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Neue Dimensionen

Ein amerikanischer Anwalt beherrscht den internationalen Profisport. Bei den Deutschen Golfmeisterschaften faßte der Jurist auch in der Bundesrepublik Fuß.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Eigentlich hat sich der Präsident des Deutschen Golf Verbandes Heinz Krings vorgenommen, sein Amt auch in Zukunft »als Herr« wahrzunehmen: vornehm und zurückhaltend, exklusiv und elitär. wie es nun einmal der Verkehrston in den Clubhäusern vieler deutscher Golfvereine vorsieht.

Ausgerechnet beim wichtigsten Ereignis der Saison, der international ausgeschriebenen Profi-Meisterschaft von Deutschland, schreckt Krings auf: »Das sieht hier ja aus wie auf einem Trödelmarkt.«

Schon vor dem Clubhaus des feinen Golf- und Landclub Köln e. V. der über 100 Berufsgolfspieler aus aller Welt geladen hatte, fing die ungewohnte Geschäftigkeit an. Aus einem Bierwagen der Actienbrauerei Dormagen wurden große Helle gezapft und verkauft.

Ein paar Schritte weiter bot die bayrische Sportbekleidungsfirma Carl Braun GmbH + Co. KG »funktionelle Sportmoden« feil.

Präsidentengattin Mildred Scheel sorgte mit einer überdimensionierten Werbewand für die Krebshilfe, Ehemann Walter als Teilnehmer einer Rahmenveranstaltung für weiteren Blickfang. Die Firma Daimler-Benz parkte an prominenter Stelle einen silbergrauen 450 SL, die versprochene Prämie für den Fall, daß ein Spieler seinen Ball mit einem Schlag in ein rund 150 Meter entferntes, tassengroßes Loch beförderte.

Sogar die Abschreibungsfirma Consulta war präsent: Neben der Deutschen Bank, der Autovermietung Hertz und der französischen Parfumfirma Lancôme hatten auch die Consulta-Manager Werbeflächen an den einzelnen Spielbahnen gemietet.

»Im 44. Jahr ihrer Austragung«, so hatte Verbandspräsident Krings vor dem Spektakel angekündigt, »wird die offene Meisterschaft von Deutschland in eine neue Dimension eintreten.«

Für diesen Wechsel sorgte ein Amerikaner, der mit den deutschen Golfhonoratioren kaum etwas gemein hat: Mark ("the Shark") McCormack übernahm gegen eine Gebühr von rund 300 000 Mark die Show, sorgte für das passende Personal und die professionelle Auswertung der Veranstaltung.

Für McCormack eine Kleinigkeit. Ohne den 47jährigen Juristen aus Cleveland läuft im internationalen Golf, aber auch in anderen Sportarten, kaum noch etwas. Seine International Management Group (IMG) hat 150 Athleten der ersten Garnitur unter Vertrag. Die »Octopus Unlimited« (Kraken Gesellschaft), so die US-Gazette »Sports Illustrated«, vermarktet Tenniscracks wie Björn Borg und Ilie Nastase, Autorennfahrer wie James Hunt oder Jody Scheckter. Selbst Backgammon-Strategen wie der angeblich weltbeste Spieler Philip Martyn werden von McCormacks Leuten gemanagt.

Der westdeutschen Skifahrerin Rosemarie Mittermaier verhalf der Muskel-Midas zu Werbeverträgen, die der Gold-Rosi nach einer zuverlässigen Schätzung runde drei Millionen Mark einbrachten.

Für diese Gefälligkeiten pflegt McCormack 10 bis 50 Prozent, im Schnitt etwa ein Viertel der gesamten Einnahmen der Sportler, für sich selbst abzuzweigen. Dafür wird geliefert: Hilfe und Beratung bei Vertragsverhandlungen, Reisevorbereitungen, Zeitpläne, Abrechnungen und Tips für Geldanlage. Auch für ein verkaufsförderndes Image wird gesorgt: Den südafrikanischen Rennfahrer Jody Scheckter schickte McCormack zunächst zum Friseur und zu einem Sprachlehrer, um ihn marktgerecht herzurichten.

Derlei Retuschen waren bei jenem Kunden überflüssig, mit dem McCormack vor 18 Jahren den ersten Kontrakt unterzeichnete: »Mr. Rolls traf Mr. Royce«, beschrieb »Sports Illustrated« die überaus einträgliche Partnerschaft McCormacks mit dem US-Golf-Idol Arnold Palmer.

Wahrend der Glanzzeit des volkstümlichen Champions wurde Golf endgültig zur populärsten amerikanischen Sportart. Bei Wettkämpfen folgten Tausende von Fans »Arnie's Army«, ihrem Idol. Sportflugzeuge kreisten mit flatternden Spruchbändern über den Schauplätzen: »Go Arnie go.«

Tatsächlich ging es ständig aufwärts mit Palmer; sein Vermögen wird heute auf 80 Millionen Dollar veranschlagt.

Nur ein Bruchteil davon sind Preisgelder. Als viel einträglicher erwies sich McCormacks Verhandlungsgeschick, seine Partner verschiedenen Firmen als Werbeträger zu verkaufen und dabei auf die regionalen Interessen der Kundschaft einzugehen. Palmers südafrikanischer Kollege Gary Player beschreibt das Geschäftsprinzip: »Wenn ich heute Spalding (eine Golfschläger-Marke) spiele, sind wir in Neuseeland.«

In Europa tauchten die Golf-Stars allenfalls zu kurzen Schaukämpfen auf. Offizielle Meisterschaften, bei denen es außer der Ehre nicht viel zu gewinnen gab, spielten die für US-Verhältnisse meist drittklassigen Einheimischen untereinander aus. Weil Golfspielen teuer und unpopulär blieb und ein profitables Zusammenspiel von Professionals und interessierten Firmen nie zustande kam, waren erste Namen nicht an den Abschlag zu bringen.

Folgerichtig sehen viele Werbeagenturen die Namen oder Firmensymbole ihrer Klienten lieber auf den Leibchen der Fußballer, die zum Wochenende per Fernsehen einem Millionenpublikum vorgeführt werden. Die kleine, aber feine Minderheit der 37 000 westdeutschen Golfclub-Mitglieder gilt nur einigen Herstellern von Luxuswaren als achtenswerter Markt.

Den westdeutschen Berufsgolfern blieb nichts als Stundengeben -- und allenfalls sportliches Mittelmaß. Keiner von ihnen darf an dem amerikanischen Turnier-Zirkus teilnehmen. Zusammen verdienten die 60 Besten im letzten Jahr nicht einmal ein Drittel jener Summe, die sich der Spitzenreiter der US-Liste ergolfte, die Millionen aus Werbeverträgen nicht gerechnet.

Um »das Golf der großen weiten Welt in unser Land zu holen«, fand Verbandspräsident Krings in diesem Jahr schließlich den Textilindustriellen Herwig Zahm als Geldgeber. Trotz einiger Bedenken im Verband ("Muß es denn ausgerechnet Textil sein") wurden die Herren handelseinig. Zahms Sportmodenfirma Braun lieferte 200 000 Mark und versah die Show mit einem Untertitel: Braun Trophy.

Angereichert durch die Werbeetats anderer Firmen wurde Zahms Geld schließlich McCormack überwiesen, der Stars und Know-how versprach.

Und weil der Amerikaner ohnehin plant, die internationalen europäischen Golf-Turniere in seine Regie zu bringen, legte er den Vorstoß über den Atlantik gleich etwas breiter an. Zusammen mit der französischen Gruppe Golf Européen, die von dem ehemaligen französischen Nationalspieler Gaetan Mourgue D'Algue gemanagt wird, gründete McCormack die Continental Tournament Organisers. Der blaublütige Franzose war McCormack aufgefallen, als er den Modemacher Paco Rabanne und die Cognac-Firma Hennessy als Förderer anwarb. »Gaetan«, findet McCormacks Europamanager lan Todd, »ist der einzige, der die Sache professionell angeht.«

Wie das zu verstehen ist, zeigte das amerikanisch-französische Doppel bald. Um der westdeutschen Meisterschaft gleich den nötigen Schwung zu verleihen, kündigten sie an, sie würden auch den legendären Arnold Palmer an den Start bringen.

Kaum waren die Meldungen verbreitet und die Programme gedruckt, meldete sich der Altstar wieder ab: Die Verpflichtung beim Sammy-Davis-junior-Turnier in Connecticut gehe vor.

Als nach Palmers Absage der ZDF-Reporter Harry Valérien wenig Neigung hatte, das Kölner Golf-Ereignis zu filmen, reagierten die Veranstalter mit der ihnen eigenen Professionalität: Es stünde schlecht um die Senderechte an künftigen McCormack-Veranstaltungen, wenn das Ereignis nicht gebührend gewürdigt würde. Das ZDF filmte und strahlte aus.

Zu sehen gab es in der Tat Erstaunliches. Nie zuvor war in der Bundesrepublik derart kunstvoll vorgeführt worden, wie man mit 14 verschiedenen Schlägern einen kleinen Guttaperchaball in ein paar hundert Meter entferntes Loch befördert.

McCormack brachte den südafrikanischen Topstar Gary Player an den Start, der sich das verlängerte Wochenende mit einem Zehrgeld von 50 000 Dollar honorieren ließ, bevor er zum ersten Mal den Schläger hob. 25 000 Dollar bekam der jugendliche Held der Veranstaltung, der Spanier Severiano ("Seve") Ballesteros, für sein freundliches Erscheinen. Nachdem er die Konkurrenz nahezu deklassiert hatte, kam knapp die Hälfte dazu: der Siegpreis betrug 24 000 Mark. Nach dem Urteil von Experten wie Player ist Ballesteros auf dem besten Wege zum neuen Superstar im Weltgolf -- und nicht nur auf dem Rasen.

* Ehepaar Scheel. Textilfabrikant Zahm, Gewinner Ballesteros.

Seine Werbeverträge für dieses Jahr bringen runde 800 000 Dollar: Getränkehersteller, eine Hotelkette, ein Jeansproduzent und die spanische Luftlinie Iberia nutzen die wachsende Popularität des jungen Mannes. In Japan und Deutschland läuft Ballesteros gemeinsam mit Rosi Mittermaier für den Sportartikler Zahm Reklame.

Um den Werbewert des Spaniers zu polieren, verbreiten Verkaufsstrategen die Rührstory von dem armen Dorfjungen, den es immer wieder zu den sieben Geschwistern in die Heimat zieht.

Das Image paßt. Der junge Mann reagiert anders als die Profis aus Übersee auf klickende Kameras und surrende Filmapparate: Unübersehbar nervös, beschwert er sich und bittet um Ruhe. Ein paarmal schon in diesem Jahr hat ihn diese Empfindlichkeit um Sieg und Geld gebracht.

Der »nice guy« hat nach Meinung des McCormack-Mannes Todd nur einen Fehler: »Er ist nicht Kunde unserer Firma, und wir hätten ihn gern.«

Als nämlich McCormacks Freund Palmer den Spanier vor Jahren begutachtete und ablehnte, griff der kalifornische Konkurrent Ed Barner für sein Unternehmen »Uni-Managers International« zu. McCormack und seine französischen Partner müssen für den Spanier in diesem Jahr für elf Turniere eine Leihgebühr von gut 100 000 Mark an den Kalifornier anweisen.

Geschäfte dieser Art schätzt McCormack allerdings nicht. Deshalb, so berichtete die »Sunday Times«, inszenierte er »eine zynische Story voller Versprechungen und Boykottversuche«.

Bislang widerstand Ballesteros den Abwerbeversuchen -- auch als »Mark the knife« und seine Freunde überlegten, den Schafe hütenden Ballesteros-Bruder Manuel zu mieten.

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