Zur Ausgabe
Artikel 56 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FUSSBALL Nicht mehr va banque

Noch vor dem ersten Spieltag im August erklärte fast der gesamte Vorstand des Bundesligaklubs Fortuna Düsseldorf seinen Rücktritt. Begründung: Die Fans erwarten zuviel.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Als Trainer Jörg Berger vom Bundesligaklub Fortuna Düsseldorf keine neuen Spieler bekam, weil »das Geld dafür fehlte«, ließ er seinen Athleten Blut abzapfen. »Wir brauchen eure genauen Milchsäure-Werte«, erklärte Berger. »Vor und nach einem 3000-Meter-Lauf muß euer Blut analysiert werden, damit ich weiß, wer noch mehr als bisher trainieren kann.«

Doch Fortunas Präsidium wartete die Blutuntersuchung nicht mehr ab. Letzte Woche kündigten Präsident Hans-Georg Noack, Stellvertreter Matthias Mauritz und Liga-Obmann Benno Beiroth an, daß sie nur noch bis zur nächsten Mitgliederversammlung Anfang September im Amt bleiben wollen.

»Wir sind alle seriöse Geschäftsleute«, so Präsident Noack. »Wir können nicht mehr va banque spielen in der Bundesliga.« Manager Beiroth gab den »zu hohen Erwartungsdruck durch die Fans« als Rücktrittsgrund an. Noack: »Ich habe es satt, weiterhin einer der Blöden von da oben zu sein, die 40 Stunden in der Woche nur Mist bauen.«

Von den erwartungsvollen Fans waren immer weniger ins Stadion gekommen, denn Fortuna Düsseldorf spielte nur noch gegen den Abstieg. Gegen Bielefeld sahen 7000 Besucher zu, als der Platz in der Bundesliga doch noch verteidigt wurde.

»Kauft eine neue Mannschaft«, forderten die letzten Anhänger. Doch die Fortuna-Bosse verkauften. 1981 wechselte Nationalspieler Klaus Allofs für 2,2 Millionen Mark zum 1. FC Köln. In diesem Sommer verließ sein Bruder Thomas die Fortuna. 1,1 Millionen Mark zahlte der 1. FC Kaiserslautern für Fortunas letzten Star. Etwa 1,5 Millionen Mark Debet ließen keinen anderen Ausweg.

Trainer Bergers Forderung nach Ersatz für die Abgänge stieß beim Präsidium auf Ablehnung. Fortuna Düsseldorf reduzierte den Etat für die Saison 1982/83 fast um die Hälfte auf 2,1 Millionen Mark. Der FC Bayern München kalkulierte mit 16 Millionen Mark, der Hamburger SV mit fast 15 Millionen Mark jährlich. »Weil wir kaum noch konkurrenzfähig sind, sollen eben andere ihr Glück mit Fortuna versuchen«, sagte Immobilien-Kaufmann Noack, der seit 24 Jahren im Verein arbeitet.

»Einer allein kann das nicht übernehmen«, meinte der ehemalige Präsident und Bürgermeister Bruno Recht. »Wer das machen würde, ist ein Selbstmörder, hier kann nur noch eine Gruppe ebenso wirtschaftlich potenter wie mutiger Leute helfen.«

Die Flucht vom Präsidentensessel hatten auch andere Fußballführer weiterer Verschuldung und möglicher persönlicher Haftung vorgezogen. Vor einem Jahr nahm Paul Märzheuser beim MSV Duisburg Abschied. Der Klub stieg aus der Bundesliga ab.

Beim TSV 1860 München gab Erich Riedl, Haushaltsexperte der CSU im Bundestag, den Vorsitz ab und soll für die Millionenschuld eventuell mithaften. Der bereits 1981 abgestiegene TSV 1860 erhielt wegen zu hoher Verschuldung vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht einmal für die 2. Liga eine Lizenz.

Zwei Tage vor den Düsseldorfer Vorstandsherren hatte Borussia Dortmunds Präsident Dr. Reinhard Rauball seinen Rücktritt angekündigt.

Rauball: »Das ist ein Full-time-Job für einen Manager, ehrenamtlich kann das kein Mensch mehr machen.« Auch der Präsident des VfB Stuttgart, Baden-Württembergs Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder, hält bei den ständig steigenden Gehaltsforderungen der Spieler und ihrer Manager »die Wartung eines Bundesligaklubs für kaum noch machbar«.

Doch die Verhältnisse waren vorwiegend durch oftmals sorglose Präsidenten in bisher 19 Bundesliga-Spielzeiten so schlimm geworden, wie sie heute sind. Auch Düsseldorfs Vorstandsherr Noack ließ 1966, nach geglücktem Aufstieg zur Bundesliga, den Stürmer Waldemar Gerhardt von Schalke 04 durch ein Klo-Fenster herausholen, damit er nicht bei einem dritten Konkurrenzklub seine Unterschrift unter einen 50 000-Mark-Vertrag setzte. Fortuna Düsseldorf bot ihm dann das Doppelte.

Damals gab es noch Gehaltsgrenzen. Bundesligaspieler kassierten monatlich nicht mehr als 2000 Mark, offiziell. Tatsächlich zahlten die Klubs aus schwarzen Kassen fast jede geforderte Summe.

Dann setzten die Präsidenten der Bundesligaklubs beim DFB durch, daß die Gehaltsgrenzen und Ablösesummen aufgehoben wurden. Seither herrscht in der Bundesliga freie Marktwirtschaft. Das bevorteilte die erfolgreichen und zahlungskräftigen Klubs wie Bayern München, den Hamburger SV und den 1. FC Köln.

Die Düsseldorfer Fortunen dagegen jammerten ständig, daß sie »kein Hinterland hätten«, weil sie zwischen Bundesligastädten wie Köln, Duisburg und Mönchengladbach »hoffnungslos eingeklemmt« seien, so Noack. Doch die erfolgreicheren Mönchengladbacher beispielsweise besaßen nur ein Stadion, das knapp 40 000 Zuschauer faßt, während Fortuna im Düsseldorfer Rhein-Stadion 70 000 unterbringen könnte. Aber zu den farblosen Fortuna-Spielen öffnete die Düsseldorfer Stadion-Verwaltung viele Zuschauerblöcke erst gar nicht.

Um den Schuldenstand nicht allzu sehr anwachsen zu lassen und die Lizenz vom DFB nicht zu riskieren, verkauften die Fortunen schließlich ihre »Korsettstangen«, so Ex-Präsident Recht, die Gebrüder Allofs. »Ich hatte bis zuletzt gehofft, bei der Fortuna bleiben zu können«, berichtete Nationalspieler Klaus Allofs.

Obwohl sein Verkauf schon feststand, taten die Düsseldorfer Vorstandsherren so, als sei der Handel noch nicht endgültig. »Wenn zum Heimspiel gegen Frankfurt 50 000 zahlende Zuschauer kommen«, gab Noack bekannt, »und wenn 200 000 Mark auf ein Sonderkonto Klaus Allofs gezahlt werden, behalten wir ihn.« Doch es kamen weder 50 000 Zuschauer ins Stadion noch 200 000 Mark an Spenden ein - ganze 1100 Mark und 55 Pfennig sammelten die Fans.

Als 1982 auch noch Bruder Thomas Allofs für 1,1 Millionen Mark nach Kaiserslautern ging, rechneten sich Noack, Mauritz und Beiroth aus, daß künftig noch weniger als in der vergangenen Saison zu Fortuna-Spielen erscheinen würden und zogen mit ihrem Rücktritt die Konsequenzen.

Sparmaßnahmen sind kaum noch möglich, nachdem schon der Masseur und eine Sekretärin von der Gehaltsliste gestrichen worden sind. Noack: »Das Öffnen der Briefe können unsere Frauen übernehmen.«

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.