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HANDBALL Nicht so schnell weinen

Diese Woche muß sich der neue Bundestrainer Petre Ivanescu bewähren - ein nicht nur im Urteil des Nationaltorwarts Andreas Thiel »harter Hund«. *
aus DER SPIEGEL 47/1987

Für Handball-Nationalspieler Jochen Fraatz ist er schlicht »die beste Wahl«. Nun könne »nichts mehr schiefgehen«, urteilte auch die »Süddeutsche Zeitung« und prophezeite bessere Tage mit »Titeln und Triumphen«. Und die Frau des Gefeierten ist sich sicher: »Das schaffst du.«

Petre Ivanescu selbst, dem neuen Handball-Bundestrainer, gingen die Fanfarentöne »gehörig auf den Wecker«. Er brauche keine »Messias-Hymnen«, so der 51jährige Coach, sondern »echte Profis, ganze Kerle, charakterfeste Männer«. Dann allerdings garantiere er »hundertprozentigen Erfolg«.

Selten zuvor wurde ein Trainer schon vor seinem Amtsantritt so hochgelobt. Die Heilserwartung hängt mit der mißlichen Lage des bundesdeutschen Handballs zusammen, um den es, so Ivanescu, in der Vergangenheit »nicht schlechter« bestellt sein konnte.

Die Weltmeister von 1978 sackten bei der B-WM Anfang dieses Jahres weiter ab in die sportliche Zweitklassigkeit. In der Schweiz wurde die Olympiaqualifikation für Seoul 1988 verpaßt. Gelegenheit zum Wiederaufstieg in die Weltelite bietet sich nun erst wieder 1989 bei der B-Weltmeisterschaft in Frankreich.

Das erste Ergebnis sechsmonatiger Aufräumarbeit durch Petre Ivanescu ist in dieser Woche zu besichtigen, wenn die Handball-Nationalmannschaft beim Supercup-Turnier in Dortmund auf erstklassige ausländische Konkurrenz trifft.

Ivanescu, allseits als »harter Hund« (Nationaltorwart Thiel) apostrophiert, verlangt totale Perfektion. Der gebürtige Rumäne sei »ein sehr, sehr guter Mensch, Trainer und Psychologe«, urteilt der ehemalige Nationalspieler Erhard (Sepp) Wunderlich, allerdings auch - in Anführungszeichen- »eine Sau«. Er habe, kontert Ivanescu, noch »keinen Trainer erlebt, der Erfolg hatte, weil er beliebt war«.

Vergangene Woche beim Training in der Sportschule Kaiserau ächzten, stöhnten, schwitzten und fluchten die Cracks zeitweilig sechs Stunden täglich.

»Spurt«, brüllte Ivanescu mit schneidender Stimme, obwohl die Spieler schon mit aller Leibeskraft liefen. »Das machen wir bis morgen abend«, drohte er, wenn Tempogegenstöße ohne Torerfolg blieben. »Ich bin unzufrieden«, murrte der Chef beim kleinsten Fehler in der Deckungsarbeit. Besonders aufschlußreich sei die Schlußphase des ermüdenden Trainings: Dann lasse sich gut feststellen, »wer besser denken kann, wenn er kaputt ist«.

Unentwegt, gesteht der Trainer, suche er nach neuen Ideen, »um Konflikte zu fabrizieren«. Das hält die Spieler unter Dampf, und an einem hochexplosiven Seelenleben seiner Profis ist dem im

Privatleben umgänglichen Ivanescu sehr gelegen. »Die Spieler müssen wütend werden.« Denn: Wann immer es ihm an »Phantasie« gefehlt habe, aggressive Gefühle zu wecken, »verlor ich das nächste Spiel«.

Kritikern derart rabiater Methodik hält der zur Zeit freigestellte Gymnasial-Sportlehrer entgegen: »Nicht ich, der Leistungssport ist brutal und hart.«

Ivanescu, der 1967 auf legalem Wege in die Bundesrepublik kam, gilt seit Jahren als anerkannte Autorität im deutschen Vereinshandball. Acht nationale und internationale Titel holte er mit dem VfL Gummersbach. Danach führte er den TuSEM Essen zur ersten Deutschen Meisterschaft, ehe er anschließend mit einer imponierenden Siegesserie den Zweitliga-Klub Bayer Dormagen in die Eliteklasse hievte.

Jeweils zwei Jahre, so Ivanescu, habe er gebraucht, um eine Topmannschaft zu formen. In dieser Zeit, so Ivanescu, »wurde oft verloren, viel gelitten und geschuftet, bis fast Blut geflossen ist«. Die harte Tour steht nun den unter Ivanescu-Vorgänger Simon Schobel gehätschelten Stars bevor.

Vor allem »mentale Beweglichkeit und psychische Stabilität in Streßsituationen« gilt es zu entwickeln, denn Ivanescu plant langfristig. Gewiß könne sein Team Weltmeister Jugoslawien in Freundschaftsspielen schlagen. Siegen aber müsse es vor allem in entscheidenden Begegnungen. Da die bundesdeutschen Stars bislang gerade unter Druck zusammenbrachen, »müssen sie so erzogen werden, daß sie nicht so schnell weinen«.

Gemäß seiner Logik legt Ivanescu neuerdings Spieler auf ein gemeinsames Zimmer, die sich nicht besonders leiden können.

Respekt vor großen Namen kennt der Rumäne mit dem deutschen Paß nicht. Spielmacher Martin Schwalb vom TV Großwallstadt fand sich nach einer Länderspielpleite auf der Tribüne wieder. Mannschaftsführer Uli Roth gehörte zunächst gar nicht mehr zum Kader. Und als die Mannschaft beim Vier-Länder-Turnier in Dänemark nicht so spurte, wie Ivanescu wollte, drohte er: »Ich hole Sepp Wunderlich zurück.«

Der wurfgewaltige Milbertshofener Rückraumschütze, immerhin bald schon 31 Jahre alt, ist die Reizfigur schlechthin für die sensiblen Handballstars. Denn der 2,04-Meter-Mann, den der Handball reich machte, ist ihnen noch immer beim Weizenbiertrinken und auf dem Spielfeld überlegen. Zwar ist der unangepaßte Wunderlich für Ivanescu nicht mehr »der Mann der Zukunft«, aber »wenn wir in Not sind, hole ich ihn«.

Auch Wunderlich signalisierte Einverständnis, doch womöglich spielte Ivanescu wieder ein abgekartetes Spiel. Die Mannschaft war wütend, die gewünschte Hochspannung garantiert.

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