Abgesagte Marathon-Qualifikationen im Olympiajahr Wofür trainieren Sie überhaupt noch, Herr Pflieger?

Trotz Coronakrise hält das IOC am Olympia-Plan fest und setzt Sportler damit unter Druck. Hier spricht Philipp Pflieger über abgesagte Qualifikationen, die Folgen für sein Training und die Leere beim Laufen ohne Ziel.
Ein Interview von Jan Göbel
Startschuss beim Berlin-Marathon: Pflieger beim Wettkampf 2019

Startschuss beim Berlin-Marathon: Pflieger beim Wettkampf 2019

Foto: Christoph Soeder/ picture alliance/dpa

SPIEGEL: Herr Pflieger, was geht Ihnen gerade durch den Kopf, wenn Sie an Ihr Marathontraining für Olympia denken?

Pflieger: Ich spüre eine ziemlich große Leere. Mir fehlt die Energie, das ist gar nicht auf den Körper bezogen, meine Beine sind gut drauf - auch wenn die vergangenen Monate mit mehr als 200 Trainingskilometern pro Woche hart waren. Es ist eher eine mentale Erschöpfung. Ich weiß nicht, für was ich eigentlich noch trainiere. Als Sportler ist das ein Riesenproblem.

Zur Person Philipp Pflieger
Foto: imago images/ Eibner

Philipp Pflieger ist ein deutscher Leichtathlet, der sich auf die Langstrecke spezialisiert hat. 2014 feierte der 32-Jährige seine Marathonpremiere in Frankfurt, seine bisher schnellste Zeit auf den 42,195 Kilometern stellte er 2015 in Berlin auf - sie liegt bei 2:12:50 Stunden. Pflieger nahm an den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 teil, aktuell hofft er auf die Qualifikation für die Spiele in Tokio 2020.

SPIEGEL: In einem Monat wollten Sie beim Hamburg-Marathon die Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden erfüllen. Die Vorbereitungen gingen gerade in die entscheidende Phase. Doch der Wettkampf ist aufgrund der Corona-Pandemie nun abgesagt worden, wie weltweit fast alle anderen Qualifikationsläufe für die Sommerspiele auch. Was jetzt?

Pflieger: Ich weiß es einfach nicht. Es gibt zwar auf dem Papier noch Läufe, an denen ich teilnehmen könnte - aber dort werden ziemlich wahrscheinlich auch Absagen folgen, sobald die letzten rechtlichen Angelegenheiten geklärt sind. Es gibt derzeit keinen Plan B, um sich als Marathonläufer für Olympia zu qualifizieren. Das gilt übrigens für sehr viele andere Sportarten auch. Wir befinden uns in einer Sackgasse.

SPIEGEL: Sie kommen aus Regensburg, in Bayern gibt es inzwischen eine landesweite Ausgangssperre. Können Sie noch trainieren?

Pflieger: Sportanlagen sind gesperrt. Als Marathonläufer bin ich von solchen Einrichtungen aber weniger abhängig, ich trainiere meist auf asphaltierten Radwegen und störe dort auch niemanden. Das geht schon. Mein Problem ist eher die Ungewissheit, die Frage, wie es mit Olympia weitergeht. Jeder Tag ohne Lösungsvorschlag ist ein verlorener.

SPIEGEL: Spulen Sie das ursprünglich geplante Trainingsprogramm noch ab?

Pflieger: Nein, gar nicht. Es gab jetzt Tage, an denen ich nicht oder nur mit leichter Intensität laufen gewesen bin. Weiter durchpowern bringt nichts. Wofür denn? Man muss sich das einmal vor Augen führen: Der ursprüngliche Trainingsplan für den Hamburg-Marathon wäre über 15 Wochen gegangen, Mitte April hätte der Wettkampf stattgefunden. Danach ist man erst mal platt, aber du musst bereits wieder für Olympia trainieren. Ein hartes Programm und zeitlich eh schon auf Kante genäht. Je länger diese unklare Situation nun andauert, desto weniger ist eine professionelle Vorbereitung auf die Olympischen Spiele überhaupt möglich.

Olympia 2016: Pflieger wäre in Tokio zum zweiten Mal bei Sommerspielen verteten

Olympia 2016: Pflieger wäre in Tokio zum zweiten Mal bei Sommerspielen verteten

Foto: Diego Azubel/ picture alliance / dpa

SPIEGEL: Was denken Sie über den Olympia-Termin im Juli?

Pflieger: Erst mal sehe ich da eine gesundheitliche Gefahr. Niemand kann aktuell genau sagen, wie sich die Ausbreitung des Virus entwickelt. Aber ich sehe auch sportlich keine Möglichkeit, dass wir im Juli bei Olympia einfach so an den Start gehen. Es ist doch gar keine Chancengleichheit mehr gegeben. Europaweit gibt es Ausgangssperren, in Spanien oder Italien können einige Athleten unterschiedlicher Sportarten oft schon gar nicht mehr trainieren. Es gibt keine Qualifikationen mehr. Das IOC muss sich jetzt klar positionieren, eine Lösung anbieten.

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SPIEGEL: Was sagen die Funktionäre um den IOC-Präsidenten Thomas Bach bisher?

Pflieger: Dass wir uns so gut wie möglich vorbereiten sollen. Aber das geht nicht mehr, solche Aussagen sind blanker Hohn. Ich verstehe, dass Olympische Spiele ein Riesengeschäft für das IOC sind und wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Die Situation mit dem Coronavirus ist auch eine nie dagewesene, wir stecken in einer Krise, alle stehen unter Druck. Aber jetzt muss doch trotzdem mal konstruktiv gehandelt werden: Wie sollen in vier Monaten Menschen aus aller Welt in Japan zusammenkommen, ohne das ein gesundheitliches Risiko entsteht? Wie soll es in den nächsten Wochen fair ablaufen? Es zerplatzen gerade viele Träume von Olympia. Selbst der Fußball hat es geschafft, seine europaweite EM kurzfristig zu verschieben.

SPIEGEL: Wäre es eine Option, Qualifikationswettkämpfe und Norm auszusetzen und stattdessen die Athleten direkt für die Spiele zu nominieren?

Pflieger: Da kann ich nur für den Marathonsport sprechen, und das empfinde ich als sehr schwierig. Der deutsche Verband darf drei Marathonläufer bei den Männern für Tokio nominieren, zwei haben die Norm bereits erfüllt. Aber wer soll der dritte Läufer sein? Es gäbe mehrere Kandidaten, wir haben inzwischen eine hohe Leistungsdichte. Ich sehe keine Lösung für ein Verfahren, das aus sportlicher Sicht fair wäre.

SPIEGEL: Sie sind gerade aus einem Höhentrainingslager in Kenia zurückgekehrt, etliche andere Spitzenläufer sind dort auch aktiv, die wie Sie von Absagen der Qualifikationswettkämpfe betroffen sind. Einige sind aber bereits qualifiziert. Wie ist die Stimmung zwischen diesen Gruppen gewesen?

Pflieger: Ich habe die Solidarität unter den Sportlern als sehr hoch empfunden. Egal, ob die Leute aus Deutschland, Norwegen oder Kenia kamen, ob sie schon qualifiziert sind oder nicht - jeder hofft, dass die besten Athleten in Japan dabei sind, sollten die Sommerspiele doch wie geplant stattfinden. Es gibt natürlich viele Läufer, die aufgrund der Ungewissheit nun abgereist sind. Das kostet ja auch alles Geld. Einige andere, die ihren Olympia-Startplatz schon sicher haben, trainieren weiter in Kenia.

SPIEGEL: Von den vielen Absagen sind auch Breitensportler betroffen, viele von ihnen dürften vom ersten Marathon-Finish geträumt haben. Ist Ihre Vorbereitung jetzt verschenkte Kraft gewesen?

Pflieger: Nein. Da kann ich nur meinen italienischen Trainer zitieren, der das Ganze sehr sachlich betrachtet und mit einer Verschiebung der Spiele rechnet: Wir müssen alles Bisherige als sehr gutes Grundlagentraining sehen. Der Körper vergisst nicht sofort, was wir im Frühjahr geleistet haben. Es ergeben sich nun auch Chancen, man kann an seinen Schwächen arbeiten, neue Reize setzen, die Grundschnelligkeit optimieren. Kraft tanken, der Blick muss nach vorn gehen, auch wenn es schwerfällt.

SPIEGEL: Machen Sie sich aktuell Sorgen um Ihre Gesundheit?

Pflieger: Vor einer Ansteckung habe ich keine Angst. Das soll jetzt nicht nach dem unverantwortlichen Profisportler klingen, der glaubt, er wäre unverwundbar - wir sind verwundbar. Aber wir sprechen hier über Corona, nicht über die Pest. Aktuell sind ältere Menschen mit Vorerkrankungen stärker betroffen, zumindest was die Erkrankungsgefahr betrifft. Aber dadurch bin ich auch betroffen, ich könnte das Virus verbreiten. Ich bin deswegen für die härtesten Einschränkungen des öffentlichen Lebens, auch wenn die meinen Trainingsalltag stören würden. Es geht um den Schutz aller, und wenn man das ernst meint, kommt man am Ende auch nicht an einer Verschiebung der Olympischen Spiele vorbei.