Verpasste Dopingtests in der Leichtathletik "99,9 Prozent der Athleten bekommen das hin"

Sprint-Weltmeister Christian Coleman stellt nach seiner Suspendierung das ganze Doping-Kontrollsystem infrage. Der Deutsche Julian Reus hat dafür kein Verständnis - und erhebt Vorwürfe gegen den US-Athleten.
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Es ist nur eine halbe, vielleicht Dreiviertelstunde, sagt Julian Reus. So viel oder besser wenig Zeit benötigt Deutschlands Rekordsprinter über die hundert Meter pro Woche, um seine Aufenthaltsinformationen für Dopingtests online einzutragen. So lang oder kurz braucht es, um seine Sauberkeit unter Beweis zu stellen. Nicht lange. "Ich glaube 99,9 Prozent der Athleten bekommen das hin, diese Whereabouts vernünftig auszufüllen", sagt Reus dem SPIEGEL. "Das ist keine Raketenwissenschaft, die man dafür studiert haben muss."

Zuletzt hatte es dennoch international Diskussionen über diese Antidopingbestimmungen gegeben. Vor allem um die Wichtigkeit der Angaben. Die unabhängige Integritätskommission der Leichtathletik (AIU) hat mit dem US-Sprinter Christian Coleman und der bahrainischen 400-Meter-Läuferin Salwa Eid Naser zwei prominente Gesichter des Sports gesperrt, weil beide drei beziehungsweise vier Tests binnen zwölf Monaten verpassten. Das zählt im internationalen Sport nicht als Dopingbeweis - wohl aber als sanktionsfähige Verletzung der Antidopingbestimmungen.

Christian Coleman, Sprintweltmeister 2019 in Doha

Christian Coleman, Sprintweltmeister 2019 in Doha

Foto: Mike Egerton/DPA

Sollten sich die Suspendierungen bestätigen und beide gesperrt werden, könnte Tokio 2021 ohne zwei aktuelle Weltmeister stattfinden. Viel größer als der Verlust an sportlicher Klasse aber könnte einmal mehr der Schaden am Sport und seiner Integrität sein, den beide dabei sind anzurichten.

Denn beide entschuldigten sich nicht für ihre Verhalten. Naser reagierte trotzig und relativierte. Drei Tests zu verpassen, sei "normal", sagte sie. Coleman beließ es nicht bei einer Rechtfertigung. Er ging direkt in den Angriff über.

"War Absicht, damit ich einen Test verpasse"

Drei Seiten umfasste sein Twitter-Statement. Er sei am Tag des dritten Tests, den er am 9. Dezember verpasste, nur kurz Weihnachtsgeschenke kaufen gewesen, fünf Minuten entfernt von daheim. Er sei "mehr als bereit und verfügbar" gewesen. Er hätte jederzeit vom Kontrolleur angerufen werden können - ja müssen, schreibt er. Schließlich sei es sonst auch so gewesen. So stellt er es dar. Dass das nicht passiert sei, zeige für ihn: "Das war Absicht, damit ich einen Test verpasse." Wer weiß, der Kontrolleur sei womöglich überhaupt nicht bei ihm zu Hause gewesen.

Schwere Vorwürfe, die die Integrität der Tester und damit das ganze System infrage stellen. Auf Nachfrage des SPIEGEL will die AIU dennoch nicht auf den Einzelfall eingehen. Nur allgemein sprechen. Tatsächlich seien Anrufe aber überhaupt nicht üblich, heißt es von der Kommission. Aus gutem Grund: "Jede Ankündigung eines Tests gibt einem Sportler die Möglichkeit zur Verfälschung oder Umgehung oder anderem nicht zulässigen Verhalten, was die Wirkungskraft des Tests einschränkt."

Die Änderung von Aufenthaltsinformationen sei, anders als von Coleman dargestellt, aber "jederzeit" über eine App oder sogar SMS änderbar. "Die einzige Vorgabe ist, dass das so schnell wie möglich passiert, wenn sich die Umstände ändern."

Also nur Ablenkung von den eigenen Fehlern? Angriff als beste Verteidigung?

Naser und Coleman sind nie tatsächlich des Dopings überführt worden. Beide bestreiten die Einnahme leistungssteigernder Substanzen wiederholt und vehement. Das muss als Fakt festgehalten werden, auch wenn die verpassten Tests Fragen aufwerfen - womöglich bei Skeptikern sogar Zweifel. Allein in Colemans Golddisziplin, den legendären hundert Metern, sind neun der zehn Schnellsten in der Geschichte des Dopings überführt worden. Verpasste Tests tragen da nicht eben zur Glaubwürdigkeit bei.

Salwa Eid Naser, bei ihrem WM-Goldgewinn in Doha 2019

Salwa Eid Naser, bei ihrem WM-Goldgewinn in Doha 2019

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Oliver Weiken/DPA

Ganz sicher stellt sich jedenfalls die Frage, wie ernst es zwei Weltmeister nehmen mit den Antidopingbestimmungen - und damit letztlich auch mit dem Wert der Sauberkeit im Sport, für den diese eingesetzt wurden.

Reus spricht von fehlendem Bewusstsein

Nimmt man die Weltbesten als Vorbilder, könnte das ein schlechtes Signal sein für andere Sportler. AIU und Weltantidopingagentur (Wada) reagieren dennoch zurückhaltend mit einer Beurteilung. "Es ist nicht an uns, das zu kommentieren", schreibt die AIU dem SPIEGEL. Und von der Wada heißt es: "Wir sind uns sicher, dass das System solide, nützlich und nutzerfreundlich ist. Es hat die Unterstützung der großen Mehrheit der Sportler, die daran beteiligt sind (…) Die Regeln erlauben Fehler bei den Whereabouts, weil Sportler menschlich sind. Dafür gibt es die Regel der drei Strikes in zwölf Monaten."

Das sieht auch Julian Reus so: "Natürlich kann man das mal vergessen. Aber spätestens, wenn ich schon zwei 'missed tests' habe oder kurz davor war, eine WM deswegen zu verpassen, da muss man doch bewusst mit dem Thema umgehen", sagt er. "Also ist die Frage: Entweder nimmt man es nicht ernst, oder man ist nicht in der Lage. Wobei ich davon ausgehe, dass heute jeder in der Lage ist, seine Zeiten dort einzutragen. Das ist dann eher das fehlende Bewusstsein." Denn: "Mit Notfällen kommt man nicht auf drei 'missed tests' in zwölf Monaten."

So lästig der "Papierkram" (Zitat Coleman) mit der Meldepflicht auch ist und so unangenehm die permanente Verfügbarkeit zu Blut- und Urintests im persönlichen Umfeld: Bis jetzt hat sich keine bessere Lösung gefunden, sauberen Sport so gut es eben geht zu gewährleisten. Regelmäßige, vor allem auch unangekündigte Tests sind notwendig, weil verbotene Substanzen bisweilen nur über Stunden nachweisbar sind, sagt Julian Reus. "Anders hat man ja keine Chance, das Dopingproblem zu bekämpfen."

Coleman und Naser steht nun noch ein Verfahren bevor. Die Sperre für die Verletzung der Antidopingbestimmungen liegt in der Regel bei zwei Jahren. Es kann auch mehr oder weniger sein, je nach Schwere der Verfehlung. Beide Sportler kündigten bereits an, sich damit nicht abzufinden. Coleman erklärte, zwei Jahre seien der "overkill", zu viel des Schlechten, wenn man so will. Er erwarte "irgendeine Art von Deal", um doch bei den Olympischen Spielen zu starten.

Erneut, ein komisches Verständnis vom Sinn der Bestimmungen, sagt Julian Reus - und dazugehöriger Sanktionen, ohne die es wirkungslos wäre. Eine Sonderregelung für die Weltmeister dürfe es nun nicht geben. "Die wichtigste Botschaft ist die, die der Weltverband trifft, wie er damit umgeht. Es ist ein Dopingvergehen, und die Sportler müssen entsprechend gesperrt werden."