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BOXEN Oh Danny Boy

Ein Boxer schafft, was Politikern nicht gelingt: Barry McGuigan eint zumindest zeitweilig das von Religionskonflikt und Bürgerkrieg zerrissene Irland. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Barry, der Boxer, konzentriert sich in seiner Ringecke auf die Schlacht um die Weltmeisterschaft. Neben ihm fiebern seine Sekundanten: der treue Bruder Dermot und der ergraute Manager Barney, der Barry seinen »Sohn« nennt.

In der ersten Reihe am Ring kullern Barry hübscher Frau Sandra Tränen über die vor Aufregung hochroten Wange. Sie halt die Hand vom Söhnchen Blain, das lieber dem Cahel helfen möchte: Cahel, der mongoloide Behinderte aus Barrys Troß, schleppt Wassereimer zum Ring.

In den ist nun Barrys Vater Paddy gestiegen. Aufgeputzt wie ein Vorstadttenor schmettert er die Schnulze »Oh Danny Boy - und 6300 Menschen in der Halle singen mit.

Szenen aus einem Kitschfilm? Ein Rührstück aus der Provinz?

Keine der Figuren ist erfunden. Die Geschichte ist wahr. Sie spielt in Irland, und sie hat sogar eine politische Dimension.

Denn die Menschen, die so einträchtig miteinander singen, sich die Seele für Barry aus dem Leib schreien und nach Barry-Siegen beglückt nach Hause gehen, kommen aus zwei miteinander verfeindeten Religionsgemeinschaften.

Im von Glaubenskonflikt und Bürgerkrieg zerrissenen Irland ist etwas Seltsames geschehen. Die Nation sieht sich - zeitweilig jedenfalls - geeint durch einen Mann, der die gewalttätigste aller Sportarten ausübt: Faustkämpfer Finnbarr »Barry« McGuigan. 25. Weltmeister der World Boxing Association im Federgewicht.

Dem Federgewicht aus der Kleinstadt Clones gelingt etwas, was die politischen Schwergewichte der grünen Insel nicht schaffen. McGuigan gibt den Iren ein Zusammengehörigkeitsgefühl, er läßt sie vorübergehend ihre Spannungen und Spaltungen vergessen.

Die im Süden gelegene Republik Irland, 3,5 Millionen fast ausschließlich katholische Einwohner, Hauptstadt Dublin, beansprucht das zu Großbritannien gehörende Nordirland, das die Briten Ulster nennen. Ulster, Hauptstadt Belfast, hat 1,6 Millionen Einwohner und wird von einer protestantischen Mehrheit beherrscht. Eine - zeitweilig vom Süden unterstützte - Rebellion einer katholischen Minderheit führte zum Bürgerkrieg in Nordirland, in dem seit 1969 über 2500 Menschen starben und mehr als 24000 verletzt wurden. Kein Wunder, daß auf der Insel Mißtrauen und Haß herrschen.

Aber: »When Barry fights Ireland unites«, verkündete ein Transparent, als McGuigan im Februar in Dublin seinen Titel gegen Danilo Cabrera aus der Dominikanischen Republik verteidigte. Es war kein leerer Spruch.

Auf den Rängen jubelten Einheimische und in Bussen angereiste Schlachtenbummler aus dem Norden. Am Ring saßen Männer nebeneinander, die sich so selten begegnen wie Entscheidungsträger aus Bonn und Ost-Berlin - etwa die Polizeichefs der beiden Irlands, Sir John Hermon aus Belfast und Larry Wren aus Dublin. McGuigan hatte Nord und Süd zusammengebracht.

Bei seinen Kämpfen in Belfast drängen sich Fans aus dem katholischen Falls-Viertel zwischen Sportfreunden aus dem Gebiet um die Shankhill Road. Hochburg der militanten Protestanten. Sie haben die Barrikaden und Bomben, die Minen und Maschinenpistolen Vergessen. Denn Barry hat seine Botschaft verkündet: »Leave the fighting to me« - überlaßt das Kämpfen mir.

Im Ring wird McGuigan wahrlich zur Kampfmaschine, die ihre Gegner vernichtet. Dabei sieht sich der Boxer selbst als Pazifist, und in gewisser Weise ist er dies auch: So meidet McGuigan emotionsbeladene Symbole wie das Grün der Katholiken oder das Orange der Protestanten.

Er marschiert hinter einer blauen Fahne mit der weißen Friedenstaube von Picasso in den Ring und kämpft in einer blauen Hose mit aufgenähtem weißen Friedensvogel.

Anstelle der Nationalhymne des Nordens ("God save the Queen") oder der Republik Irland ("Sinne Fianna Fail« - Wir sind Soldaten) erhob McGuigan zu seiner Erkennungsmelodie den Pub-Ohrwurm »Oh Danny Boy«, der zu fortgeschrittener Stunde den Iren die Tränen in die Augen treibt. Liebe und Sehnsucht anstelle von Krieg und Tod.

Der Boxer stieg auf zum »Helden aller Iren«, weil das Land nach einer solchen Figur einen »mächtigen und beharrlichen Hunger spürt«, so der britische Publizist Hugh McIlvanny. Gerade weil Barry McGuigan die Widersprüche des Inselvolkes in extremer Weise personifiziert, fällt die Identifikation mit ihm leicht.

McGuigan ist in der Republik Irland im Grenzort Clones in einer kinderreichen, katholischen Familie aufgewachsen. Sein Vater tingelte als Sänger mit einer Tanzkapelle vorwiegend über die Dörrer. Immerhin schaffte er 1968 mit dem Song »Chance of a Lifetime« Platz vier beim Schlagerwettbewerb der Eurovision. Seine Mutter betrieb einen Gemüseladen, in dem Barry nach Abschluß der Volksschule aushalf, ein Übergangsjob. Denn für den Jungen stand seit der Kindheit fest, daß er Boxer werden wollte.

Die McGuigan-Sippe engagierte sich für die katholisch-republikanische Sache. Barry aber heiratete seine Sandkastengespielin Sandra, eine Protestantin - sehr ungewöhnlich in der irischen Gesellschaft und Hinweis auf Barrys unabhängigen Charakter.

Den hat sich der Boxer mit dem »Unschuldsgesicht eines Chorknaben« ("Sunday Express«, London) erhalten. Heute besuchen die McGuigans mit ihren Kindern Blain, zweieinhalb, und der im Januar geborenen Danika an Sonntagen abwechselnd eine katholische und eine protestantische Kirche. Sie sind nach Nordirland gezogen, keine 50 Meter von der Grenze zum Süden entfernt.

Von dort bezieht Barry McGuigan seinen Strom. Die Wasserleitung und das Telephon sind an das nördliche Netz angeschlossen. Beim täglichen Trainingslauf kreuzt der Boxer mehrmals die Grenze zwischen Ulster und der Republik.

McGuigan besitzt seit 1982 einen britischen Paß. Der junge Profiboxer wollte Commonwealth-Champion und Weltmeister werden. »Barry, der Brite«, schrieb damals jemand an eine«,Mauer in Belfast »verkauft seine Seele für englisches Gold.« Doch so denkt nur eine verschwindende Minderheit in Irland. Sogar fanatische Nationalisten wissen: Der Paß Ihrer Majestät gilt als Ticket aus dem irischen Hinterland in die große weite Welt.

Im rauhen internationalen Boxgeschäft machte McGuigan seinen Weg mit der Hilfe eines Landsmannes: Barney Eastwood, 55, ein ausgefuchster Belfaster Geschäftsmann, der es vom Kneipenwirt zum Besitzer von 32 Wettbüros und etlicher Spielhallen gebracht hat, wollte sich auf seine alten Tage seinem Hobby Boxen widmen.

Er nahm den begabten Barry unter Vertrag, engagierte erstklassige Trainer und bereitete seinen Boxer in Aufbaukämpfen gegen sorgfältig ausgesuchte Gegner auf immer schwerere Aufgaben vor. Eastwood ließ gar Sparringspartner aus Amerika nach Irland einfliegen. Denn er erkannte, daß der in seiner Gesellschaft verwurzelte McGuigan die heimische Umgebung braucht.

Barrys Brüder, der Vater und die Freunde, mit denen er am liebsten zur Jagd geht, müssen immer in der Nähe sein. Und die Frau wird - je nach Schwere des bevorstehenden Kampfes - erst zwei bis fünf Wochen vor einem Fight aus dem Verkehr gezogen: »Das soll ihn aggressiv machen, erklärt Sandra verständnisvoll. Am Kampfabend muß sie dann am Ring sitzen, denn »meine Anwesenheit gibt Barry Kraft«.

Der so gestärkte McGuigan entwickelte sich nach Eastwoods Plan, nicht zuletzt, weil er geradezu masochistischem Eifer zu trainieren pflegt und zuweilen von Eastwood vom Sandsack weggerissen werden muß.

McGuigan gewann 1983 die britische und europäische Federgewichtsmeisterschaft und entthronte im vergangenen Juni in London Eusebio Pedroza aus Panama als Weltmeister der World Boxing Association. Er hat seinen Titel inzwischen zweimal - in Belfast und Dublin - verteidigt. Von McGuigans Glanz bekommt auch der Manager einen Teil ab: »Thank you very, very much. Mister Eastwood«, heißt es in einem in Irland sehr populären Lied.

Obwohl McGuigan als Profi niemals außerhalb der britischen Inseln kämpfte, winkt nun großes Geld in den USA. Im US-Fernsehen wurden seine letzten Ringschlachten bereits live übertragen. McGuigan avancierte in einer zunehmend von Schwarzen und Latinos dominierten Sportart zu einer neuen weißen Hoffnung.

»McGuigan ist jung und sieht gut aus«, schwärmt Dr. Ferdie Pacheco, einst Leibarzt von Muhammad Ali und nun Boxexperte der TV-Gesellschaft NBC«, »er nimmt keine Drogen, kommt aus einer anständigen Familie und tut sein Bestes für sein Land. So einen Mann wollen Millionen sehen.«

Das Magazin »The Ring« ("The Bible of Boxing") fragte nach McGuigans Gewinn der Weltmeisterschaft in einer Titelgeschichte: »Kann er das Boxen retten?«

Schon planen Veranstalter in den USA einen Superfight im New Yorker Madison Square Garden: Barry McGuigan gegen Wilfredo Gomez. Weltmeister in der nächsthöheren Gewichtsklasse. Der Kampf des Iren gegen den Puertoricaner soll zwei der bedeutendsten ethnischen Gruppen in den Vereinigten Staaten mobilisieren.

Barry will das amerikanische Abenteuer wagen, allerdings unter einer Bedingung: Sein ganzer irischer Klüngel muß mitreisen.

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