte es nicht nötig, sich für eine solche Kirmesnummer herzugeben. Aber Antonio Inoki auch nicht.

Als Leichtathlet angefangen

Denn der damals 33-Jährige war in seiner Heimat schon eine Legende, die berühmteste Figur, die Wrestling in Japan hervorgebracht hatte. Schüler des ikonischen Rikidozan, dem Vater des Wrestlings in Fernost. Dabei hatte Inoki, mit seiner Familie als Kind von Japan nach Brasilien ausgewandert, erst als Leichtathlet angefangen, als Kugelstoßer und Diskuswerfer brachte er es ziemlich weit.

Aber seine wahre Offenbarung war Wrestling, das damals in Deutschland noch Catchen hieß. Rikidozan holte ihn nach Japan zurück, nahm ihn unter seine Fittiche, und schon in den frühen Sechzigerjahren stieg Inoki zum Star auf.

Der Mann und sein berühmtes Kinn

Der Mann und sein berühmtes Kinn

Foto: TORU HANAI / REUTERS

In einer japanischen Gesellschaft, die zu jener Zeit erst begann, sich dem Westen zu öffnen. Die Yakuza, die japanische Mafia, war ein bedeutender Faktor. Inokis Trainer war in sie verwickelt, nach einer Messerstecherei mit einem Yakuza starb er 1963 an den Folgen der Verletzung. Die Messerklinge war mit Urin benetzt gewesen, die Wunde hatte sich entzündet – mit tödlichen Folgen für Rikidozan.

Ringname »Brennender Kampfgeist«

Nach dessen Tod organisierte sich Inoki, ausgestattet mit dem Ringnamen »Brennender Kampfgeist« selbst, in den frühen Siebzigerjahren gründete er seine eigene Wrestling-Organisation. Da war er schon so populär wie Hulk Hogan in den USA. Für die Manager, die den Kampf gegen Ali austüftelten, war daher klar: Wenn es einen Gegner für The Greatest gibt, dann muss es Antonio Inoki sein.

Den Promotern des Boxstars schwebte allerdings von Anfang an eine durchchoreografierte Show vor, ganz im Sinne des Wrestlings, bei der im Ring mehr Schein als Sein ist. Ausgerechnet der japanische Wrestlingstar wollte dabei aber nicht mitmachen.

Der Politiker Antonio Inoki

Der Politiker Antonio Inoki

Foto: FRANCK ROBICHON / EPA

Für Inoki war das Duell mit Ali eine sportliche Auseinandersetzung, er bereitete sich seriös darauf vor – inklusive der großen Töne im Vorfeld. Er überreicht Ali eine Krücke. Eventuell werde er Ali einen Arm brechen, wenn sein Gegner den Kampf nicht ernst nehme, kündigte er an. Das hat das Ali-Lager dann doch nervös gemacht. Eine Gruppe der Black Muslims, in jenen Jahren immer um Ali herum, droht, Inoki zu töten, falls er dem Champion nachhaltig wehtut.

Ali verspottete ihn als »Pelikan«

Dem Box-Champ imponieren die Kampfansagen nur am Rande, in Sachen Sprücheklopfen ist er schließlich unerreicht: »Es wird kein neues Pearl Harbour geben«, prophezeit er der japanischen Öffentlichkeit, er verspottet seinen Gegner wegen dessen ausladenden Kinns als »Pelikan«, und Wrestling sei im Grunde ja nichts anders als »Karate auf Distanz, also nichts wert«.

15 Runden später wird er anders darüber denken. Ali streicht zwar die Millionengage ein, aber er trägt von den Fußtritten Inokis auch eine schmerzhafte Wunde am Schienbein davon, die sich wiederholt entzündet und ihn jahrelang behindert. Die berühmte Schnelligkeit, mit der Ali seine Gegner entnervte, wird er danach nie wieder zurückerhalten.

Inoki setzt seine Wrestlingkarriere bis 1998 fort, danach verlegt er sich auf die Politik. Er zieht mehrfach mit unterschiedlichen Parteien ins japanische Oberhaus ein, gründet sogar eine eigene Partei: die »Sport- und Friedenspartei«. Immer wieder setzt er sich für Kontakte ins verpönte Nordkorea ein, schon als Aktiver war er dort aufgetreten: Seinem Kampf gegen den US-Wrestler Ric Flair sollen 190.000 Zuschauer in Nordkorea beigewohnt haben.

In den letzten Jahren war Inoki bereits durch eine schwere Krankheit gezeichnet, er konnte sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Am Samstag ist er den Folgen der Krankheit erlegen. Der brennende Kampfgeist ist erloschen.

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