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»Nie mehr Schweinshaxe mit Knödel«

Eine neue Generation von Eishockey-Profis lockt immer mehr Zuschauer in die Stadien *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Das Licht in der Halle verlischt, aus den Lautsprechern dröhnt »We Are The Champions«, auf den Rängen entzünden erwachsene Menschen Tausende Wunderkerzen, die Lichtkegel der Scheinwerfer zucken durch das Dunkel, erfassen die Hauptdarsteller des Abends - das Spiel beginnt.

Nach diesem Muster, einst im Düsseldorfer Eisstadion an der Brehmstraße kreiert, um das Publikum zu einem Teil des Spektakels zu machen, wird inzwischen überall in der Bundesrepublik Eishockey inszeniert. Die Wirkung ist auch überall gleich: Das schnellste Mannschaftsspiel der Welt wirkt auf die Besucher für knapp drei Stunden wie eine Droge.

Als etwa am Dienstag voriger Woche beim ersten Halbfinalspiel zwischen dem Kölner EC und dem Mannheimer ERC der Kölner Spieler Doug Berry den Siegtreffer zum 3:2 erzielt, geraten 7600 Menschen in einen Rauschzustand, der noch 30 Minuten nach Spielschluß anhält.

Die Deutschen sind offenkundig süchtig nach Eishockey geworden. 911 596 Fans kamen zu den Spielen der Vorrunde, im Vergleich zum Vorjahr stieg der Besucherschnitt um 461 auf 5362 Zuschauer pro Spiel. Zum Auftakt der Halbfinalspiele der Play-off-Runde am vergangenen Dienstag, in der die acht besten Klubs der Vorrunde den Deutschen Meister ermitteln, wurde die Millionengrenze überschritten.

Der rauhe Sport lockt nach Fußball die meisten Zuschauer in die Stadien und verfügt mittlerweile auch über eine beträchtliche Fan-Gemeinde vor der Mattscheibe. Nach den Olympischen Spielen in Calgary hielten 33 Prozent der Deutschen Fußball und Eishockey für gleich spannend, 26 Prozent fanden Eishockey sogar spannender. Als der FDP-Generalsekretär Helmut Haussmann, die Modeschöpferin Jil Sander oder RWE-Vorstandsmitglied Herbert Krämer nach ihrem stärksten Eindruck bei Olympia befragt wurden, bekannten sie: »Wir sind Eishockey-Fans geworden.«

Es boomt derart, daß die »Faszination Eishockey« ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") in den Medien nur noch positive Schlagzeilen macht. Kritiker, die den neuen Glanz zunächst noch für vordergründig und womöglich schnell vergänglich halten, finden kaum Gehör.

Dabei warnt mit Bundestrainer Xaver Unsinn sogar der selbsternannte Gralshüter dieses Sports: »Wir dürfen den Trend zum Eishockey als Entertainment nicht verschlafen.« Und Hardy Nilsson, der schwedische Trainer des Titelverteidigers Kölner EC, sieht gar schon »die nächste Misere« heranziehen, denn »um den Nachwuchs ist es schlecht bestellt«.

Tatsächlich stehen dem deutschen Eishockey, auch ausgelöst durch den Boom, derart viele Strukturprobleme ins Haus, daß das gerade gewonnene Ansehen schnell verspielt sein kann. Eine feste Größe in allen Planspielen für die Zukunft sind lediglich die Profis.

Denn letztlich sind die Erfolge gegen die CSSR und die USA in Calgary, mit denen der verringerte Abstand zu den Großmächten dieses Sports nachgewiesen wurde, allein Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses der Athleten. Wo früher nordamerikanische Hauruck-Methoden mit den Fäusten verteidigt wurden, agieren die deutschen Eisathleten heute mit Raffinesse und Wendigkeit.

Die Vorstellung von Eishockey als Rüpelsport für Raufbolde stammt aus den Nachkriegsjahren, als die Väter der heutigen Eishelden beim Tannenzapfentreiben in Garmisch, Füssen oder Tölz _(Am 15. März beim Play-off-Spiel Köln ) _(gegen Mannheim; links Marcus Kuhl. )

mit Haselnußstöcken aufeinander losgingen - Eishockey auf bayrisch. »Das waren halt kernige Typen«, so Gerd Truntschka, Star des Kölner EC und der Nationalmannschaft, dessen Vater dem Vierjährigen in Landshut die Schlittschuhe unterschnallte. »Die haben zuag''haut, ob im Wirtshaus oder auf dem Eis.«

Doch seitdem Eishockey in Großstädten wie Köln, Düsseldorf, Mannheim, Frankfurt oder Berlin professionell betrieben wird, haben sich Spielweise und Lebenswandel grundlegend geändert. Anstelle bajuwarischer Stärken wie Schlagfertigkeit und Trinkfestigkeit sind jetzt Spielintelligenz und Disziplin gefragt. Truntschka: »Ich kann meine Form nicht acht Monate halten, wenn ich jeden Abend saufen gehe.« Rekordnationalspieler Udo Kießling stellte zusammen mit dem Mannschaftsarzt einen Ernährungsplan auf. Da kam auch gleich das Motto des neuen deutschen Eishockeys auf den Tisch: »Nie mehr die bayrisch-rustikale Küche, nie mehr Schweinshaxe mit Knödel.«

Ein »sauberer Bodycheck«, erklärt der im Austeilen und Einstecken nicht zimperliche Kießling, sei »keine spontane Aggression«, weil einer »Frust hat oder Zoff mit seiner Frau«. Stürmer Truntschka empfindet sogar »ein Gefühl der Hochachtung«, wenn ihn einer »mit einem tollen Check so richtig zusammenfährt«. Zurückgeschlagen wie einst werde heute nur noch bei bösartigen Attacken wie etwa Stockschlägen. Die Folge: In der Bundesliga-Vorrunde sank die Zahl der Strafminuten von 5242 im Vorjahr auf 4193 in dieser Saison. Und das Fachmagazin »Sport-Kurier« verkündete stolz: »42 Prozent aller Erstligaspieler haben noch ein vollständiges Gebiß.« Der Schnitt der herausgeschossenen oder -geschlagenen Zähne liege »gerade bei zwei pro Mann«.

Weil es mit dem archaischen Mannsbild vom beinharten Eishelden vorbei ist, muß auch der Mythos von der Erotik des Draufgängers dran glauben. Noch vor wenigen Jahren wurde in Berlin der Spieler mit einem gelben Trikot dekoriert, der während einer Saison die meisten Mädchen unter die Mannschaftsdusche abgeschleppt hatte. Heute ist das Gros der Spieler verheiratet oder hat eine feste Freundin, auch wenn, wie ein Sonnyboy einräumt, »auswärts schon mal was vorkommen kann«.

Auch das Verhältnis untereinander ist eher geschäftsmäßig, unverbrüchliche Männerfreundschaften wie zwischen den Kölnern Kießling und Helmut Steiger sind in der Nationalmannschaft eher die Ausnahme. »Ich bin hier mit keinem verheiratet«, sagt Truntschka, »dafür hab'' ich meine Frau.«

Die neue Generation deutscher Eishockey-Profis, zu denen neben Kießling und Truntschka noch der Düsseldorfer Verteidiger Uli Hiemer oder der Rosenheimer Torwart Karl Friesen zählen, erinnert in Spiel- und Verhaltensweisen an jene Zeit, in der im Fußball Beckenbauer, Netzer und Overath Ästhetik und Professionalismus entdeckten.

Nüchtern beurteilen die Eishockey-Profis auch, wo die Geschäftsrisiken liegen. In einer Umfrage des »Sport-Kurier« unter den Bundesligaspielern gaben 62 Prozent an, das Gehalt schon mal unpünktlich gezahlt zu bekommen. Wohl deshalb hält nicht einmal die Hälfte der Profis die Klubfunktionäre für absolut seriös.

Noch schlechter kommt der Deutsche Eishockeybund weg: Ganze vier Prozent glauben, daß er »gut funktioniert«, jeder fünfte aber, daß er »alles falsch macht«. Auch für Xaver Unsinn geriet die Abstimmung zum Debakel, 57 Prozent stehen dem Nationalcoach eher ablehnend gegenüber.

Niemand in der Branche mag Unsinns Verdienste um das »deutsche Eishockai« (Unsinn) bezweifeln, dessen Professionalisierung er wie kein anderer betrieb. Doch was Profis und Insider schon länger wußten, wurde in Calgary offenkundig. Unsinn, nicht nur wegen seines Pepitahuts gewissermaßen ein Klaus Schlappner des Eishockeys, agiert vor allem als PR-Mann in eigener Sache.

Obgleich die taktische und technische Arbeit entweder vom Unsinn-Assistenten Petr Hejma oder den erfahrenen Spielern selbst geleistet wurde, redete Unsinn am liebsten über sich. Um den ungebremsten Redeschwall inhaltlich schnell einordnen zu können, gaben die Spieler ihm den Spitznamen »Reiner« - die Assoziation mit dem Familiennamen des Coaches war durchaus gewollt. Vor ihm, mokierte sich ein Spieler in Calgary, sei doch bei Olympia »kein Dorfreporter sicher gewesen«.

Dabei entwarf Unsinn dann Visionen, wie etwa die Bundesliga, die im letzten

Spieljahr über 20 Millionen Mark umsetzte, nach dem Muster der nordamerikanischen Liga NHL umorganisiert werden könnte, die mit einem Jahresumsatz von 500 Millionen Mark ein gigantischer Sportkonzern ist. Im Fernsehen, so Unsinn, wäre dann jeden Donnerstag »Hockey Night«.

Nicht wenige würden den laut Eigeneinschätzung »Spiritus rector des Eishockey« lieber als PR-Agenten denn als Bundestrainer sehen. Doch zumindest bis zu den nächsten Winterspielen im französischen Albertville 1992 hält sich der quicke Bayer noch an allen Fronten für unentbehrlich: »Wenn ich es nicht mache, bewegt sich nichts.«

Unsinn fordert, ganz im Sinne der expandierenden Branche, größere Hallen. Nur dann könne die Sportart »in der Großstadt überleben«. In Düsseldorf, wo von den 10 500 Plätzen 9051 schon vor der Saison per Dauerkarte vergeben waren, würden auch 15 000 Fans kommen, in anderen Städten statt der jetzt möglichen 6000 auch 10 000.

Die Klubs brauchen jede Mark, ohne Sponsoren geht längst nichts mehr. Spitzeneishockey, fand die »Frankfurter Rundschau«, sei »geradezu unbezahlbar geworden«. In Frankfurt verdient etwa der mittelmäßige Verteidiger Jaroslav Mucha 100 000 Mark netto im Jahr, Stars wie Truntschka und Hiemer schaffen inzwischen, so schätzen Experten, mehr als 300 000 Mark netto aufs Konto.

Einig sind sich zwar die Vereinsvertreter darin, daß sie unbedingt neue Geldquellen erschließen müssen. Als der Kölner Präsident Heinz Landen jedoch Kontakte knüpfte, um die Bundesliga für eine Million Mark pro Jahr an den Frikadellenbräter McDonald''s zu verkaufen, machte die Konkurrenz aus Düsseldorf den Plan vorzeitig publik, worauf er dann prompt zerredet wurde.

In den Großstadtklubs, so klagt Nilsson, sei eine gezielte Talentschulung kaum möglich, da zuwenig Eisflächen zur Verfügung stünden. Die Klubs können den Andrang Jugendlicher, die gern Eishockey spielen wollen, schon gar nicht mehr bewältigen. Doch nur mit intensiver Nachwuchsarbeit und wesentlich besser ausgebildeten Trainern, prophezeit Nilsson, könnten die Möglichkeiten, die das Eishockey biete, auch genutzt werden. »Um 100 Prozent« hält er das Niveau noch für steigerungsfähig, wenn die Spieler noch höhere Geschwindigkeiten zu beherrschen lernten, etwa wie die »fast schon akrobatischen« Sowjets.

Auch für das, so Nilsson, »Riesenproblem der Zukunft« hat Unsinn schon eine, wenngleich blauäugige, Lösung parat: Die kleinen bayrischen Klubs, in der Bundesliga ohnehin nicht lebensfähig, sollten den Großstadtvereinen als Talentschuppen dienen, in dem die potenten Klubs dann wie im Supermarkt Spieler kaufen können.

Am 15. März beim Play-off-Spiel Köln gegen Mannheim; links MarcusKuhl.

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