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MARKETING Neues Weltbild

Jetzt wird auch in der DDR der Sport nach kapitalistischem Muster verkauft. *
aus DER SPIEGEL 32/1988

Kommen wir wirklich nicht ohne solche Werbung aus?« fragte Jens Wolfermann pikiert in einem Leserbrief das SED-Leitblatt »Neues Deutschland«. Werbeinschriften der Computerfirma Commodore auf den Startnummern der ostdeutschen Leichtathleten bei ihren Meisterschaften hatten das Weltbild des DDR-Bürgers erschüttert. »Bekanntlich«, so fügte er noch an, »haben wir das früher abgelehnt.«

Der Mann wird umdenken müssen. »Bunte Reklametafeln in den Sportstätten«, bemerkte das Ost-Berliner »Sportecho« zum neuen Kurs, »Werbung auf den Startnummern«, sogar Werbung »für Produkte des Auslands, die man zum größten Teil in der DDR nicht kaufen kann«, dienten dazu, den DDR-Sport zu finanzieren. So könne die DDR »aus der Kommerzialisierung Nutzen ziehen«. Die FDJ-Zeitung »Junge Welt« nannte Zahlen: 130 Millionen Mark erwarte die Republik 1988 aus der Sportwerbung.

Bei Fernseh-Übertragungen von Meisterschaften, Europacupspielen und Länderkämpfen werden westliche Produkte wie Agfa und Kodak, Buderus, Bauhaus und Erdgas durch Bandenwerbung »flächendeckend und europaweit« angepriesen, so Horst Lunenburg von der Lunenburg-Marketing in West-Berlin. Sein Unternehmen ist bereits seit der Volleyball-Europameisterschaft 1983 in der DDR mit den Ostdeutschen im Geschäft.

Seit vorletzter Woche steht fest, daß nun auch unverhüllter Professionalismus im Sport zu den sozialistischen Errungenschaften zählt. Eisläuferin Katarina Witt wird in der US-Eisrevue »Holiday on Ice« zwischen November 1988 und April 1989 bei einer Tournee durch fünf europäische Städte tingeln.

Im Ost-Berliner Grand Hotel handelten Revue-Chef Skee Goodhart, Witt-Anwalt Günter Ullmann und der DDR-Sportfunktionär Heinz Czerwinski, Chef der neuen, für Westvermarktung zuständigen Abteilung Werbung im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR, einen Vertrag aus. Insider behaupten, der Kontrakt bringe dem DTSB sieben Millionen Mark in Devisen ein. Die zweimalige Olympiasiegerin werde zur ersten Sport-Millionärin des sozialistischen Lagers: Katarina Witt erhält angeblich 1,4 Millionen Mark, davon 280 000 Mark in Westwährung. Sie selbst dementierte diese Zahlen, während Goodhart erklärte: »Wir haben noch nie für einen Star soviel bezahlt wie für Katarina.«

Noch beim Olympischen Kongreß 1981 in Baden-Baden hatte DTSB-Präsident Manfred Ewald gezetert, Kommerzialisierung führe »zum modernen Menschenhandel« und »richte den echten, fairen Sport zugrunde«. »Wie eine Seuche« breite sich Kommerz im Sport aus, ergänzte Heinz Kempa, DDR-Generalsekretär des Judo-Weltverbandes, »Fairneß und ehrlicher Wettstreit« würden durch »Manipulation und Härte, Unfairneß und unlautere Mittel« abseits gestellt. Wenn der Sport sich geschäftlichen Interessen »unterordnet, hört er auf, Sport zu sein«.

Heuchelei war von Anfang an im Spiel. Schon 1960 bei der Rad-WM nahe Zwickau, so gestand mit reichlicher Verspätung im Juli 1988 das »Neue Deutschland«, habe »eine italienische Wermutfirma« den Sachsenring mit Reklame »tapeziert« und dafür gezahlt.

Meist werben DDR-Stars für den westdeutschen Ausrüster adidas. Außerdem verschaffen westliche Werbemanager wie Cesar W. Lüthi oder Lunenburg dem DTSB Werbeeinnahmen in Devisen. Die Hamburger HSV-Marketing besorgte für den »Olympischen Tag« der Leichtathleten im Juni in Ost-Berlin harte Werbemark.

Hintergrund des völligen Einschwenkens auf kapitalistische Vermarktungsstrategien sind vor allem steigende Kosten im Leistungssport. 1,136 Milliarden Mark stehen 1988 für den Sport im DDR-Volkswirtschaftsplan. Die tatsächlichen Ausgaben liegen um etliches höher. Denn weitere Sportsubventionen verstecken sich in den Etats etwa der Polizei, die alle »Dynamo«-Klubs finanziert, der Volksarmee ("Vorwärts") und der Volksbildung (Kinder- und Jugend-Sportschulen). Deshalb bleibe »dem Sport keine andere Möglichkeit«, heißt es im »Neuen Deutschland« nun, als »den neuen Gegebenheiten in vertretbarer Weise Rechnung zu tragen«.

Dennoch sträubte sich Honecker-Freund und DDR-Sportchef Ewald lange gegen den ideologischen Salto rückwärts. Doch die Gegenfraktion um den DTSB-Vize und vermutlichen Ewald-Nachfolger Klaus Eichler setzte sich durch. Eichler, so Insider, stütze sich auf das Politbüro-Mitglied Egon Krenz.

Die sozialistische Sportmoral war ohnehin in den letzten Jahren mehr und mehr gebröckelt. 1983 gewann eine kapitalistische Schokoladenfirma (Ferrero) erstmals hochkarätige DDR-Stars für Produktwerbung - die Olympiasiegerinnen Marlies Göhr und Marita Koch. Bei der WM 1986 fuhren DDR-Bobs außer für ihre Republik auch für Commodore-Computer. Der Profit soll 75 000 Mark betragen haben. Bei den Olympischen Spielen 1988 trugen die DDR-Bobathleten BMW-Helme - weil es »die sichersten« seien, begründete das »Neue Deutschland« verschämt.

Argumente für die totale Wende liefert das Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport nach. Es erinnerte jüngst daran, daß schon bei den alten Griechen Olympiaprofis gestartet waren.

Die Kommerzialisierung bringe »so Sachen, wo natürlich das Geld im Vordergrund steht«, erklärte DDR-Weltmeister Thomas Schönlebe im Namen der Athleten. Das sei »keine schöne Tendenz«, aber man müsse auch »Kompromisse eingehen«. _(Am 29. Juni beim »Olympischen Tag« der ) _(Leichtathleten. )

Am 29. Juni beim »Olympischen Tag« der Leichtathleten.

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