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DDR Nur die Hälfte

Der Olympia-Boykott ihres Landes hat die Begeisterung der Ostdeutschen für die Spiele kaum dämpfen können. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Auf schmückendes Gold wollte die DDR-Sportlerin Heike Daute keinesfalls verzichten. Weil die Weitspringerin das Edelmetall nach dem Olympia-Boykott ihres Landes nicht in Los Angeles erkämpfen konnte, holte sie es sich zu Hause: Sie ging mit Andreas Drechsler, Torwart des Fußballvereins Wismut Gera, zum Standesamt.

Solchen Trost finden die meisten DDR-Bürger nicht. Die hocken wie ihre olympiabegeisterten westdeutschen Brüder und Schwestern nachts vor dem Fernseher, Westprogramm natürlich. Aber Siegesjubel? »Wir fühlen da vor allem«, sagt ein 32jähriger Maurer aus Potsdam, »so ein Mittelding zwischen Begeisterung, Wut und Trauer.«

Begeisterung etwa über das dramatische Rennen der 4x200-Meter-Freistil-Staffeln der Männer, das die US-Schwimmer mit ganzen vier Hundertstelsekunden vor der Bundesrepublik gewonnen hatten. Aber eben auch Wut und Trauer über die Absage, über die verpaßte Gelegenheit, den anderen wieder mal so richtig zu zeigen, was das eigene Land wert ist.

»Die Goldmedaillen des Michael Groß«, glaubt eine Studentin aus Jena, »gehen ja wohl in Ordnung, das waren ja auch Weltrekorde. Aber die Amerikaner und die Chinesen hätten eine Menge Medaillen weniger bekommen, wenn wir dabeigewesen wären.«

Und ein junger Maschinenschlosser aus Ost-Berlin: »Die Ergebnisse zeigen, daß diese Olympischen Spiele, wie die in Moskau, nur die Hälfte wert sind. Also wir hätten da schon kräftiger abgesahnt.«

Solches Denken wird von den DDR-Oberen gern gesehen. Genußvoll zitierte das Fachblatt »Deutsches Sportecho« eine »detaillierte Analyse« der westdeutschen Nachrichtenagentur dpa: »Die Agentur kommt zu dem Ergebnis, daß bei den Olympischen Sommerspielen 51 Prozent der Weltmeister in 21 olympischen Sportarten nicht am Start sein werden.« So trete etwa im Gewichtheben »keiner der Medaillengewinner der letzten Weltmeisterschaften« an.

Daß es den Amerikanern von vornherein darum gegangen ist, den kommunistischen Ländern eine Teilnahme unmöglich zu machen, behauptet Politbüro-Mitglied Egon Krenz. Die USA dürften sich »nicht wundern, wenn die Frage auftaucht, ob bei diesen Machenschaften nicht auch die nationalistische Angst mitregiert, auf eigenem amerikanischen Boden in vielen olympischen Wettbewerben

die Überlegenheit der Sportler aus den sozialistischen Ländern erleben zu müssen«.

Doch als die Spiele am Sonnabend vor einer Woche eröffnet wurden, drang das bläuliche Flimmerlicht der Fernseher aus den Wohnzimmern in Ost-Berlin und Magdeburg ebenso wie in Hamburg oder München. Und der verschlafene Kfz-Schlosser in Rostock wird morgens am Arbeitsplatz nicht anders angepflaumt als sein Kollege in Kassel: »Du hast ja schon viereckige Augen vom dauernden Gucken.«

»Das Interesse wäre natürlich größer, wenn DDR-Sportler teilnehmen würden«, sagt ein Ost-Berliner Pfarrer, »aber deshalb machen die Menschen hier natürlich nicht aus dem staatlich verordneten Olympia-Boykott eine Informations-Selbstblockade.«

So nimmt also der Pförtner, der diese Woche Nachtdienst schiebt, »natürlich einen tragbaren Fernseher mit in den Dienst«. Die Telephonistin oben in der Zentrale macht es ebenso und sieht die Live-Übertragungen bis zum frühen Morgen. Westbesucher werden in Ost-Berlin abends oft mit den Worten empfangen: »Setz dich still hin, wir sehen gerade die Spiele.«

Die DDR hat auf den Informationshunger ihrer Bevölkerung schnell reagiert und strahlt seit Dienstag voriger Woche mehrmals täglich fünfminütige Olympiasendungen in ihrem ersten Fernsehprogramm aus. Doch die finden allenfalls in Dresden oder Karl-Marx-Stadt Aufmerksamkeit: Westfernsehen ist dort, im »Tal der Unwissenden« (Volksmund), nicht zu empfangen.

Denn außer Ergebnistabellen und ein paar Photos der Gewinner gibt es im DDR-TV kaum etwas zu sehen. Der Ton ist streng nachrichtenmäßig, nur gelegentlich mal mit einer Wertung gespickt wie etwa bei den Turnwettbewerben: »Auch in der Pflicht der Frauen gab es viele Punktgeschenke der Kampfrichter an die USA.«

Die Zurückhaltung in der Berichterstattung indes hat nicht nur politische Gründe. Die amerikanische TV-Gesellschaft ABC, die die Übertragungsrechte aus Los Angeles erworben hat, läßt sich die nationalen Lizenzen teuer und vor allem mit den in der DDR chronisch knappen Devisen bezahlen. Warum aber sollte Adlershof, das DDR-TV-Zentrum, teures Geld für Sendungen ausgeben, in denen nicht einmal die eigenen Athleten bejubelt werden können?

Der Blick in den westdeutschen Kanal offenbart den Bürgern auch, daß es mit der vor allem von Moskau beschworenen Gefährdung der Sportler in Los Angeles nicht weit her ist. Wenn etwa der westdeutsche Rad-Sieger Fredy Schmidtke sich im Fernsehen über die vielen Kontrollen vor dem und im olympischen Dorf beklagt, muß sich auch verbiesterten Funktionären der Eindruck aufdrängen, daß die Sicherheit der Athleten entgegen allen Behauptungen doch gewährleistet ist.

Ohnehin glauben viele drüben nicht so recht an die Gründe, die nach den Erklärungen der Funktionäre den Boykott unumgänglich gemacht haben. »Das war doch nichts anderes als eine Retourkutsche für Moskau vor vier Jahren«, sagt eine Lehrerin in Ost-Berlin. Ein 25jähriger Tankwart glaubt: »Der Erich, der hätte uns ja fahren lassen. Aber wenn Moskau njet sagt, dann müssen wir spuren.«

Manche nehmen sogar an, daß die Sowjet-Union den Boykott nur deswegen durchgesetzt hat, weil sie fürchtete, diesmal von der DDR sportlich überrundet zu werden. »Das ging nicht gegen die Amerikaner«, sagt ein Ost-Berliner und wird richtig wütend dabei, »das ging gegen uns.«

Daß auch die SED-Führung mit dem Boykott inzwischen nicht mehr glücklich ist, zeigt der Abdruck eines Kommentars der ungarischen KP-Zeitung »Nepszabadsag« in allen DDR-Blättern. Darin heißt es ganz unverblümt: »Wir bedauern, daß unsere Sportler nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen können und möchten die Rechtmäßigkeit der Olympiade in Los Angeles nicht in Abrede stellen, genauso, wie der unbegründete amerikanische Boykott an der Tatsache der Moskauer Spiele nichts ändern konnte.« Natürlich blieben die Spiele »ein Ereignis, das verfolgt wird und das bei den Sportliebhabern viel Interesse hervorruft«.

Neben der Wut auf ihre Funktionäre haben die DDR-Bürger vor allem Mitleid mit ihren Sportlern, die sich jahrelang für nichts gequält haben. Mit Uwe Hohn, der gerade den Speer auf fast unvorstellbare 104,80 Meter geschleudert hat. Mit Marlies Göhr, die zum 19. Male die 100 Meter in weniger als elf Sekunden durchsprintete. Mit Marita Koch, die soeben ihren eigenen Weltrekord über 200 Meter einstellte, mit der Weltrekordlerin im Siebenkampf, Sabine Paetz, und den vielen anderen Rekordhaltern und Favoriten, die jetzt um ihre Chance gebracht sind.

Am 18. August, sechs Tage nach Beendigung der Spiele in Los Angeles, wollen sie alle zeigen, wer die wahren Sieger von Olympia hätten sein müssen. Da treffen sich die Leichtathleten - die Männer in Moskau und die Frauen in Prag - zum Kräftemessen der Boykottländer. Marita Koch verspricht: »Ich werde alle Anstrengungen unternehmen, um bei den kommenden Wettkämpfen höchste sportliche Ergebnisse zu erringen, und das zur Ehre und Stärkung unserer Republik.«

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