Verschobene Sommerspiele Sieg für die Sportler

Ein Kommentar von Jens Weinreich
Der Entschluss, die Olympischen Spiele in Tokio zu verschieben, kommt viel zu spät. Japan und das IOC haben sich mit ihrer Hinhaltetaktik blamiert. Das olympische System wird sich erneuern müssen.
IOC-Präsident Thomas Bach (rechts) und Japans Premierminister Shinzo Abe gehen als Verlierer aus der Olympia-Verschiebung hervor

IOC-Präsident Thomas Bach (rechts) und Japans Premierminister Shinzo Abe gehen als Verlierer aus der Olympia-Verschiebung hervor

Foto:

Rodrigo Reyes Marin/ dpa

Die Olympischen Spiele in Tokio werden also 2021 ausgetragen - wenn die Entwicklung der Corona-Pandemie das im nächsten Jahr zulassen sollte.

Diese Einigung zwischen den drei olympischen Geschäftspartnern - Japan, Tokio und das Internationale Olympische Komitee (IOC) - kommt Wochen zu spät. Während die Welt bereits stillstand und sich der Coronavirus rasant verbreitete, hielten IOC-Präsident Thomas Bach und Japans Premierminister Shinzo Abe noch stur an ihren Plänen fest.

Die Interessen der Sportler standen mal wieder nicht im Vordergrund aller Überlegungen. Die Partner des olympischen Joint Ventures waren bereit, mit der Gesundheit von mehr als zehntausend Olympiasportlern zu spielen. 

Das wird die Welt nicht vergessen.

Der genaue Zeitplan steht noch nicht

Wie es weitergeht, kann noch niemand seriös sagen. Der genaue Nachholtermin kann jetzt noch nicht stehen. Es lässt sich derzeit nicht verlässlich planen. Millionen müssen um ihr Leben und ihre Existenz fürchten. Shinzo Abe hat im japanischen Fernsehen nur den Sommer 2021 genannt.

Sollte die Pandemie bis dahin überstanden sein, wird das IOC Lösungen mit den beiden wichtigsten olympischen Weltverbänden finden, Leichtathletik und Schwimmen, die rund ein Drittel aller olympischen Entscheidungen austragen und ihre Weltmeisterschaften im kommenden Jahr geplant haben. Derlei Details sind nachrangig und im Grunde in wenigen Stunden zu klären. Das kostet auch nicht viel im Vergleich zu den gigantischen Mehrkosten und juristischen Lösungen, die Japan und Tokio nun zu tragen haben. 

Und selbst das ist momentan unwichtig. DOSB-Präsident Alfons Hörmann, der heute in Quarantäne ging, nachdem sein Sohn positiv auf das Coronavirus getestet wurde, hat es kürzlich angemessen dramatisch formuliert: "Jetzt geht es um das Überleben der Menschheit und nicht um die Frage einiger Gold-, Silber- oder Bronzemedaillen."

Noch vor wenigen Tagen gab es keinerlei Verständnis

Das haben die führenden Sportfunktionäre der olympischen Welt offenbar erst jetzt verstanden, genau wie Shinzo Abe. Noch vor einer Woche, als es keine grundlegend andere Lage gab, Virologen längst Szenarien entworfen und Politiker Länder und Kontinente dichtgemacht hatten, hat IOC-Präsident Thomas Bach seine sogenannte olympische Familie noch mit aller Macht hinter sich geschart.

Noch vor sieben Tagen hat keiner der 33 olympischen Weltverbände des Sommersports widersprochen, als das IOC keinen Grund sah, die Planungen für die Eröffnungsfeier am 24. Juli 2020 in Tokio zu verändern. Alle segneten ein unwürdiges Kommuniqué ab.

Noch vor sechs Tagen hat keines der weltweit 206 Nationalen Olympischen Komitees gegen die IOC-Pläne opponiert. In einer Telefonkonferenz mit Bach unterstützten auch alle 50 europäischen NOK, darunter der DOSB, bedingungslos den Kurs des Präsidenten.

Es ist wichtig, festzuhalten, dass es Olympiasportler aus aller Welt waren, die diese Wende möglich machen mussten.

Allen voran die Kanadierin Hayley Wickenheiser, selbst IOC-Mitglied, die als eine der ersten prominenten Athleten "Menschlichkeit" einforderte vom IOC und sofortiges Handeln. Wickenheiser wurde daraufhin von der IOC-Administration gemaßregelt. Abweichler von der Einheitsmeinung sieht Bach nicht gern. Noch am Montag versuchte der IOC-Präsident, die viermalige Olympiasiegerin in einem Telefonat von seiner Haltung zu überzeugen. Aber immerhin hat sich Bach mit Wickenheiser beraten. So wie es die angehende Medizinerin, die jetzt zweieinhalb Monate in der Notaufnahme verbracht und die Schrecken gesehen hat, dem IOC-Präsidenten empfohlen hat.

Es ist traurig genug, dass es so weit kommen musste und die Sportler von denjenigen eine Lösung erzwingen mussten, die eigentlich nur dafür zuständig sind, das Beste für die Sportler zu tun. Stattdessen dominierten Starrköpfigkeit, juristische Bedenken, Weltfremdheit und Machtspiele.

Die Verschiebung ist ein Sieg der mündigen Athleten. Im Grunde ist sie ein Pyrrhussieg, denn der ohnehin schon rapide Ansehensverlust der olympischen Institutionen wurde in den vergangenen Wochen rasant beschleunigt. Diesmal spielte das IOC mit dem Leben. Viele große Olympiasportler haben das in den vergangenen Tagen angeprangert.

Der Sieg der mündigen Athleten gegen die IOC-Führung wird mittel- und langfristig Folgen haben. Das olympische System, die Dreifaltigkeit von IOC, Fachverbänden und Nationalen Olympischen Komitees (NOK), wird endlich eine eigene vierte Säule erhalten - die der Athleten.

Die Athleten werden die Gewinner sein

Bislang behaupteten neben dem IOC auch NOK und Verbände, für die Sportler zu sprechen. Künftig wird den vielen Athletenvertretungen und Gewerkschaften - der Verein Athleten Deutschland geht hier seit seiner Gründung voran - mehr Mitspracherecht eingeräumt werden müssen. Mehr IOC-Mitgliedschaften als nur 15 (von denen Bach persönlich einige auswählt). Feste Institutionen und Mitsprache bei Entscheidungen. Und irgendwann auch direkte Anteile aus dem Vermarktungsprogramm des IOC. Dieser Prozess ist unumstößlich. Es ist das positive Ergebnis einer weltweiten Krise, die gerade erst begonnen hat.

Vor nicht einmal zwei Tagen hat Bach noch ein Statement verabschieden lassen, um sich vier Wochen Zeit zu erkämpfen. In diesem Papier wurde die weltweite Pandemie heruntergespielt. Eine Absage der Sommerspiele 2020 würde keines der Probleme der Menschheit lösen und niemandem nützen, hieß es da.

Es geht nicht darum, einen Alleinschuldigen für die beschämenden Vorgänge um diese späte Olympia-Verschiebung zu suchen. Bach aber hat die volle Verantwortung zu übernehmen. Die undemokratischen, intransparenten Gepflogenheiten in der olympischen Familie, die er noch befördert hat, erschwerten eine Lösung. Das wird bleiben. Und es wird die Debatten der kommenden Monate bestimmen. Das olympische System wird sich erneuern müssen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.