Nach Kritik an Sportfunktionären bei Olympia Belarus wollte Sprinterin offenbar zur Abreise zwingen

Kristina Timanowskaja sollte offenbar gegen ihren Willen aus Tokio zurück nach Belarus geflogen werden – wohl wegen Beschwerden über Sportfunktionäre ihres Landes. Nun hat sie Schutz bei der Tokioter Polizei gefunden.
Aus Tokio berichtet Anne Armbrecht
Foto: ALEKSANDRA SZMIGIEL / REUTERS

Die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja sollte offenbar gegen ihren Willen von den Olympischen Spielen in Tokio vorzeitig nach Hause geflogen werden, nachdem sie öffentlich Sportfunktionäre ihres Landes kritisiert hatte. Mehrere Medien berichteten am Sonntagabend (Ortszeit), dass die Sportlerin von Vertretern des Nationalteams zum Flughafen gebracht wurde.

Die 24-jährige Timanowskaja, die am Montag im 200-Meter-Lauf antreten sollte, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie nicht vorhabe, in ihr Land zurückzukehren. Sie habe auf dem Tokioter Flughafen Haneda den Schutz der japanischen Polizei gesucht, um den Flug am späten Sonntagabend nicht antreten zu müssen. Auf Twitter verbreitete sich ein Video vom Flughafen in Tokio , auf dem mehrere Olympia-Volunteers und Polizisten zu sehen sind. Timanowskaja antwortete demnach auf die Frage, ob sie Angst habe, nach Belarus zu fliegen, mit »ja«.

»Ich habe Angst, dass sie mich in Belarus womöglich ins Gefängnis sperren«, sagte sie dem Sport-Telegram Tribuna . »Ich habe keine Angst, dass sie mich entlassen oder aus der Nationalmannschaft werfen. Ich habe Angst um meine Sicherheit.«

»Ich bitte das IOC, sich einzuschalten«

»Ich bitte das Internationale Olympische Komitee um Hilfe«, sagt Timanowskaja außerdem in einem Video, das die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) auf Telegram veröffentlichte; die Gruppe unterstützt Sportler, die wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt werden. »Es wird Druck auf mich ausgeübt. Sie versuchen, mich ohne meine Erlaubnis aus dem Land zu bringen. Ich bitte das IOC, sich einzuschalten.«

BSSF-Direktor Alexander Apeikin bestätigte dem SPIEGEL, dass Timanowskaja Schutz bei der Polizei gefunden habe und nun politisches Asyl in Österreich oder Polen beantragen wolle. Gegen Mitternacht japanischer Ortszeit zitierte Apeikin sie mit diesen Worten: »Ich bin derzeit auf der Polizeistation. Ich habe die Situation, wie ich aus dem Olympischen Dorf gebracht wurde, der Polizei geschildert. Ich bin definitiv in Sicherheit. Es wird gerade entschieden, wo ich die Nacht bleiben soll.«

Auch Reuters berichtet unter Berufung auf eine Quelle in der Stiftung, dass die Sportlerin plane, am Montag in Deutschland oder Österreich Asyl zu beantragen. Das Internationale Olympische Komitee teilte dem SPIEGEL auf Anfrage mit, das IOC habe die Medienberichte zur Kenntnis genommen, prüfe die Situation und habe das NOC »um eine Klarstellung gebeten«.

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In einer Mitteilung des Belarussischen Olympischen Komitees auf Telegram hieß es, die Läuferin sei von einem Arzt untersucht worden und werde wegen ihrer »emotional-psychischen Verfassung« nicht an weiteren Wettkämpfen teilnehmen. Timanowskaja bezeichnete diese Darstellung allerdings als »Lüge«. In einem Interview sagte sie dem Radiosender Euroradio: »Sie haben mir einfach gesagt, ich soll meine Sachen packen und nach Hause fliegen.« Sie sei aus dem Team entfernt und zum Flughafen gebracht worden, »weil ich auf Instagram über die Nachlässigkeit unserer Trainer gesprochen habe«.

»Der Cheftrainer kam zu mir und sagte, es habe einen Befehl von oben gegeben, mich zu entfernen.«

Sprinterin Kristina Timanowskaja

Timanowskaja hatte am Freitag bereits an den Vorläufen über 100 Meter teilgenommen und sollte am Montag auch über die 200 Meter an den Start gehen. Sie hatte sich über ihren Einsatz in der 4x400-Meter-Staffel beschwert, nachdem einige Mitglieder des Teams wegen fehlender Dopingtests nicht für die Olympischen Spiele startberechtigt waren. Daraufhin gab es in belarussischen Medien eine Kampagne gegen sie.

»Einige unserer Mädchen sind nicht hierhergeflogen, um an der 4x400-Meter-Staffel teilzunehmen, weil sie nicht genügend Dopingtests absolviert hatten«, sagte Timanowskaja am Flughafen der Nachrichtenagentur Reuters. »Und der Trainer hat mich ohne mein Wissen in die Staffel aufgenommen. Ich habe darüber öffentlich gesprochen. Der Cheftrainer kam zu mir und sagte, es habe einen Befehl von oben gegeben, mich zu entfernen.«

Die im Exil lebende belarussische Oppositionsführerin Sviatlana Tsikhanouskaya forderte das IOC auf, sich des Falls der Athletin anzunehmen. »Sie hat ein Recht auf internationalen Schutz und auf die weitere Teilnahme an den @Olympischen Spielen«, twitterte Tsikhanouskaya. »Es ist auch von entscheidender Bedeutung, dass das weißrussische Nationale Olympische Komitee Verstöße gegen die Rechte der Athleten untersucht.«

IOC sanktionierte Belarus schon im Dezember

Das Internationale Olympische Komitee hatte im Dezember bereits mehrere Mitglieder des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von Belarus suspendiert – darunter Alexander Lukaschenko, der Staatspräsident und Vorsitzender des NOK ist. Damit folgte das IOC den Forderungen belarussischer und internationaler Athletenvereinigungen. Sportler und Sportfunktionäre hatten wiederholt gegenüber dem IOC Menschenrechtsverletzungen durch die belarussische Führung beklagt. Lukaschenkos Nachfolge als NOK-Präsident trat Ende Februar sein Sohn Viktor Lukaschenko an.

Staatspräsident Lukaschenko ist im Land hochumstritten. Nach seiner vermeintlichen Wiederwahl im Sommer 2020 war er gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen. Die Demokratiebewegung fordert seinen Rücktritt, die Freilassung aller politischen Gefangenen und Neuwahlen. In einem offenen Brief hatten sich den Forderungen auch etwa 1200 Sportler und Sportfunktionäre angeschlossen, obwohl sie sich oft über Stipendien oder Anstellungen in direkter Abhängigkeit vom Staat befinden. Danach kam es offenbar zu gezielten Maßnahmen gegen sie.

Die BSSF hatte dem IOC eine Liste mit mehr als 65 Fällen und Belegen geschickt, in denen Sportler, Trainer und Funktionäre systematischer Repression ausgesetzt gewesen sein sollen. Die Fälle reichten von Inhaftierungen über Gewaltanwendung bis hin zu Jobverlust, Suspendierung vom Sportbetrieb und Nationalmannschaften.

Mitarbeit: Christina Hebel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.