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RADSPORT Nicht ganz astrein

Der irische Radprofi Sean Kelly strampelt sich unaufhaltsam nach oben. In diesem Jahr will er Superstar Bernard Hinault auch bei der Tour de France schlagen. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Zweihundert Tage im Jahr bleibt das Tuch im Kasten. Nur wenn Sean Kelly, 29, im flämischen Vilvoorde bei Brüssel rastet, flattert grün-weiß-orange die Flagge Irlands am hohen Mast vor Kellys belgischem Wohnsitz. Der Mann ist Nationalist.

»Wenn alles vorbei ist«, sagt er, »werde ich wieder Bauer in Irland.« Vorher aber will er in Kontinentaleuropa nochmal

ordentlich abräumen: Im zehnten Profijahr plant »Kannibale« Kelly den Start in den drei schwersten Rundstreckenrennen für Berufsradfahrer. Im Mai will er die spanische »Vuelta« (3657 km) gewinnen, danach den »Giro d'Italia« (3787 km) und zum guten Ende die berühmte »Tour de France« (4152 km).

Der Franzose Bernard Hinault, seit dem Rücktritt des überlebensgroßen belgischen Pedaleurs Eddy Merckx die Nummer eins der Branche, teilt seine Kräfte dagegen sorgsam ein. Seit 1978 hat er die Tour de France deshalb fünfmal gewonnen. Jetzt will ihm der Ire ans Leder: »Hinault! Wir kommen!« verkünden die »Kas-Köppe«. So nennen Insider die Radsportgruppe Kas-Mavic«, deren Kapitän Kelly ist. Die Truppe, 25 Mann, will für ihren Chef bis zum letzten Atemzug kämpfen: »Für ihn opfere ich mich gern auf«, sagt sein Helfer Dominique Garde, denn Kelly sei »ein Kapitän mit Herz«.

Die bedingungslose Solidarität der Mannschaftskameraden, im Jargon der Radprofis herzlos »Wasserträger« oder »Domestiken« genannt, ist die Grundvoraussetzung des Erfolges der Großen. Die Helfer produzieren für den Star, solange es irgend geht, einen Windschatten, in dessen Sog der Kapitän Kräfte spart, sie lassen sich für ihn aus dem Feld bis zum Begleitwagen zurückfallen, um seine Wasserflasche frisch zu füllen und notfalls, wenn dem Meister ein Reifen platzt, gibt der Domestik dem Meister sein eigenes Fahrrad.

»Radfahren ist, über weite Strecken, ein Mannschaftssport«, erläutert der deutsche Profi und diplomierte Trainer Klaus-Peter Thaler. Die »Stunde der Wahrheit« schlägt für die namhaften Männer nur am Berg und beim Endspurt. Da ist jeder ganz allein.

Im Sprint braucht Sean Kelly kaum einen Konkurrenten zu fürchten. Er ist der Allerbeste, clever, hart und 70 Stundenkilometer schnell. In den letzten zwei Monaten gewann er sechs Rennen, darunter so berühmte wie Paris - Nizza, Mailand - San Remo und Paris - Roubaix.

Kelly ist der »Frühjahrsheld«, jubelte das Fachblatt »Radsport«, »im Zielsprint unwiderstehlich«. Manchmal ist er, wie seine unterlegenen Rivalen meinen, auch unausstehlich: Der Ire kennt alle Endspurttricks und hat wenig Skrupel, sie zu praktizieren. In den letzten Sekunden, wenn es um Geld und Ruhm geht, bleibt jede Fairneß auf der Strecke.

Kelly und die anderen Sprinter lassen sich von den »Leutnants« oder »Edeldomestiken« die Bahn freihalten und in eine günstige Position lotsen. Der Positionskampf auf den letzten Kilometern entscheidet über die Chancen im Sprint. Im Gedränge zieht man sich am Trikot oder an der Sattelstange des Nachbarn nach vorn, dämpft die Aktivität des

Gegners durch einen kräftigen Rippenstoß oder drängt ihn an den Straßenrand - »und das alles bei 60 Stundenkilometern« (Thaler). Lieber tot als Zweiter.

Meist fällt die Entscheidung erst auf den letzten 200 Metern - doch gegen Kelly läuft derzeit gar nichts. Er fürchtet, anders als Bernard Hinault, das gefährliche Gedränge einer Sprintankunft nicht und er hat, wichtiger noch, am Ende die größten Reserven. Sportärzte vermuten, daß dies mit den Eigentümlichkeiten von Kellys Muskeln zusammenhängt: Sie ertragen, ohne zu erlahmen, ein größeres Sauerstoffdefizit als die der meisten Konkurrenten, jedenfalls im Sprint.

Am Berg sieht es für den Sohn der Grünen Insel schon trauriger aus. Wie vielen guten Sprintern geht auch Kelly in Höhen über 1600 Meter rasch die Puste aus. Das wissen die Organisatoren der »Tour de France« zu schätzen. Ihre Streckenführung ist gewöhnlich auf die Fähigkeiten des nationalen Favoriten abgestellt. Weil Kelly-Rivale Hinault auch jenseits der Vegetationsgrenze rüstig in die Pedale tritt, führen in diesem Jahr acht Etappen auf Berge der ersten Kategorie.

Wenn, wider alle Erwartung, der 31jährige Hinault beim avisierten »Kampf der Giganten« Schwächen zeigen sollte, kann seinem frechen Herausforderer auch auf Funktionärsebene ein Dämpfer verpaßt werden. 1984 belegte die französische Rennleitung den Iren wegen »Behinderung« im Spurt mit einer Zeitstrafe von 15 Sekunden und kassierte zusätzlich den ausgelobten Siegesbonus für Kellys zweiten Etappenplatz, nochmal 20 Sekunden. Um solche Differenzen wiedergutzumachen, muß auch ein tüchtiger Radler hart treten. Kelly schaffte es damals nicht. Er wurde nur Fünfter. Seither räumt der Ire gesprächsweise ein, daß das »Profigeschäft nicht ganz astrein« sei. Zwar verdient der Bauernsohn jetzt rund eine Million Mark pro Jahr, doch es zieht ihn zurück auf seine Grüne Insel, wo Wind und Regen stets von vorn kommen. Kelly: »Nur noch die Tour gewinnen, wenigstens einmal.«

Um diesem Traumziel näher zu kommen, erweist der Sportsmann nicht nur seinen Kasköpfen etliche, vor allem finanzielle, Wohltaten. Er überraschte auch die Pedaltreter der anderen Rennställe in diesem Frühjahr mit manchem netten Wort, in flämisch, italienisch, spanisch oder französisch. Seinem Landsmann Stephen Roche sprach er englisch ins Gewissen. Der Profi weiß, daß die Tour nur gewinnen kann, wer viele Freunde unter seinen Gegnern hat.

Kellys jäher Redefluß rührt die hartgesottenen Kameraden, denn der Ire gilt im allgemeinen als der schweigsamste Radrennfahrer des letzten Jahrzehnts. Fragen von Rundfunkreportern beantwortet er, wenn's irgend geht, ganz ernsthaft mit einem Kopfnicken.

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