Peter Ahrens

Das schwierige Sportjahr 2022 Raus aus dem stillen Kämmerlein

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Olympia in Peking, Fußball-WM in Katar, Champions League in Sankt Petersburg: Der Sport liefert sich 2022 freiwillig den hässlichen Regimes aus. Er hat nur eine einzige Chance, das wieder gutzumachen.
Was wird aus den Olympischen Spielen?

Was wird aus den Olympischen Spielen?

Foto: Jae C. Hong/ dpa

In seinem berühmten Roman »Berlin Alexanderplatz« schaut Alfred Döblin auf das Jahr 1928 seines Antihelden Franz Biberkopf. Alles ist trist, deprimierend, kalt. Sein Fazit mündet in dem Satz: »Nächstes Jahr wird's noch kälter.«

So ähnlich kann man auch den Blick aufs Sportjahr 2021 abschließen. Ein Jahr, in dem die Tennisspielerin Peng Shuai in China über Wochen verschwand, ein Jahr, in dem die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja von den Olympischen Spielen verschleppt werden sollte, ein Jahr, in dem bei der Fußball-EM fast so viel über das Regime von Ungarns Viktor Orbán geredet wurde wie über Joachim Löw. Und alles vom 1. Januar bis zum 31. Dezember unter der Fuchtel der Pandemie.

Ein sehr kaltes Sportjahr.

Nächstes Jahr wird's noch kälter.

Es wird das Sportjahr des schlechten Gewissens: die Olympischen Spiele in Peking im Februar, die traurige Herbst-Wüsten-WM in Katar im November und Dezember. Und als sei das nicht genug, findet das Champions-League-Endspiel im Mai in Sankt Petersburg statt. China, Russland, Katar. Das Trio infernale des Weltsports.

Pervertierte Werte

Es ist sicherlich ein Tiefpunkt in der Sportgeschichte, die Vergabe der beiden weltweit größten Sportereignisse innerhalb eines Jahres an Länder, die die Werte pervertiert, um die sich der Sport eigentlich verdient machen sollte: Fairness, Gesundheit, Individualität, Gerechtigkeit, Chancengleichheit für alle – all das steht im Widerspruch zur Hongkong- und Uiguren-Politik Chinas, zum Umgang mit Arbeitskräften, mit Frauen, mit Homosexuellen in Katar. Nichts ist dort frisch, fromm, fröhlich, frei.

Die Funktionäre bemänteln ihre Vergabe-Entscheidungen mit dem perfiden Argument, solche Veranstaltungen könnten dazu beitragen, die Verhältnisse im Land zu verbessern. Wie sehr, das haben die Sommerspiele von Peking 2008, die Winterspiele in Sotschi 2014 und die Fußball-WM in Russland gezeigt. Nichts hat sich bewegt.

Nichts hat sich bewegt, weil zwar viel über Menschenrechte im Vorfeld geredet wurde, die Veranstaltungen selbst dann aber möglichst porentief rein zu sein hatten. Bloß keine Provokation, keine politischen Äußerungen während der Spiele. Der Einzige, der dann noch Politik auf die Tagesordnung setzen darf, ist der IOC-Präsident höchstpersönlich. Und diese Agenda ist lediglich die sehr eigene Agenda des Thomas Bach.

Die Party stören

So konnten die Spiele, die Weltmeisterschaften zur Bühne für die jeweiligen Regimes werden, Festspiele für die Machthaber, vom Weihrauch der Funktionäre umnebelt.

Ein Durchbrechen dieser Inszenierung wäre vermutlich das einzige, das etwas dagegensetzen könnte. Nichts ist den Funktionären von Fifa und IOC unangenehmer, nichts wollen sie dringender verhindern als eine Störung der Party. Wir können sehr gern über Menschenrechte reden, aber bitte nur im Vorfeld, vor Ort geht es dann um den Sport. Das ist ihr Mantra, und genau das muss durchbrochen werden.

Den Athletinnen und Athleten dies aufzubürden, ist nicht zu viel, aber es ist viel verlangt. Man darf es sich wünschen, dass die Sportlerinnen und Sportler vor Ort darüber reden, man sollte es von ihnen aber nicht zwingend verlangen.

Eine Chance zur Wiedergutmachung

Mit dem DOSB, dem DFB, den Verbänden, die sich derzeit neu sortieren, verhält es sich jedoch anders. Sie stehen in der Pflicht, von ihnen darf man einfordern, sich geräuschvoll bemerkbar zu machen. Gerade dann, wenn es unangenehm wird. Was soll ihnen schon passieren?

Für die frisch gekürte Spitze des DOSB mit ihrem Präsidenten Thomas Weikert ist Peking eine erste Bewährungsprobe. Vor Ort öffentlich und auch medienöffentlich über den Fall Peng Shuai, über Hongkong und die Uiguren zu sprechen, Pressekonferenzen dafür zu nutzen, so etwas ist ein Stachel im Fleisch des IOC. Das ist die Rolle, die die DOSB-Spitze einzunehmen hat.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick haben kürzlich in einer Medienrunde bereits klargemacht, dass sie die Thematik gern vor der WM in Katar abräumen wollen. Genau das ist die Art und Weise, die den Herrschern im Emirat und den Herrschern in der Fifa so genehm ist. Das wäre das Feigenblatt, das man sich beim Deutschen Fußball-Bund umhängen könnte.

Der im Hinterzimmer beheimatete DFB mag es nicht gewohnt sein, aber auch und gerade für ihn gilt: vor Ort Farbe bekennen, vor Ort das Thema zum Thema machen. Dieses Sportjahr ist nicht das Jahr für stille Diplomatie, ohnehin oft genug nur ein anderes Wort für Leisetreterei.

Nur so lassen sich die Funktionäre bei ihrem eigenen Wort nehmen: Dass eine Großveranstaltung etwas verändern kann. Veränderung passiert nur vor Ort.

Der Sport hat 2022 tatsächlich eine Chance. Er muss dafür aber den Mund aufmachen. Und zwar dort, wo es den Machthabern weh tut.

Es ist eine Chance zur Wiedergutmachung. Der Sport hat sich die Suppe selbst eingebrockt. Jetzt soll er sie wenigstens auslöffeln.