NFL-Quarterback Joe Burrow Verprügelt und verehrt

Das Titelfenster für die Cincinnati Bengals öffnet sich im Football gerade erst. Dennoch stehen sie schon im Halbfinale der NFL. Das liegt an den Passempfängern – sicher nicht am Schutz des Quarterbacks.
Joe Burrow hat zwar hervorragende Anspielstationen, aber kaum Schutz

Joe Burrow hat zwar hervorragende Anspielstationen, aber kaum Schutz

Foto: Mark Zaleski / AP

Im American Football geht es um spektakuläre Spielzüge: weite Pässe, lange Läufe, Touchdowns. Quarterbacks definieren sich darüber, sie sind die großen Helden des Sports. Um sie zu sehen, schalten wöchentlich Millionen ein, nicht nur in den USA, auch in Deutschland, überall auf der Welt. Doch der Weg dorthin ist komplexer, denn auch, wenn es oftmals anders scheint: Football ist ein Mannschaftssport.

Im Kern geht es darum, den Quarterback zu schützen. Ihm gegen die anstürmende Verteidigung des Gegners so viel Zeit wie möglich zu verschaffen. Deswegen haben die Cincinnati Bengals eigentlich nichts zu suchen im AFC Championship Game, dem Halbfinale der NFL, in dem sie am Sonntag (21 Uhr, TV: ProSieben, Stream: DAZN) bei den Kansas City Chiefs antreten. Denn kein Team ist schlechter darin.

In der Regular Season wurde Quarterback Joe Burrow 51-mal gesackt, also noch vor dem Pass zu Fall gebracht – so häufig wie kein anderer Spielmacher in der NFL. Allein in der Divisional Round gegen die Tennessee Titans in der vergangenen Woche wurde Burrow neunmal gesackt. Erstmals gewann ein Quarterback mit dieser Statistik ein Playoff-Spiel. Burrow steckt nun in der zweiten Saison allwöchentlich Prügel ein. Und dennoch, oder gerade deswegen, wird er von den Fans verehrt.

»Joey Franchise«

Burrow ist einer der herausragenden Quarterbacks der Liga. Als 25-Jähriger hat er seine Karriere noch vor sich, doch bereits in seinem zweiten NFL-Jahr führte er die Bengals zum ersten Playoffsieg seit 1991. In Cincinnati nennen sie ihn »Joey Franchise«, weil er ein Spieler ist, der die ganze Organisation tragen kann. Der ein Team zum Anwärter auf den Super Bowl macht – und daran arbeiten alle Teams in der NFL.

Kein Quarterback in der NFL wird mit dem Ball häufiger zu Boden gerissen

Kein Quarterback in der NFL wird mit dem Ball häufiger zu Boden gerissen

Foto: DAVID TULIS / imago images/UPI Photo

Nicht vielen gelingt es. Dabei gibt es unterschiedliche Phasen:

  • Die Enttäuschung: Oftmals dümpeln Teams über Jahre von Niederlage zu Niederlage und scheinen nicht weiterzukommen. Tatsächlich ergibt sich aber aus dem System der NFL, dass diese Teams im Draft die talentiertesten College-Spieler bekommen. Es ist schon fast eine besondere Leistung, in der NFL über Jahre schlecht zu bleiben.

  • Der Neuaufbau: Wenn durch bessere Spieler die Ansprüche steigen, aber dennoch die Ergebnisse ausbleiben, brechen Teams ihre Strukturen auf. Trainer und alternde Stars werden geschasst und seltener, wie bei den Los Angeles Rams, sogar neue Städte gesucht. Im besten Fall wird der Franchise durch neue Spieler und Coaches ein moderneres Gesicht verpasst.

  • Das Titelfenster: Wenn alles zusammenpasst, das offensive Schema auf den Quarterback abgestimmt ist und auch die Defensive hält, öffnet sich das Zeitfenster, in dem Teams um den Super Bowl spielen können – und zwangsläufig auch müssen. Denn durch bessere Leistung erwarten die Spieler auch bessere Verträge; wegen des Salary Caps können deswegen zwangsläufig nicht alle Stars gehalten werden, das Fenster ist also begrenzt.

Bei manchen Franchises in der NFL vergehen zwischen diesen Phasen nur wenige Jahre. So scheiterten die San Francisco 49ers im Jahr 2013 im Halbfinale und mussten danach ihr ganzes Team umbauen. Drei Trainer später kam mit Kyle Shanahan ein junger Coach, der nur zwei Saisons mit negativen Bilanzen brauchte, um das Team in den Super Bowl zu führen.

Es gibt aber auch Franchises, die warten Jahrzehnte darauf. Wie die Bengals.

In den Achtzigerjahren standen sie zweimal im Super Bowl und verloren jeweils gegen die 49ers, nach der Saison 1990 brauchten sie 15 Jahre für ihre nächste Playoff-Teilnahme. Ende der Zehnerjahre schienen sie wieder konkurrenzfähig, zwischen 2009 und 2015 standen sie sechsmal in den Playoffs, jedes Mal verloren sie jedoch ihr Auftaktspiel. Für die Bengals war eine mittelmäßige Saison über Jahrzehnte hinweg eine gute, sie zählen zu zwölf Teams in der NFL, die noch nie einen Super Bowl gewonnen haben.

Der Sieg in der diesjährigen Wild-Card-Runde gegen die Las Vegas Raiders war der erste Playoff-Sieg der Franchise seit 31 Jahren. Und es werden mehr.

Ein Junge aus dem Bundesstaat

Dass sich die Dinge geändert haben, liegt auch an einer bodenlosen Saison 2019. Mit zwei Siegen und 14 Niederlagen waren die Bengals das schlechteste Team der Liga. Dadurch hatten sie jedoch Zugriff auf den besten College-Spieler: Joe Burrow, ein hervorragender Werfer, der gerade die Louisiana State University (LSU) zur Meisterschaft geführt hatte. Ein Junge aus dem Bundesstaat, der nur rund zweieinhalb Autostunden entfernt aufwuchs: »Just A Kid from Southeast Ohio.«

Umso besorgniserregender, wie die Bengals mit ihm umgehen. Burrow ist ein Pocket Passer: Er läuft nur selten selbst mit dem Ball, sondern lauert im Schutzraum hinter seinen Mitspielern darauf, dass ein Passempfänger anspielbar wird – wenn er nicht gerade von der gegnerischen Defensive gejagt und zu Boden gerissen wird. Also eigentlich immer in den vergangenen Jahren.

Zum Teil liegt das an Burrow selbst, weil er gegnerischen Verteidigern durch geschickte Bewegungen auszuweichen weiß. Häufig verpasst Burrow dadurch aber den Moment, in aussichtslosen Situationen schlicht den Ball wegzuwerfen, wartet zu lange und verursacht dadurch selbst Sacks und Raumverluste.

Vor allem liegt es an seinen Vorderleuten. Beim Statistikportal PFF steht die für Burrows Schutz verantwortliche Offensive Line der Bengals auf Rang 20. Und wie wichtig der Schutz eines Quarterbacks für den Saisonverlauf ist, zeigt, dass die drei anderen verbliebenen Playoffteams in dieser Statistik Siebter, Fünfter und Dritter sind.

Spektakel statt Schutzmauer

Bereits in seinem ersten Jahr in Cincinnati war nicht klar, ob die Bengals für Burrow den Start in eine erfolgreiche Laufbahn oder das frühe Karriereende bedeuten: Als er am elften Spieltag einmal mehr niedergetrampelt wurde, riss das Kreuzband. Für Burrow wie für die Bengals war die Saison gelaufen, immerhin mit einer deutlichen Aufgabe für die Offseason: in den Schutz des Quarterbacks investieren.

Im Draft schien mit Penei Sewell der perfekte Spieler für dieses Profil verfügbar. Ein 1,96 Meter großer und 150 Kilogramm schwerer Koloss, der in seinen zwei College-Jahren als Offensive Tackle nur einen Sack zuließ. Eine Schutzmauer, wie sie in Cincinnati zuletzt nach der schlimmen Flut am Ohio-River in den Dreißigerjahren gebaut wurde.

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Doch die Bengals stellten das Spektakel über den Schutz und wählten Ja'Marr Chase aus. Ein alter Kumpel von Burrow, ein Passempfänger, mit dem der Quarterback bereits am College an der LSU zusammen die Meisterschaft gewonnen hatte. Chase war einer der talentiertesten Spieler der Draftklasse. Aber eigentlich nicht das, was die Bengals brauchten: Mit Tyler Boyd und Tee Higgins standen bereits zwei talentierte Wide Receiver im Kader.

Doch es funktionierte. Burrow führt in dieser Saison nämlich nicht nur die Statistik der Sacks an, sondern auch die der durchschnittlich angekommenen Pässe. Und die der meisten zurückgelegten Yards pro Passversuch – was auch an Chase liegt, der wie kaum ein Spieler in der NFL Antritt und Körperlichkeit verbindet. In der Regular Season fing er über 1455 Yards, seine 17,9 Yards pro Fang werden in der Liga nur von San Franciscos Deebo Samuel geschlagen.

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Für gegnerische Teams ist es schier unmöglich, Chase, Higgins und Boyd gleichzeitig aus dem Spiel zu nehmen. Wenn einer der Spieler gedoppelt wird, wird ein anderer zwangsläufig anspielbar. Auf ein großes Überraschungsmoment sind die Bengals gar nicht angewiesen: Alle wissen, was kommt, aber niemand kann es verhindern.

Die Zeiten, in denen über Cincinnati gelacht wurde, sind vorbei. Und so schnell werden sie auch nicht zurückkommen, denn die Bengals haben eine der jüngsten Offensiven der Liga. Sie stehen nur einen Sieg vor dem Super Bowl, aber das Titelfenster öffnet sich für sie gerade erst. Mit diesen Passempfängern, mit diesem Quarterback. Das Team springe auf Burrows Rücken, sagte Coach Zac Taylor, »und er wird uns so weit tragen, wie wir ihn lassen«.

Das wiederum inkludiert auch die O-Line, an der nach der Saison gearbeitet werden soll. Dieses Mal wirklich.