Zur Ausgabe
Artikel 57 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RADRENNEN Nicht das Profil

Der mehrfache Versuch des Radprofis Gregor Braun, den Stunden-Weltrekord zu brechen, kostete 500000 Mark. Eine Chance hatte der »Pfälzer Bär« nie. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Nach 20 Minuten, einem Drittel der vorgesehenen Fahrzeit, stieg Radprofi Gregor Braun in Mexiko vom Rad. Entmutigt gab er das Fernduell gegen den Italiener Francesco Moser um den Stunden-Weltrekord auf. »Ich glaube einfach«, feixte Weltrekordinhaber Moser im fernen Sizilien, »das hat seine wahren Grenzen gezeigt.«

»Ohne den Stunden-Weltrekord komme ich nicht zurück«, trotzte Braun, 30, inzwischen aus Boliviens Hauptstadt La Paz, »und wenn ich für immer hierbleiben muß.« Zweimal pendelte er zwischen Mexiko-Stadt (2240 Meter) und La Paz (3417 Meter), der allerhöchsten Radrennbahn der Welt, hin und her. Zuletzt versuchte er in Santiago de Chile wenigstens den Flachland-Rekord zu brechen. Letzte Woche gab er auf.

Die unvollendete Karriere des untadeligen Sportmannes Braun nahm tragische Züge an. Der italienische Sportmediziner Dr. Gabriele Rosa hatte den wortkargen, lenkbaren Pfälzer offenbar zu einem Experiment benutzt, das Rosas Rehabilitationsklinik in Brescia im Erfolgsfalle unüberbietbare Reklame beschert hätte.

Doch Brauns Scheitern war vorgezeichnet. Der Doppel-Olympiasieger im Verfolgungsfahren und »Sportler des Jahres« von 1976 hatte in den zwei folgenden Jahren auch als Profi die WM-Titel auf der 5000 Meter langen Verfolgungsstrecke erkämpft. Aber als Straßenfahrer gewann er nur in zweitrangigen Rennen, etwa »Rund um den Henninger Turm«. In den Bergen schnaufte der »Pfälzer Bär« gewöhnlich hinterher. Seit 1983 glückte ihm kein bemerkenswerter Sieg mehr. In acht Jahren startete er für sieben verschiedene Rennställe.

Dagegen hatten der fünfmalige Tourde-France-Sieger Eddy Merckx und zuletzt Weltmeister Moser ihre Stunden-Rekorde als unbestrittene Weltstars auf dem Höhepunkt ihrer Karriere geschafft. Moser setzte nach 18 Saisonsiegen zum Rekordversuch an. Braun dagegen »bietet gewiß nicht das Profil eines Stunden-Weltrekordlers«, schrieb die französische Sportzeitung »L'Equipe« skeptisch. Er »ist ein Athlet im

Abstieg«. Wahrscheinlich hege er die Idee, »alles mit einem großen Coup herauszureißen«.

Dazu hätte sich keine Leistung besser geeignet als der Stunden-Weltrekord. Denn im Radsport zählen gewöhnlich nur Siege und keine Rekorde - bis auf einen: Der Stunden-Weltrekord gilt als Mount Everest der Profis. Weder Tricks noch Taktik helfen bei diesem Alleingang gegen die Uhr. Was zählt, ist allein die Zahl der in einer Stunde zurückgelegten Kilometer.

Moser hatte den Rekord 1984 zweimal innerhalb von vier Tagen bis auf 51,151 Stundenkilometer hochgetrieben. Braun hätte auf der 333,33 Meter langen Zementbahn 154 Runden in jeweils 23,3 Sekunden zurücklegen müssen. Beim ersten Versuch fehlten ihm nach zehn Minuten zwölf Sekunden, beim Abbruch schon unaufholbare 1,2 Kilometer gegenüber Moser.

Der Däne Ole Ritter hatte 1968 erstmals den Höheneffekt der mexikanischen Olympiabahn genutzt und gegenüber seinem Vorgänger 560 Meter zugelegt. In der Höhenluft Mexikos atmet man zwar bei sieben Prozent weniger Sauerstoff etwas schwerer als im Flachland, der geringere Luftwiderstand aber macht dieses Handicap mehr als wett.

Ritters Hochland-Fahrt konnten auch Stars wie Merckx und Moser nur noch auf Höhenbahnen übertreffen. Seit 1984 führt der Weltverband deshalb getrennte Flachland-Bestleistungen. Merckx hatte sich 1972 auf seinen erfolgreichen Versuch noch mit dem Standfahrrad bei sauerstoffärmerer Luft in seiner abgedichteten Garage vorbereitet. Dann hob Moser 1984 den »Stundenweltrekord vom Boden des Handwerks auf das Niveau der Wissenschaft« ("Sport« Zürich).

Ein Troß von 16 Spezialisten unterstützte Moser, eine Werkstatt schlosserte ihm eine Rennmaschine, teuer wie ein Kleinwagen. Eine Firma für Kraftnahrung finanzierte das Unternehmen; für ihr Produkt Enervit warb Moser.

Ähnlich aufwendig gestaltete sich jetzt das »Unternehmen Braun«. Es kostete über eine halbe Million Mark. Doch die Radsportwelt rätselt, warum Sportarzt Rosa gerade Braun wählte, Mosers Rekordprodukt aus Wissenschaft und athletischer Perfektion zu verbessern.

»Ich mag ihn eben«, verteidigte Rosa seine Wahl. Sicherlich brachte der »Bär«, der »noch einmal ordentlich brummen« (Braun) wollte, als erfolgreicher Bahnfahrer einige Voraussetzungen mit. Viele Experten aber meinen, daß Dr. Rosa gar keinen Spitzenathleten als Versuchskaninchen wollte, bewußt einen schwächeren Fahrer auswählte: Sein Zentrum zur Wiederherstellung von Kranken und Verletzten hätte Weltruf gewonnen, falls ihm mit einem abgetakelten Profi wie Braun der große Rekordschlag gelungen wäre.

Willig ließ sich Braun dutzendfach auf Kraft und Ausdauer, auf Lunge und Leistung testen. Er verzichtete auf wenigstens 100000 Mark Honorar bei Sechstagerennen in der Wintersaison, zog statt dessen nach Brescia um und spulte 14000 Trainingskilometer ab.

Der Sieger des Nachwuchs-Wettbewerbs italienischer Jungköche brutzelte nach des Doktors Ernährungsplan für Braun. Das 20000 Mark teure Rennrad konstruierte Mitsponsor Ernesto Colnago aus superleichten Nickelchromrohren. Und Braun schien auf Touren zu kommen. Bei 154 Pulsschlägen schaffte er 108 Pedaltritte pro Minute, mehr als Moser - im Training.

Besonders ein Erfolg motivierte den Pfälzer: Bei der Bahn-WM 1985 besiegte er Moser, den Inhaber des Stundenrekordes, im Fünf-Kilometer-Verfolgungsfahren. Aber es ging nicht um den Titel, sondern nur um die Bronzemedaille.

Am Freitag, dem 13. Dezember 1985, trafen Braun und 25 Spezialisten - Ärzte, Masseur, Koch, Mechaniker, Bahnexperten - zuversichtlich in Mexiko-Stadt ein. Mitsponsor Lufthansa flog Gepäck und Material gratis an. Ein Vorauskommando hatte den Fahrstreifen der Olympiabahn von 1968 schon mit besonders gleitfähigem Kunststoff beschichtet.

Gut 14 Tage, eine Woche weniger als Moser, durfte sich Braun an die Höhenlage Mexikos anpassen. Vor dem ersten Rekordversuch ließ Rosa Gustav Kilian, 78, einfliegen, der Braun als Bahntrainer zum Olympiasieg verholfen hatte und zu einer Art Ersatzvater geworden war - Psychodoping sozusagen.

Der erfahrene Praktiker bemerkte sofort, was dem Spezialisten-Team entgangen war: »Er sitzt nicht richtig auf dem Superrad.« Die unökonomische Haltung hinderte Braun daran, seine Kraft voll auf die Pedale zu übertragen. Braun mußte auf ein anderes Colnago-Rad umsteigen.

Am Morgen des ersten Rekordversuchs, am 30. Dezember, zogen Wolken auf, bildeten eine Smogglocke. Braun scheiterte. In der Luft sei »zuwenig Sauerstoff« gewesen, klagte er, niemals habe er einen »richtigen Atmungs-Rhythmus gefunden', außerdem »war ich ein bißchen nervös«. Später machte er Grippe, Wind oder Kälte für Fehlversuche verantwortlich.

Nach mehreren mißglückten Anläufen schaffte Braun dann doch noch eine Bestleistung über fünf Kilometer, einen Weltrekord, der wenig zählt. Zehn Kilometer vermochte er nicht mehr in Rekordzeit zurückzulegen: Der Expertentrupp hatte ein entscheidendes Handicap geringgeachtet: Braun wiegt 85 Kilo, elf Kilo mehr als Merckx, sieben Kilo mehr als Moser.

»Keine Chance«, urteilte der Kölner Biochemiker Manfred Donike, einst selbst aktiver Radsportler, »er ist zu schwer« und das »Verhältnis von Körpergewicht und Kraft zu ungünstig für den Stundenrekord«.

Der muskulöse Bär hatte sich gleichsam unter sehnige Marathonläufer verirrt. Eine Stunde lang kann er seinen massigen Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgen, kann er kein Weltrekordtempo durchstehen.

Einen Stunden-Weltrekord brachte Rosas Expedition dennoch mit: Brauns Trainingspartner Roberto Paoletti verbesserte in Santiago die Flachland-Bestleistung für Amateure.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.