Salwa Eid Naser Die schnellste legale Zeit? - "Sagt ihr's mir"

Salwa Eid Naser hat für verpasste Dopingtests bislang keine Erklärung geliefert. Auch die zuständige Kommission muss sich nun unangenehme Fragen gefallen lassen. Hätte die Läuferin bei der WM überhaupt starten dürfen?
Dunkle Schatten? Salwa Eid Naser hat für ihre verpassten Dopingtests bislang keine Erklärung geliefert

Dunkle Schatten? Salwa Eid Naser hat für ihre verpassten Dopingtests bislang keine Erklärung geliefert

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JEWEL SAMAD/ AFP

Auf Bahn Nummer fünf war es passiert. Salwa Eid Naser stürzte im Khalifa-International-Stadion über die Ziellinie. Sie hockte sich auf die Bahn, stützte sich, schlug die Hand vors Gesicht. Ungläubig ging ihr Blick auf die Anzeigetafel. 48,14 Sekunden über die 400 Meter. Persönliche Bestleistung und die drittschnellste Zeit einer Frau in der Historie. WM-Gold, natürlich, an diesem 3. Oktober 2019 in Doha. Naser war außer sich und mit ihr die ganze Laufwelt.

Doch acht Monate später gibt es Zweifel an der schnellsten Stadionrunde seit 34 Jahren. Kam der Erfolg rechtmäßig zustande? Und hätte Naser überhaupt starten dürfen?

Vergangene Woche ist Salwa Eid Naser von der Integritätskommission der Leichtathleten AIU vorläufig suspendiert worden. Der Grund: Verletzung der Antidopingbestimmungen. Naser soll vier Tests verpasst haben - drei davon bereits vor der Weltmeisterschaft. Ihr droht eine Zwei-Jahres-Sperre.

Integritätskommission lässt Fragen unbeantwortet

Doch der Vorgang wirft Fragen auf. Normalerweise reichen drei verpasste Tests in zwölf Monaten für eine vorläufige Suspendierung. Seitdem sind mehr als acht Monate vergangen. Wieso erfolgte die Suspendierung also nicht schon vor der WM? Eine Anfrage an die AIU bringt kaum Aufklärung.

Auf SPIEGEL-Anfrage heißt es, anders als bei positiven Proben sei es bei verpassten Tests nicht zwangsläufig, dass Sportler sofort suspendiert würden. "Im Fall von Salwa Eid Naser war die AIU vor der Zeit der WM in Doha nicht in der Position, den Vorwurf der Verletzung von Antidopingregeln zu erheben. Die Ermittlungen dauerten bis ins frühe Jahr 2020." In der Zwischenzeit sei es zu dem weiteren Testversäumnis gekommen und man hätte beide Ermittlungen zusammengelegt. Warum das so lange dauerte, teilt die AIU nicht mit.

Die AIU bestätigt, dass Naser der Weltmeistertitel bei einer Sperre nachträglich aberkannt werden könnte. Die Länge der Sperre hänge "vom Grad der Verfehlung eines Athleten" ab. Auf weitere Fragen geht die AIU mit Verweis auf den laufenden Fall nicht ein. Auch bis wann Naser die Vorwürfe entkräften kann und wann über eine mögliche Sperre entschieden würde, bleibt unbeantwortet.

Naser zeigte sich in einem Instagram-Video wenig einsichtig. "Ich habe lediglich drei Tests verpasst. Das ist normal. Das kann jedem passieren", behauptete sie.

Sollte es nicht. Denn Sportler müssen ihre sogenannten Whereabouts angeben, mit Vorlauf, um auch unangekündigt getestet werden zu können. Eine Verletzung dieser Bestimmung heißt entweder, dass der Sportler seinen Aufenthaltsort nicht angegeben hat - oder am selbigen von Kontrolleuren nicht angetroffen wurde. Was im Fall Nasers zutrifft, ist bis jetzt nicht öffentlich.

Mehrere Läuferinnen Bahrains sind schon gesperrt

Ihr Management begründete lediglich einen der verpassten Tests: Im Frühjahr 2020 hätte sie im Urlaub einen Flug verpasst, hieß es. Zu den anderen gab es keine Erklärung - das Management und Naser selbst sprachen sogar nur von drei verpassten Tests anstelle der von der AIU kommunizierten vier.

Auch andere Klienten ihres Managers Juan Pineda sind in der Vergangenheit mit den Antidopingbestimmungen in Konflikt geraten. Der ehemalige Halbmarathon-Weltrekordhalter Abraham Kiptum aus Kenia etwa erhielt 2019 wegen Unregelmäßigkeiten im Blutpass eine Vierjahressperre.

Auch für Bahrains Läuferinnen setzt sich eine kleine Serie fort. Erst im März wurde Hindernis-Olympiasiegerin Ruth Jebet wegen EPO-Dopings gesperrt. Auch Marathonläuferin Eunice Kirwa wurde 2019 positiv auf EPO getestet. Und Hürdenläuferin Kemi Adekoya wurde ebenfalls 2019 mit dem Steroid Stanozol erwischt. Alle erhielten Vierjahressperren.

Naser selbst sorgt sich nun vor allem um ihr Image: "Es ist sehr hart, diesen kleinen Fleck auf meinem Namen zu haben", sagte sie.

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Salwa Eid Naser wurde als Ebelechukwu Agbapuonwu in Nigeria geboren. Seit 2014 startet sie unter ihrem jetzigen Namen für das Land ihres Vaters. Ihre Mutter war ebenfalls Läuferin.

International war Naser schon vor Doha sportlich aufgefallen. Beim Silbergewinn bei den Olympischen Jugendspielen 2014 etwa oder 2015 mit Gold bei der Jugend-WM. Inzwischen hat sie WM-Silber und -Gold geholt und auch die Diamond League 2018 und 2019 gewonnen.

Naser will den Weltrekord angreifen

Seit ihren ersten Erfolgen sind fünf Jahre vergangen. Aus der Jugendlichen ist eine junge Frau geworden. Beim WM-Gold in Doha startete sie mit Rastazöpfen, Piercings und Tattoos am ganzen Körper. Auch in den sozialen Medien zeigt sie neben Läufen und Langhanteln vor allem ausgefallene Frisuren und Outfits. Bisweilen frech, immer selbstbewusst - so passt auch ihre Reaktion auf die Suspendierung zwischen jugendlichem Trotz und Naivität ins Bild.

Naser ist immer noch erst 22. Mit 21 Jahren und 133 Tagen war sie die jüngste Weltmeisterin über die Stadionrunde. Auf die Frage, ob nun der Weltrekord das Ziel sei, sagte sie: "Alles ist möglich." Allein im vergangenen Jahr steigerte sie ihre Bestleistung um fast eine Sekunde.

Die beiden schnelleren Zeiten der Historie stammten noch aus den Achtzigerjahren, der Ära systematischen Dopings in den Ostblockstaaten. Auch wenn Marita Koch und Jarmila Kratochvílová nie überführt wurden, werden ihre Fabelzeiten bis heute angezweifelt. Auf die Frage, ob sie nun Inhaberin der schnellsten "legalen" Zeit sei, sagte Naser in Doha: "Sagt ihr’s mir."

Inzwischen ist zumindest klar: Auch Naser stand bei ihrem Erfolg unter Beobachtung. Jetzt könnte sie ihren Titel sogar verlieren - und die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Im November hatte sie im "Olympic Channel"  noch angekündigt, ihren neun Tattoos ein zehntes hinzufügen zu wollen: "Tokio 2020 - die Olympischen Ringe. Das will ich", sagte sie. Sollte Naser die Vorwürfe der Integritätskommission nicht entkräften, könnte dieses Vorhaben zu früh gekommen sein.