Tokio 2020 ... und wenn Olympia wegen Corona ausfällt?

Auch die Olympischen Sommerspiele in Tokio könnten wegen des Coronavirus abgesagt werden. "Das wäre ein Fiasko", sagt der deutsche Sportler Carl Dohmann. Für ihn steht ein Lebenstraum auf dem Spiel.
"Die besten Sportler aller Nationen aus allen möglichen Sportarten kommen größtenteils an einem Ort zusammen, auch das Erlebnis, bei der Eröffnungs- oder Schlussfeier dabei gewesen zu sein, ist einmalig", sagt Geher Carl Dohmann

"Die besten Sportler aller Nationen aus allen möglichen Sportarten kommen größtenteils an einem Ort zusammen, auch das Erlebnis, bei der Eröffnungs- oder Schlussfeier dabei gewesen zu sein, ist einmalig", sagt Geher Carl Dohmann

Foto: imago images

Am 9. August 2016 sollte für Carl Dohmann ein Traum in Erfüllung gehen. Er hatte sich für die Olympischen Spiele qualifiziert, zum ersten Mal in seiner Karriere, doch das Wettkampf seines Lebens endete für den Geher mit einer großen Enttäuschung. Er musste das Rennen abbrechen - wegen Erschöpfung.

Am 7. August 2020 will er es besser machen. Doch was wäre, wenn der beste deutsche Geher die nötige Norm nicht knacken, wenn er nicht für Tokio nominiert werden würde? Selbst in diesem recht unwahrscheinlichen Fall würde Dohmann wohl besser damit umgehen können als mit einer Absage der Spiele, sagt er.

"Diese Machtlosigkeit, das ist das, was so frustrierend ist", sagt der 29-Jährige dem SPIEGEL. "Als Sportler lässt man sich ja bewusst darauf ein, dass Sieg und Niederlage dazu gehören, dass man manchmal ganz oben, manchmal ganz unten steht. Das ist halt in unserem Beruf so. Gewinnen und Verlieren - darum dreht sich alles. Wenn aber nun die Spiele abgesagt werden sollten, da haben wir ja wirklich keine Wahl. Es wäre eben keine natürliche Niederlage, sondern von anderen Mächten beeinflusst, die jenseits all unserer Möglichkeiten liegen."

Musste in Rio aufgeben, hofft nun auf seine zweite Olympia-Chance: Geher Carl Dohmann

Musste in Rio aufgeben, hofft nun auf seine zweite Olympia-Chance: Geher Carl Dohmann

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Bryn Lennon / Getty Images

Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus hat längst auch Auswirkungen auf den Sport. Spiele und Wettkämpfe müssen abgesagt, verschoben oder abgebrochen werden. Geht es jedoch um Tokio 2020, um das größte Sportevent der Welt, könnte man den Eindruck gewinnen, als stünde Olympia über den Dingen, als wäre das allmächtige IOC vom Virus ebenso wenig in die Knie zu zwingen wie von Korruptions- oder Dopingskandalen, von Athleten- oder Bürgerprotesten.

Das IOC wie auch die japanischen Organisatoren jedenfalls bekräftigen, dass man an den Spielen in Tokio wie geplant festhalte.

Wenn Alternativen zur Sprache kommen, geht es dabei um organisatorische Fragen, vor allem aber um finanzielle Auswirkungen, um lukrative TV- und Sponsorenverträge. Für die Sportler aber steht nicht selten ein Lebenswerk auf dem Spiel.

"Eine Absage wäre ein Fiasko", sagt Dohmann von Athleten Deutschland. "Bei uns olympischen Sportlern ist die ganze Karriere auf die Olympischen Spiele ausgerichtet. Sie sind das eine großes Ziel alle vier Jahre, dem alles untergeordnet wird, das Privatleben, die Ausbildung, die Laufbahn."

Den Verein Athleten Deutschland erreichen dieser Tage zahlreiche Anfragen zum Thema Coronavirus, die sie wegen der Menge auch an ihre Mitglieder weiterreichen. Dohmann war bereit, darüber zu reden, was Olympia, was eine Absage für einen Sportler bedeutet.

Pauschal könne man das natürlich nicht beantworten. "Da stecken ja auch immer andere Geschichten dahinter: Geht es darum, einmal dabei gewesen zu sein, geht es um eine zweite Chance, geht es um das sportliche Vermächtnis, um den Titel Olympiasieger?" Weil auch das Fördersystem für olympische Sportarten an Olympia-Chancen und -Medaillen gekoppelt ist, stelle sich zudem eine existenzielle Frage: "Werde ich auch ohne eine Teilnahme weiter unterstützt, oder lohnt es sich mehr, sich ganz auf die Ausbildung zu konzentrieren?"

Seitdem er damals in Rio aufgeben musste, hat Dohmann viel über seinen Sport und die Bedeutung, die er ihm zugemessen hat, nachgedacht. "Ich habe durch mein Ausscheiden einiges hinterfragt. Wie wichtig nimmt man den Sport? Muss sich das ganze Leben darum drehen? Natürlich sollte man den Sport so ernst nehmen, dass man ihn auch mit Erfolg betreiben kann. Aber ich bin heute lockerer und flexibler." Die Früchte dieser neuen Einstellung würde er gern in Tokio ernten.

Was Dohmann gelungen ist, schaffen längst nicht alle Sportler. Viele ordnen ihr Leben ganz und gar dem Sport, dem Traum von Olympia unter. Nachwirkungen wie post-olympische Depressionen, der emotionale Absturz, von dem immer mehr Athleten offen berichten - ganz egal, ob sie als Gewinner oder als Verlierer heimkehrten -, zeugen davon, wie schmal der Grat zwischen Traum und Trauma bei dieser intensiven Fokussierung ist.

Dohmann wünscht sich, dass es bei der Tokio-Frage nicht nur ums Geschäft geht. "Das Finanzielle sollte definitiv kein Argument sein", sagt er. Er selbst war bereits von einer früheren Entscheidung betroffen, die ebenfalls über den Kopf der Athleten hinweg gefällt wurde: Nach den verheerenden Bildern von der Leichtathletik-WM in Katar hat das IOC entschieden, die olympischen Marathon- und Geherwettbewerbe aus der Hitze Tokios ins kühlere, aber auch 800 Kilometer von der Olympia-Stätte entfernte Sapporo zu verlegen. Zum Wohle der Athleten, wie es heißt. Dohmann sieht darin vielmehr eine PR-Aktion, sagt: "Man hätte die Wettbewerbe auch in die Nacht verlegen können."

"Natürlich steht die Gesundheit im Vordergrund. Daher ist gut, dass Entscheidung schlussendlich nicht von Geschäftsmännern sondern von Gesundheitsexperten gefällt wird."

Geher Carl Dohmann, Athleten Deutschland

Für Dohmann gibt es auch zu einer Absage der Spiele Alternativen. Zwar glaubt er, dass auch Wettkämpfe ohne Zuschauer keinen Unterschied machen, wenn es um die Verbreitung des Virus geht. Es kämen schließlich immer noch mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern zusammen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keinen anderen Weg gibt", sagt Dohmann.

Eine Dezentralisierung der Spiele ist eine andere Idee. Schwimmen in Budapest, Leichtathletik in Berlin, Rudern in England. "Das hätte zwar mit olympischem Flair nichts mehr zu tun, weil es ja auch keine gemeinsame Eröffnungs- und Schlussfeier, kein olympisches Dorf mehr gäbe", sagt Dohmann. "Bevor Olympia aber komplett ausfällt, hätte man so wenigstens den sportlichen Wettkampf gerettet." Und damit vielleicht einen Teil des Traums.