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Olympia Nur mal laut denken

Viele Athleten empfinden überspannte Erwartungen vor dem Olympia in München als unzumutbare Bürde. Eine »gute Leistung vor den Spielen und dann Urlaub« wünscht sich ein deutscher Weltklasse-Sportler.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Die weltbesten Athleten rüsten für München. Der Münchner Hürdenläufer Rainer Schubert »überlegt ernsthaft«, statt dessen zu verreisen.

Für seine »kritische Distanz« weiß der Rekordier und Olympia-Siebte von 1968 triftige Gründe: »Die Medaillen-Hysterie macht es unmöglich, wie früher naiv und zum Spaß Sport zu treiben. Die Athleten werden zum Anhängsel von Medaillen reduziert«

Seit Politiker und die Industrie den Sport immer massiver als Medium benutzen. drängen sie die Leistungssportler zwangsläufig in die Rolle von unfreiwilligen Mannequins für Ideologien und Produkte. mit denen sie sich nicht identifizieren.

Wissenschaftler wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hatten den Sport als Möglichkeit zum unblutigen Aggressionsabbau empfohlen. Doch immer mehr Athleten sträuben sich gegen die Zwangsrolle. die ihnen im internationalen Ersatzkrieg zugemutet wird.

»Zu groß ist ihnen die Last der Erwartungen, beschrieb der Hochspringer Thomas Zacharias. Der Sohn des Geigenvirtuosen und Anhänger von Mao und Marx begehrte als einer der ersten gegen Leistungsdruck und Chauvinismus im Stadion auf.

Als Südafrika wegen seiner Apartheid-Politik von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde, wollte der Rassisten-Staat seine Isolierung durch ein Ersatz-Olympia durchbrechen. Bundesdeutsche Leichtathleten planten eine Gegenaktion. Sie wollten mit schwarz bemalten Gesichtern Solidarität mit der rechtlosen farbigen Bevölkerung bekunden. Später verzichtete die deutsche Mannschaft auf ihren Start.

Viele Athleten, denen die Sporthilfe mit Steakgeldern und Studienzuschüssen erst ermöglicht hatte, den internationalen Standard zu erklimmen oder zu behaupten. fühlten sich plötzlich als ab hängige Sportsöldner. die mit Höchstleistungen und Medaillen eine Schuld ab zutragen hätten. Die Diskuswerferin Brigitte Berendonk lehnte sich öffentlich gegen die »Schickeria« auf, die den »Sport als Vehikel zur politischen Demonstration und zur Selbstdarstellung« mißbrauche und schrieb rundheraus von der »Sporthilfe-Prostitution«.

Hürdenläufer Schubert, 30, verzichtete auf das Zugeld. »Ich leiste sowieso, was ich kann«, begründete der Diplom-Ingenieur, der für Bauunternehmen Computer-Systeme ersinnt. »500 Sporthilfe-Mark können mich nicht zusätzlich motivieren. Außerdem möchte ich mir nicht vorhalten lassen: wo ist deine Leistung.«

Er weigert sich, »am überflussigen Kampf der Systeme im Stadion« teilzunehmen. Eine Annäherung an die DDR, hofft er, könnte die Konfrontation abbauen. Nach längerer Verletzungspause erstrebt er einen »anständigen Schlußpunkt« für sich. am liebsten durch einen Deutschen Rekord im 400-Meter-Hürdenlauf vor Olympia.

In München, rechnet Schubert realistisch, könnte er den Endlauf, aber kaum eine Medaille erreichen. »Ich würde mich darüber freuen«, sagte er. »Aber die übertriebenen Ansprüche der Öffentlichkeit und inkompetente Fernseh-Reporter können einen siebten Platz vermiesen.

Das Leistungsprinzip hält Systemanalytiker Schubert im Sport für unerläßlich. »Aber bei uns herrscht doch kein Leistungs-, sondern ein reines Erfolgsprinzip.« Die Leistung des Olympia-Fünften im Skilanglauf, Walter Demel, schätzt er etwa höher ein als die Goldmedaille. die Monika Pflug -- gegen weniger Konkurrenz -in Sapporo erspurtet hatte. »Trotzdem stellen sich der bayrische Ministerpräsident Goppel und der Strauß möglichst nahe an sie ran.«

Viel Verständnis erwartet Schubert für seine Haltung nicht. »Man braucht nur mal laut zu denken«, argwöhnte er. »dann gerät man schon in den Ruf eines Amokläufers.«

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