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FUSSBALL Oben ohne

Seit 75 Jahren sind Länderspiele für bundesdeutsche Fußballfunktionäre das Größte -- doch vor dem nächsten fürchten sie sich.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Wenn der Mann jetzt gegen Bulgarien wieder mitspielt und wir siegen«, bangt Fußballpräsident Dr. Hermann Gösmann, »dann sind wir nicht mehr Herren im eigenen Haus, dann bestimmen nur noch die Spieler und die Leute von der Straße.«

Ebenso wie dem Osnabrücker Rechtsanwalt Gösmann, 71, verging auch anderen Vorstandsherren im Deutschen Fußball-Bund (DFB) der Spaß am nächsten Länderspiel am 27. April in Sofia, wo Europa- und Weltmeister Deutschland seinen kontinentalen Titel verteidigen muß. Grund zum Groll: Das Comeback des Münchners Paul Breitner, 23, der mit Real Madrid spanischer Fußballmeister geworden ist und als erster Spieler DEB-Funktionäre öffentlich kritisiert hat.

»Wenn dieser geldgierige Bursche wieder das DFB-Hemd trägt, schäme ich mich für die ganze Nationalmannschaft«, zürnte -- so ein Vorstands-Kollege -- Hans Deckert, 63, aus Schweinfurt, Rentner und Spielausschußvorsitzender im DEB. Breitners erstmaliges Mitwirken seit dem siegreichen Endspiel um die Weltmeisterschaft am 7. Juli 1974 verdirbt den Altvorderen im Deutschen Fußball-Bund sogar die Reise- und Siegeslust, ausgerechnet im Jahr, da der DFB 75 Jahre besteht. Auch der sonst von den DFB-Herren wenig erbaute Münchner Startrainer Max Merkel empfindet mit ihnen »Der Pavianbartträger Breitner g'fallt mir aach nicht, aber wenns siegen willst, mußt auch mit dem Teufel zusammenspielen.«

Und der Teufelspakt scheint unvermeidlich zu sein, denn der sonst sehr auf Sitte, Anstand und Anpassung achtende Bundestrainer Helmut Schön überwand jeden Dünkel und betrieb Paul Breitners Rückkehr in die Nationalmannschaft. Denn in vier Länderspielen nach der WM hatte sie von Mal zu Mal kläglicher gespielt. Bei der 0:2-Niederlage gegen England schoß sie im ganzen Spiel nur einmal gefährlich aufs Tor. Breitners ehemaliger Verein, der FC Bayern München, fiel in der Bundesliga fast in die Abstiegszone zurück. Und unlängst in Frankfurt, wo der DFB seinen Sitz hat, riefen sogar die Fans der einheimischen Eintracht nach Breitner. Dieses Plebiszit galt besonders den DEB-Herren, die Breitners Rückkehr in die Nationalmannschaft hintertreiben wollten.

Angefangen hatte das Zerwürfnis schon während des WM-Turniers. Breitner war einer der Wortführer hei der Spieler-Forderung nach mehr Geld für den Titelgewinn gewesen. Statt der vom DFB bewilligten 30 000 Mark handelten sie insgesamt 75 000 pro Mann aus -- unter Streikandrohung. Lagerleiter Deckert: »Mit Breitner setze ich mich nie mehr an einen Tisch.«

Solche Gefahr bestand schon nach dem Endspielsieg beim WM-Bankett. Breitner und die übrigen Spieler wollten sogar ihre Frauen am Bankettisch haben. Deckert wies sie ab. »Noch herrschen bei uns Zucht und Ordnung.« Als Breitner ("ich hätte auch bei den Obristen in Griechenland gespielt") für angeblich 500 000 Mark Handgeld zum spanischen Spitzenklub Real Madrid wechselte, wo schon der deutsche Nationalspieler Günter Netzer spielte, glaubten sich die DFB-Herren ein für allemal vor dem Außenseiter in ihrer autoritär geleiteten Gesellschaft sicher. Doch als die Spielstärke der Nationalelf nachließ, verlangte das Fußballvolk seine Stars Breitner und Netzer zurück.

Bundestrainer Schön traf sich in Belgrad mit Breitner und Netzer. Denn Breitner hatte mittlerweile sogar im ZDF-Sportstudio erklärt, er würde »für Deutschland erst wieder spielen, wenn sich im DFB-Vorstand einiges geändert« habe. Nun aber, nicht zuletzt des eigenen Marktwertes wegen, der gerade in Spanien steigt, wenn er weiterhin in der deutschen Elf um Europa- und Weltmeisterschaft spielt, entschuldigte er sich beim Bundestrainer für seine Kritik an den Funktionären.

Doch die DFB-Herren verlangten mehr. »Er muß sich schriftlich entschuldigen«, forderte DEB-Präsident Gösmann. Auch Stellvertreter Hermann Neuberger verlangte einen »schriftlichen und öffentlichen Widerruf«. Und Breitners Intimfeind Deckert meinte: »Der muß auf die Knie und sich dann in der Nationalmannschaft erst wieder hochdienen.«

Weil aber Fußballsiege mehr von Breitner und Netzer als von Gösmann und Deckert abhängen, brach hei den Fans der Zorn gegen die Fußballoberen los. Die DFB-Zentrale in Frankfurt wurde mit Drohungen per Telephon ("Wir räuchern euch aus") und Post ("Gösmann raus, Breitner rein") überschüttet. Sämtliche Fußballfachblätter in der Bundesrepublik druckten Leserbriefe pro Breitner und contra DFB ab.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit gaben die DFB-Herren klein bei. Gösmann: »In 45 Jahren Fußballdienst ist mir so etwas noch nicht untergekommen.« Nur noch eine winzige Bedingung stellten sie: »Kann der Breitner nicht doch was Schriftliches geben, ein Satz genügt.«

Breitner ("Ich will spielen und sonst nichts") tickerte auf Schöns Bitte lapidar ein Fernschreiben ins DFB-Haus: »Lieber Herr Schön, wunschgemäß bestätige ich Ihnen heute das zwischen uns in Belgrad geführte Gespräch und versichere Ihnen, daß ich nach wie vor zu unserer Vereinbarung stehe.«

Den kleinlauten DFB-Herren genügte es. Doch unter sich zürnen sie weiter. Deckert, ohnehin ahnend, daßer zur nächsten WM, 1978 in Argentinien. kaum mehr mitreisen darf, warnte die Vorstandsmitglieder: »Da wird dann wohl der Breitner auch bestimmen, was wir alle beim Bankett zu tragen haben, ob dunklen Anzug oder Nietenhosen und oben ohne.«

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