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WETTKÄMPFE Olympia am Amazonas

Geld und Segen für die »Brasilianischen Indianerspiele« kamen dereinst von Sportminister Pelé. Inzwischen nehmen 31 Stämme an den archaischen Wettbewerben teil. Die Ureinwohner des südamerikanischen Landes bringen den Sport zu seinem Ursprung zurück.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Zehn Tage war Binã unterwegs, um mit seinem Blasrohr auf eine weiß angestrichene Melone zu schießen. Eine Woche dauerte die Flussfahrt mit Motorboot und Kanu von seinem Heimatdorf tief im Urwald an der Grenze zu Peru. Drei Mal musste er das Flugzeug wechseln, bis er endlich in der sandigen Arena von Marabá steht, einer Goldgräber- und Händlerstadt im Süden des Amazonasbeckens. Jetzt hat er Lampenfieber.

5000 Zuschauer feuern ihn an, johlen, klatschen in die Hände. Nervös peilt Binã mit seinem etwa drei Meter langen Blasrohr die Frucht an, die wie ein großer Mond an einem Holzgerüst baumelt. Binã ist Kazike, also Häuptling, des Indianerstammes Matís. Da schießt man besser nicht daneben.

Zumal die Matís als Meister im Umgang mit der Zarabatana gelten, dem Blasrohr aus Bambus. Bis auf 30 Meter Entfernung schießen sie mit ihren Giftpfeilen Affen und Faultiere aus den Baumkronen. Aber eine Melone? Binã ist sichtlich irritiert.

Er sieht sich schüchtern um, setzt das Rohr an den Mund und pustet. Der Pfeil geht im Sand nieder. »Das war nur zur Übung«, dröhnt der Ansager über Mikrofon. Nach drei Schüssen gelingt Binã der erste Treffer. Zum Glück haben die Matís keine Konkurrenz, sie sind als Einzige mit dem Blasrohr gekommen. Die Ehre ist gerettet.

»Dabei sein ist alles«, bemüht Carlos Terena eine überkommene olympische Formel. »Siegen ist nur euch Weißen wichtig.« Der dicke Kazike vom Stamm der Terena ist Chef der »Dritten brasilianischen Indianerspiele«. Das ist der offizielle Name, im Volk sind die Spiele als »Indio-Olympiade« bekannt.

631 Vertreter von 31 verschiedenen Stämmen sind nach Marabá gereist. Eine Woche lang messen sie sich in Sportarten wie Kanufahren und Bogenschießen, Lanzenwurf und Tauziehen. Zu den exotischeren Disziplinen zählt der 500-Meter-Staffellauf mit einem hundert Kilo schweren Baumstamm und das Kampfringen, Uka-Uka genannt.

Aus allen Ecken des Riesenlandes sind sie gekommen, mit Bussen und Flugzeugen, Kanus und Flussdampfern, zu Fuß und mit dem Auto. Viele haben ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Die schwierigste Anreise hatten die Wai-Wai aus dem Norden des Bundesstaates Pará. 86 Stromschnellen mussten sie mit ihren Kanus überwinden. Aber die Gaudi wollten sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Vor vier Jahren richtete Brasiliens Regierung die ersten Indianerspiele aus. Carlos Terena hatte die Idee; Fußballkönig Pelé, der damals Sportminister war, gab das Geld, umgerechnet rund 800 000 Mark, und den Indianern freie Hand für die Organisation. »Pelé hat als Schwarzer Sinn für ethnische Minderheiten«, sagt Terena.

300 000 Indios leben in Brasilien, überwiegend in abgeschiedenen Reservaten. Wer sie als Weißer besuchen will, muss sich eine Genehmigung bei der Funai, der Indianerbehörde, besorgen. In der Landesverfassung genießt die Ur-Bevölkerung, die bei der Landung der Europäer vor 500 Jahren fünf Millionen Menschen umfasst haben soll, einen Sonderstatus: Kein Weißer darf einen Indio verurteilen, Indianer haben ihre eigene Gerichtsbarkeit.

Und im vergangenen Oktober auch ihr drittes Olympia. Auf einer Insel im breiten Rio Tocantins haben die Veranstalter die Arena und das olympische Dorf errichtet. Der Strand flimmert in der gleißenden Sonne; dennoch setzen Tausende Zuschauer von Marabá über.

Auf dem Eiland gibt es kein Bier; das nationale Gesetz, wonach Alkoholausschank an Indianer verboten ist, gilt auch während der sieben Wettkampftage. Trotzdem ist die Stimmung im olympischen Dorf ausgelassen. In 13 Malocas, palmgedeckten Langhäusern, haben die Indianer ihre Hängematten aufgespannt. Die Schlafräume traditionell verfeindeter Stämme sind sorgfältig getrennt. »Xavante und Karajá in einer Hütte - das gibt Zoff«, sagt Terena. Noch vor einigen Jahren haben sich die beiden Kriegervölker bis aufs Blut bekämpft.

Wie unlängst in Sydney herrscht auch im olympischen Dorf von Marabá ein buntes Sprachengewirr. Mit seinem Hängemattennachbarn vom Stamm der Kaiowá kann Binã sich nicht verständigen. 19 verschiedene Sprachen schwirren durch die Hütten, nur wenige Kaziken reden portugiesisch. Das hat zuweilen skurrile Folgen: Bei der vorigen Olympiade rannte eine Läuferin unbeirrt weiter, als sie die Ziellinie erreicht hatte. Sie hatte nicht verstanden, dass es sich nur um einen 100-Meter-Lauf handelte.

Indes, beim Flirten brauchen die Indianer keinen Dolmetscher. Wenn es dämmert, schlägt sich der Xikrim-Jüngling mit der Erikbaksa-Schönheit in die Büsche, der Xavante-Mann turtelt fröhlich mit der Munduruku-Frau. Angeregt vom libertären Ambiente, tätschelt ein Häuptling vom Stamme der Xingú ungeniert den Po einer hübschen Sportstudentin aus Marabá - was der Dame jedoch zu weit geht. Sie schiebt die Hand beiseite.

Genau genommen ist Marabá eine Hochburg von Indianerfeinden: Goldsucher, Rinderzüchter und Holzhändler haben in dieser Gegend erst den Urwald vernichtet und dann seine Bewohner verscheucht. Die Luft ist schwer und diesig vom Rauch der Brandrodungen. »Wir tragen die Spiele hier nur aus, weil wir eine Insel für uns haben«, sagt Terena.

Entsprechend verwandelt sich das Gelände am Abend in einen riesigen Folkloremarkt, auf dem die Indianer ihr Kunsthandwerk anbieten. Für einen brasilianischen Real bemalen sie den Bleichgesichtern die Wangen. Als die Naturschutzbehörde den Verkauf von Federschmuck verbieten will, weil dafür seltene Papageien gerupft werden, rufen die Kaziken zum Protest auf. »Meine Familie lebt von den Federn«, entrüstet sich Muxí, Häuptling der Tembé.

Auch am Tage stehen die Wettkämpfe in bemerkenswertem Kontrast zum professionellen, kommerziell entarteten Sport der Ersten Welt: Leibesübungen sind auf der Insel zweckfreies Tun, eine Nebensache mit hohem Vergnügungsfaktor. Zum Tauziehen erscheinen viele Krieger mit Verspätung, beim Schwimmen im seichten Fluss haben sie Grund unter den Füßen, und beim Kanu-Rennen kentern mehrere Einbäume gleich nach dem Start.

Erst beim Fußball erwacht der Kampfgeist. Bei den morgendlichen Turnieren bolzen und dribbeln Männer und Frauen wie Profis. Die unbequemen Stollenschuhe streifen viele Indianerinnen nach wenigen Minuten wieder ab.

Zum Endspiel, dem Amazonas-Klassiker Xavante gegen Terena, das im städtischen Stadion von Marabá ausgetragen wird, scheint die ganze Stadt auf den Beinen. Nur die Matís bleiben auf der Insel in ihrer Hütte. Erst vor 15 Jahren haben sie Kontakt zu Weißen bekommen, das brasilianische Fußballfieber hat sie noch nicht angesteckt.

So nehmen Binã und seine vier Stammesgenossen bei der Indio-Olympiade jene Exotenrolle ein, die Eric Moussambani, der Schwimmer aus Äquatorialguinea, bei den richtigen Olympischen Spielen in Sydney innehatte. Denn sportlich geriet der Auftritt der fünf Matís zum Desaster: Beim Bogenschießen, neben der Blasrohrvorführung der einzige Wettbewerb, an dem sie teilgenommen hatten, landeten sie auf dem vorletzten Platz.

Doch Binã ficht das nicht an. Sein Blasrohr hat er für 200 brasilianische Reais verkauft, auch seine Ohrringe und die Kette aus Affenzähnen hat er versetzt. Standhaft erwehrt er sich jetzt einer Touristin aus São Paulo, die ihm noch den letzten Armreifen abschwatzen will. »Der ist heilig«, sagt er in gebrochenem Portugiesisch. »Den verkaufe ich nicht.«

Was ihm bei den Spielen am besten gefallen hat? »Der Strand und die Mädchen«, deshalb will er beim nächsten Mal in zwei Jahren wieder dabei sein. Doch jetzt reiche es, ihn zieht es zurück zu seinen zwei Frauen und fünf Kindern in den Dschungel.

Denn in einem seien sich alle Indianer einig, versichert Muxi, der weise Häuptling der Tembé: »Am schönsten ist es, wenn wir unter uns sind.« JENS GLÜSING

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