Zur Ausgabe
Artikel 56 / 80

EISKUNSTLAUF Noten nach Gunst

Trotz aller Strafen manipulieren Preisrichter im Eiskunstlauf weiter. Am schwersten sind nationale Absprachen zu verhindern.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Es ist mir unerklärlich, wie man eine Kür ohne dreifachen Sprung höher bewerten kann als einen sauberen Vortrag mit zwei dreifachen Sprüngen«, wunderte sich der Kanadier Donald Jackson, ein früherer Weltmeister, bei den vorigen Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften. »Das ist Betrug.«

Betrogen worden war die Deutsche Dagmar Lurz, der keine Lobby den Rücken stärkte. An ihrer Stelle rückte eine Italienerin namens Susanna Driano in die Medaillenränge auf; sie konnte sich auf eine andere Italienerin, Sonia Bianchetti-Garbato verlassen, die als Preisrichterin und Vorsitzende der Technischen Kommission des Weltverbandes (Isu) weitreichenden Einfluß besitzt.

Nach Pflicht, Kür und unvermeidbaren Fehlurteilen werden bei den Europameisterschaften dieser Woche in Zagreb die ersten internationalen Titel des Jahres vergeben. Millionen und nationales Prestige stehen auf dem Spiel und verstricken die Preisrichter in ein engmaschiges Netz von Abhängigkeiten.

Weil die Zahl der Kampfrichter aus einem Land von der Zahl seiner teilnahmeberechtigten Eisartisten abhängt, stehen für die Preisrichter Reisen nach Tokio oder Toronto, nach Leningrad oder Lake Placid auf dem Spiel. Falls sie den Nationalbonus vergessen, wenn sie punkten und mit ihren Platznoten die Rangfolge der Teilnehmer festlegen, könnte sie der eigene Verband beim nächstenmal übergehen.

Aber auch mit den Oberen des Internationalen Verbandes dürfen es die Pelzmützenchauvinisten nicht verderben, denn die verschicken blaue Briefe zur Verwarnung oder schließen untragbar gewordene Fehlrichter aus.

»Von zehn Kampfrichtern«, schilderte die frühere französische Weitmeisterin Jacqueline du Bief nach ihrem Rücktritt, »sind vier unfähig, drei bewußt unehrlich und nur drei wirklich gut.« Am ungerechtesten geht es zu, wenn sich etwa die Ostblock-Kampfrichter absprechen oder Italiener und Amerikaner eine Art Mafia bilden: Dann stürzen sie die Läufer ohne Lobby.

Weder mit Verwarnungen noch mit Sperren brachte der Weltverband den internationalen Kuhhandel vom Eis. Gelegentlich rutschten zwar unfähige Juroren aus, wie jener Preisrichter, der emsig bewertete, wie die Eisartisten Musik in Bewegung umsetzten, obwohl er taub war. Die Funktionäre sperrten auch einen aus, der alle Noten nach dem Muster der Vorjahrs-WM säuberlich vornotiert, oder die Engländerin Molly Philipps, die ihren Einsatz im Damen-Wettbewerb verschlafen hatte.

Doch gerechter ging es bisher nur vorübergehend zu: 1974 verwarnte und sperrte der Verband 28 Preisrichter aus 14 Nationen. Bei der folgenden Europameisterschaft kürte die Jury die ersten drei Paare einstimmig. Nicht einmal der Oberschiedsrichter hatte so viel Gerechtigkeit für möglich gehalten; er verlor eine Champagnerwette.

Rasch kehrten die Richter zum Eisgunstlaufen zurück. Sogar moralische Vorurteile flossen in die Noten ein. Der Brite John Curry, der weltbeste Läufer seiner Zeit, bekannte sich offen als homosexuell. »Das aber blockierte offenbar eine Sperrvorrichtung im Unterbewußtsein des in seiner Majorität weiblichen Preisgerichts«, berichtete der österreichische Preisrichter Franz Heinlein von den Europameisterschaften 1976.

Ein Jahr später setzte der Verband seinen gröbsten Eishobel an und schloß alle vier Russenrichter für 1978 »wegen wiederholter nationaler Parteilichkeit« aus. »Polit-Strategen der kapitalistischen Länder begannen«, schimpfte »Sowjetskij Sport«, »ein Intrigennetz zu spinnen.«

Die Präsidentin des sowjetischen Verbandes, Anna Sinilkina, veröffentlichte zur Verteidigung eine Dokumentation: Danach habe nationalistische Sicht von 1975 bis 1977 die meisten Noten verfälscht 1106 von 2012 Wertungen (55 Prozent). Die Juroren aus Kanada und Großbritannien hätten die meisten Fehlnoten produziert -- mehr als 60 Prozent.

Der Rauswurf der Russen trübte sogar der DDR-Preisrichterin Ingrid Linke die sozialistische Urteilsfähigkeit. Bei den Europameisterschaften 1978 setzte sie ihr Paar Manuela Mager und Uwe Bewersdorff wie vier andere Preisrichter auf den dritten Platz. Vier Punktrichter (auch die bundesdeutsche Richterin) schätzten das DDR-Paar dagegen als zweitbestes ein. Die Platzziffer 23 (fünfmal drei plus viermal zwei) bedeutete den dritten Platz. Ingrid Linkes Platznote kostete ihre Republik eine Silbermedaille.

Trotz der Pauschalsperre aller Sowjets »blieb das internationale Richtergremium«, meldete der Zürcher »Sport« enttäuscht, »seinem schlechten Image treu«. Die italo-amerikanische Lobby wertete außer Dagmar Lurz auch die Schweizerin Denise Biellmann, die als einzige sogar vier dreifache Sprünge vorgetragen hatte, in den Keller. Vom US-Richter Blacks erhielt die Schweizerin nur 5,4 Punkte (Höchstnote: 6).

Dabei gäbe es ein Mittel, den Preisrichtern die rechten Noten beizubringen. Es genügt nicht, Richter mehr oder minder willkürlich abzustrafen. Richter, die in den internationalen Wettkämpfen einer Saison insgesamt am weitesten vom Schnitt abweichen, müßten für mindestens ein Jahr absteigen wie die letzten Mannschaften einer Fußballiga.

Sollten nachrückende Preisrichter fortfahren, Noten zugunsten ihrer Landsleute zu manipulieren, könnte die Isu Richter jener Länder sperren, die unverhältnismäßig viele Absteiger gemeldet haben.

Doch gerechter als abhängige Menschen könnte ein Computer entscheiden. Die Funktionäre sinnen schon über ein Gerät nach, das die Figuren der Eisläufer abfährt und Fehler exakt erfaßt. »Zumindest für die Pflichtfiguren kann ich mir das vorstellen«, meinte der deutsche Eiskunstlaufrichter Eugen Romminger.

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 80
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.