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OLYMPIA / GENERALSEKRETÄR Nur Spesen

aus DER SPIEGEL 11/1969

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sucht einen Generalsekretär -- den vierten in fünf Jahren. Bedingungen: Initiative unerwünscht, Vollmachten unbestimmt, außerdem kein Gehalt und kein Vertrag.

Der letzte Generalsekretär, Johann Wilhelm Westerhoff, 53, ein Holländer, trat Ende Januar nach offizieller IOC-Darstellung zurück, »weil er dem IOC nicht mehr die erforderliche Zeit widmen kann«.

Tatsächlich übt der aus Indonesien stammende Westerhoff keinen Beruf mehr aus. Er züchtet nur aus Liebhaberei Pferde in seinem Schweizer Ruhesitz Appenzell. Zudem wendet er vorerst ebensoviel Zeit für die Olympia-Arbeit auf wie vorher. Denn er verpflichtete sich, so lange auszuharren, bis der amerikanische IOC-Präsident Avery Brundage, 81, einen willfährigen Nachfolger aufgespürt haben würde.

Vor allem ein Umstand erschwert den IOC-Bürokraten rationelle Arbeit: Der französische Baron Pierre de Coubertin -- er begründete die modernen Olympischen Spiele -- hatte die Olympia-Organisation 1914 in der Villa »Mon Repos« in Lausanne einquartiert. Seitdem arbeitete die IOC-Zentrale in Lausanne. Präsident Brundage residiert jedoch 8000 Kilometer entfernt in Chicago.

Als der amerikanische Millionär (Baustoffe, Hotels) 1952 sein Amt als IOC-Chef antrat, fand er in der Schweiz einen IOC-Kanzler vor: Der Juwelier Otto Mayer erledigte nach Feierabend die Olympia-Post. Er bezog kein Gehalt, sondern setzte in 17 Dienstjahren aus seinem Privatvermögen zu. Mit Schreibarbeiten beschäftigte er als einzige zusätzliche Halbtagskraft eine alte Dame.

Da faßte der rüstige Brundage Vertrauen zu einer attraktiven Schweizerin namens Miriam Meuwly, damals 30, die ihn auch 1964 während der Olympiade in Tokio begleitete. Sie stellte sich dem ahnungslosen IOC-Mayer überraschend als neue Mitarbeiterin vor und wies einen Vertrag vor, den sie selber aufgesetzt und den Brundage gebilligt hatte.

Mayer trat zurück. Der letzte Dienst für das IOC war die Empfehlung, seinen Rotary-Klubfreund Eric Jonas, 36, fünfsprachigen Syndikus der Schweizer Uhrenindustrie, einzustellen. Jonas wurde Generalsekretär des IOC und bezog ein Gehalt; einen Vertrag -- wie seine Untergebene Miriam Meuwly -- erhielt er aber nicht. Nach mündlicher Absprache sollte er das Amt vier Jahre lang ausüben.

Inzwischen war die Arbeit, die für das IOC zu bewältigen war, lawinenartig angeschwollen; die Olympia-Organisation geriet unter Druck. Zudem verlangten die Olympia-Räte des Ostblocks mehr Macht. Der Generalsekretär mußte die Offensive publizistisch auffangen. Er vereitelte den Versuch der Entwicklungsländer, unter Chinas Führung der Olympiade der reichen Nationen eine Maoade der armen Völker entgegenzusetzen. Auch revoltierten einige der 45 Welt-Fachverbände, verlangten Mitbestimmung und Anteil an den Olympia-Einnahmen.

Die IOC-Zentrale knüpfte die Verbindungen zwischen den 73 IOC-Mitgliedern in allen Erdteilen, zwischen dem IOC und 124 anerkannten Nationalen Olympischen Komitees (Uno: 121 Mitgliedstaaten). Sie leitete Fernabstimmungen ein, in denen zuletzt über Südafrikas Olympia-Teilnahme entschieden wurde, bereitete IOC-Kongresse vor und bemüht sich neuerdings mit einem Informationsdienst um PR-Kontakte zu den Massenmedien in aller Welt.

Der emsige Generalsekretär Jonas entwickelte in Interviews seine Pläne, die Einzimmer-Geschäftsstelle in einen modernen Bürobetrieb zu verwandeln.

Brundage verbot ihm daraufhin, weitere Interviews zu geben. Jonas entdeckte, daß seine Post und seine Telephonate überwacht wurden. Bei der Tokio-Olympiade, beschwerte sich Jonas, »durfte ich nur die Aktentasche tragen«.

In der Zeitung las er 1965 eine Brundage-Äußerung, derzufolge er gekündigt habe. Als er weiterhin sein Büro aufsuchte, fand er eines Tages ein neues Türschloß vor, zu dem sein Schlüssel nicht mehr paßte. Niemand öffnete auf sein Pochen. Brundage entließ ihn wie einen glücklosen Fußballtrainer. Seine Forderung auf 150 000 Schweizer Franken Schadenersatz wurde abgewiesen, weil er keinen schriftlichen Vertrag vorzuweisen vermochte.

Im Impressum des IOC-Bulletins erschien nun der Name seiner Rivalin, Miriam Meuwly. »Persönliche Ambitionen sind mit im Spiel«, meinte der deutsche Sportpräsident Daume damals, »aber auch Generationsprobleme.«

»Ich war da und hatte Zeit«, begründete der frühere Offizier und Öl-Manager Westerhoff seine Nachfolge. Frühere Olympia-Kontakte hatten sich bei ihm aufs Reiten beschränkt. Der finanziell unabhängige Privatier war Brundage zunächst genehm. Er verlangte weder ein Gehalt noch einen schriftlichen Vertrag.

Doch Westerhoff vergrößerte das IOC-Büro sofort auf vier, später auf zwölf Angestellte. Das Quartier in der Villa »Mon Repos«, wo auch das Olympia-Museum untergebracht war, wurde zu klein. Als Generalsekretär Westerhoff drohte, mit der IOC-Verwaltung umzuziehen, räumte die Stadt Lausanne dem IOC das Schloß Vidy und ihm eine benachbarte Villa ein. Außerdem gelang es ihm, die Bürovorsteherin Meuwly von weiterer Mitarbeit zu suspendieren.

Dann reiste der Generalsekretär -- er spricht acht Sprachen -- um die Welt und besuchte nationale Olympia-Komitees und Verbandsfunktionäre. Die Spesenrechnungen legte er dem IOC vor. Brundage kritisierte die erhöhten Kosten und die Initiativen seines Generalsekretärs. Daraufhin forderte Westerhoff, seine Kompetenzen endlich abzugrenzen.

Außerdem entwarf der Holländer eine liberale Amateurformel, die jeden Sportler als Amateur gelten ließ, »der bei internationalen Wettbewerben kein Geld annimmt«. Nun mobilisierte der konservative Brundage, der auf eine enge Auslegung des Amateur-Begriffs eingeschworen ist, das IOC-Exekutivkomitee. Es stimmte der Absetzung Westerhoffs zu.

»Brundage betrachtet die olympische Bewegung als persönliches Hobby«, grollte der abgesetzte Westerhoff, und zieht nur eine Solo-Schau ab.«

Während ein neuer Generalsekretär noch immer nicht in Sicht ist, tauchte inzwischen eine alte Bekannte im IOC-Büro auf: Miriam Meuwly.

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