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SKATEBOARDS Neue Freiheit

Die Skateboard-Welle hat Deutschland erfaßt. Doch der Spaß mit dem rollenden Brett ist unfallfördernd. Gegner des Sport- und Spielgeräts fordern ein Verbot.
aus DER SPIEGEL 23/1977

Es sicht aus wie ein Kurz-Ski auf Rollschuhrädern. Man nimmt das Brett unter den Arm, sucht sich eine ruhige Straße oder einen geteerten Fußweg und -- los geht"s!«

Was mit solchen Werbesprüchen in Gang gesetzt wurde, rollt nun als neue Spiel- oder Sportwelle allerorts den abschüssigen Asphalt runter; Skateboarding heißt der Freizeitspaß, bei dem man spürt, sagt Skateboard-Trainer Tony Alabin, »was Freiheit ist«.

Gut 50 000 Deutsche sollen es schon sein, die diese Freiheit spüren, und für einige, so der amerikanische Rollbrett-Buchautor Ben Davidson, wurde das »Surfen auf dem Bürgersteig« schon »beinahe eine Sucht«.

Die Manie kommt aus Amerika, wo sich zu Beginn der sechziger Jahre Studenten Rollen unter Bretter schraubten, um damit auf dem Campus zu kurven. Doch erst als Rollschuh- und Surf-Firmen die Idee vermarkteten, »breitete Skakboarding sich wie eine Feuersbrunst aus« (Davidson).

In den USA hat sich das Rollbretteln inzwischen soweit durchgesetzt, daß Briefträger darauf ihre Post austragen, Werktätige durch Fahrikhallen flitzen, Schüler zur Schule und Studenten zur Uni rollern. Sogar Weltmeisterschaften wurden schon ausgetragen, gleich in mehreren Disziplinen -- in Kür und Slalom, Artistik und Paarlauf.

Auch in der Bundesrepublik, wo erst vergangenes Jahr die Bretter richtig ins Rollen gerieten, wurden jetzt die ersten deutschen Meisterschaften ausgefahren. Und im Juli soll bereits ein Europa-Cup vergeben werden. Dreißig Vereine und ein »Dachverband der deutschen Skateboard-Fahrer eV.« in München verhelfen Anfängern und Fortgeschrittenen zu immer schnellerer Rollkunst.

Denn das sportliche Fahren auf den um 70 Zentimeter langen Brettern verlangt vor allem hervorragende Körperbeherrschung und nahezu artistisches Können. Routinierte Fahrer bringen es auf Tempo 80 und mehr, wedeln wie Skifahrer über die Straßenpiste oder springen während der Fahrt über Hindernisse.

Solche Spitzenleistungen wurden erst möglich durch technische Verfeinerungen. Heute liefert die fast ausschließlich in den USA beheimatete Skateboard-lndustrie Spezialbretter in unterschiedlicher Ausstattung und Preislage -zwischen 30 und 600 Mark.

Die Bretter sind aus Holz oder Fiberglas, Kunststoff oder Aluminium und oft auch aus mehreren Materialien geschichtet. Das Präzisionsfahrgestell und die kugelgelagerten Rollen, meist aus dem Kunststoff Urethane verschieden hart und groß gefertigt, regulieren Stoßdämpfung und Bodenhaftung.

Doch die meisten Brett-Fans sind Kinder. die, häufig auf Billigbrettern, leicht ihre Fähigkeiten überschätzen. So häufen sich die Unfälle, bei denen neben Hautabschürfungen und Prellungen auch Brüche und Kopfverletzungen registriert werden, »manchmal«, so Davidson, »mit Todesfolge«.

In den USA wurden vergangenes Jahr allein 27 000 Skateboard-Fahrer verletzt; in der Bundesrepublik soll erst jetzt eine Statistik über solche Schadensfälle Aufschluß geben. Denn westdeutsche Skateboard-Kritiker wissen einstweilen nur pauschal, daß durch das »hochgefährliche Teufelszeug« (der Kölner Ordnungsamtsleiter Richard Faber) schon zahlreiche schwere Unfälle ausgelöst wurden. Die Dunkelziffer, so ein Münchner Polizeisprecher« »ist enorm hoch«, denn »die fallen auf die Schnauze und haben natürlich kein Interesse, eine Anzeige zu erstatten«.

So stürzte ein elfjähriger Junge in Tutzing bei seinem ersten Rollversuch so heftig, daß er sich zwei Lendenwirbel brach und monatelang im Gipsbett lag. In Nürnberg raste ein l4jähriger gegen eine Mauer und erlitt Beinbrüche. In Köln etwa rutschte ein Zehnjähriger vom Bürgersteig auf die Straße und direkt vor ein Auto.

Allein in München wurden an einem Tag 28 verletzte Skateboard-Fahrer in Krankenhäuser eingeliefert -- Grund genug für den FDP-Bundestagsabgeordneten Hans A. Engelhard, die Bundesregierung zu fragen, welche Folgerungen sie aus den »allgemeinen Gefahren« des Skateboard-Fahrens zu ziehen gedenke.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Verkehrsministerium, Ernst Haar, antwortete korrekt: Skateboards seien »Fortbewegungsmittel«, die »verkehrstechnisch nicht als Fahrzeuge« einzustufen seien. Der Fahrer dürfe deshalb auch »nicht die Fahrbahn benutzen«. Andererseits sei er durchaus Verkehrsteilnehmer und müsse sich deshalb so verhalten, daß kein anderer geschädigt, gefährdet, behindert oder belästigt werde. Die Polizei habe »gegen Auswüchse einzuschreiten«, gesetzgeberische Maßnahmen hingegen seien »nicht erforderlich«.

Gegen die zunehmend von Medizinern und Polizisten erhobene Forderung, die Bretter ohne Bremse zu verbieten, wehrt sich auch der Präsident des Deutschen Skateboard-Dachverbandes, Lullu Magnus: »Dann müßte man auch gleich das Rollschuh- und Schlittschuhlaufen, Rad- und Skifahren verbieten. Die Unfälle passieren doch nur bei Unvorsichtigkeit und unzureichender Ausrüstung.«

Die Skateboard-Industrie hat die Ausrüstungs-Marktlücke längst ausgefüllt: Neben den Brettern werden jetzt auch gleich Spezialhandschuhe und Sturzhelme, Knie- und Ellenbogenschützer an die Rollerfahrer gebracht. Und auch für die »gehobene Klasse« (Magnus) der Skateboard-Süchtigen gibt es nun ein attraktives Angebot -- Rollbretter mit Motor.

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