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FIFA Nichts gelernt

Bei den Ehrengästen der Fifa kommt es auf den Ruf nicht so an: Die WM Macher, auch der Deutsche Neuberger, begrüßten ein Ex-Mitglied der einst folternden und mordenden argentinischen Militärregierung. *
aus DER SPIEGEL 26/1986

Plaudernd und freundschaftlich untergehakt erschienen die beiden Herren im Internationalen Pressezentrum der Fußball-Weltmeisterschaft. Organisationschef Guillermo Canedo, den die Mexikaner »Senor Mundial« nennen, wollte einem seiner alten Kameraden vorführen, wie tüchtig er alles gerichtet hatte.

Doch unversehens schlug die Stimmung um. Als rund zehn argentinische Journalisten Canedos Begleiter erkannten, standen sie abrupt von ihren Schreibplätzen auf und verließen den Saal: Mit dem Vizeadmiral Carlos Alberto

Lacoste, einst Spitzenmann des Militärregimes in Buenos Aires, wollten sie nicht unter einer Decke sein.

Konsterniert waren nun auch die beiden Herren. Bei Canedo löste der Abmarsch der Argentinier Kopfschütteln aus, sein Kompagnon bewies kurz darauf, daß er ganz der alte ist, und bezeichnete die flüchtigen Landsleute als »Ratten«. Das Unverständnis hielt an.

Einen »guten alten Freund« nannte Canedo den Vizeadmiral zwei Tage später in einer Pressekonferenz, den er persönlich eingeladen habe und dessen Besuch ihn mit »ausgesprochener Genugtuung« erfülle. Schließlich habe Lacoste doch die Weltmeisterschaft 1978 vorzüglich organisiert, und was der womöglich politisch auf dem Kerbholz habe, interessiere ihn als apolitischen Fifa-Funktionär überhaupt nicht.

Auch die anderen hohen Fifa-Herren am Tisch, der Deutsche Hermann Neuberger und Präsident Joao Havelange berührte die Frage nach dem sonstigen Wirken des geschätzten Ehrengastes kaum. Sie sahen - so Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter - »keine Veranlassung, die Aussagen Canedos in anderer Weise darzustellen«.

Keine Veranlassung war es demnach, daß Lacoste während der Zeit der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, in der an die 30000 Menschen verschleppt, gefoltert und umgebracht worden waren, eine wichtige Rolle spielte. Er war, so der argentinische Journalist Ezequiel Fernandez, »die rechte Hand von Admiral Massera, sein Mann für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft, mit der die Militärs internationale Reputation erreichen wollten und ja auch erreichten«. Massera wurde im Dezember 1985 von einem Gericht in Buenos Aires zu lebenslanger Haft verurteilt.

1981 brachte es der Fifa-Ehrengast Lacoste sogar für elf Tage zum Übergangs-Staatspräsidenten von Argentinien, bevor die Macht im Lande von General Viola zum General Galtieri wechselte. »Wer in der Hierarchie so weit oben stand, kannte und billigte die Ausrott-Aktionen der Junta«, befand ein empörter argentinischer Journalist, »Lacoste gehört genauso auf die Anklagebank wie Viola oder Massera.«

Dort wird sich Lacoste womöglich auch wegen anderer Delikte einfinden müssen. Zwar ist ein Untersuchungsverfahren gegen den Vizeadmiral über die Abzweigung einer Millionensumme aus den Gewinnen der Weltmeisterschaft inzwischen eingestellt worden. Doch noch immer laufen gegen Lacoste Ermittlungen wegen »illegaler Bereicherung«. Es geht dabei um verschobene Eintrittskarten sowie unrechtmäßig erworbene Grundstücke und Wohnungen. »Man hat auch Al Capone nicht über Mordanklagen, sondern wegen Steuerhinterziehung zur Strecke gebracht«, sagt zuversichtlich der ermittelnde Staatsanwalt in Buenos Aires.

Wahre Männerfreundschaft kann wegen solcher Schwierigkeiten jedoch offenbar nicht wanken. Auch nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur bemühte sich Fifa-Präsident Havelange den politisch abgewirtschafteten Amigo in dessen Amt als Vizepräsident der Fifa zu halten - vergeblich. Zum Ausgleich half der Brasilianer seinem Freund aus der Klemme: Als der Staatsanwalt wissen wollte, wie Lacoste zu einem Luxusappartement im Badeort Punta del Este in Uruguay gekommen sei, erklärte Havelange, er habe dem Vizeadmiral aus Freundschaft ein persönliches Darlehen gegeben.

Wenig später lud Guillermo Canedo den vom Schicksal so schwer getroffenen Lacoste zur WM nach Mexiko ein. »Diese Einladung ist eine Ohrfeige für das argentinische Volk« kommentierte Ezequiel Fernandez, »sie zeigt, daß die Herren von der Fifa seit 1978 nichts gelernt haben.«

1978 hatten sich beim pompösen Abschlußbankett nach dem WM-Finale die Generäle der Junta und die Fifa-Funktionäre, allen voran Präsident Havelange und der Deutsche Neuberger, in herzlicher Umarmung ihrer gegenseitigen Hochachtung versichert.

Havelange, der schon zwei Jahre zuvor und damit unmittelbar nach dem Staatsstreich der Militärs erklärt hatte: »Jetzt ist Argentinien in der Lage, die Weltmeisterschaft auszurichten«, verkündete nach dem glatten, auch für ihn vorteilhaften Turnierverlauf, nun habe die Welt »das wahre Gesicht Argentiniens« gesehen.

Ein paar Tage vorher war es von Hermann Neuberger abgelehnt worden, im Quartier der deutschen Mannschaft einen Bericht der Gefangenen-Hilfsorganisation »Amnesty International« über Folter und Verschleppung im Land der Weltmeisterschaft entgegenzunehmen.

Keinerlei Einwände gab es dagegen, daß der rechtsradikale Weltkriegsheld Oberst Hans-Ulrich Rudel bei der deutschen Truppe in Ascochinga ein und aus ging.

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