Offener Brief im Deutschen Olympischen Sportbund »Kultur der Angst« – schwere Vorwürfe gegen Präsident Hörmann

DOSB-Beschäftigte erheben offenbar schwere Vorwürfe gegen die Verbandsspitze. Unter Präsident Alfons Hörmann wären gerade Mitarbeiterinnen »mental und psychisch über die Grenze des Belastbaren« gebracht worden.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann

DOSB-Präsident Alfons Hörmann

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Mitarbeitende des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) fordern offenbar in einem offenen Brief einen Kulturwechsel im Verband. In dem anonymen Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, geht es um mehrere interne Vorgänge, die Präsident Alfons Hörmann zur Last gelegt werden.

»Unter der Führung des derzeitigen Präsidenten hat sich unter den Mitarbeiter*innen eine ›Kultur der Angst‹ im DOSB etabliert«, heißt es in dem Brief. »Abweichende Meinungen werden (bestenfalls) abgebügelt und (schlimmstenfalls) bloßgestellt. Und so haben auch wir Angst. Angst davor, bei der Nennung unserer Namen mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen, vielleicht sogar unsere Arbeitsstelle zu verlieren.«

In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich mehr als ein Drittel der Mitarbeitenden des DOSB zusammengefunden. In den Gesprächen seien Dutzende Beispiele von Verhaltensweisen zur Sprache gekommen, »die vor allen Dingen jegliche Form des Respekts und Anstands vermissen lassen«.

DOSB: »Werden die Hintergründe prüfen«

Der DOSB bestätigte auf SPIEGEL-Anfrage zunächst den Eingang einer anonymen Mail, äußerte sich aber noch nicht inhaltlich zu den Vorwürfen. Die Mail sei von einem »Fake-Mail-Account versandt« worden. »Von den im Adressatenkreis angesprochenen Mitgliedern des Präsidiums und des Vorstands haben nur einige dieses anonyme Schreiben erhalten. Wir werden die Hintergründe prüfen«, teilte ein Sprecher des Verbands mit.

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), forderte gegenüber dem SPIEGEL eine zügige Aufklärung der Vorwürfe. »Die Authentizität des heute bekannt gewordenen Schreibens vorausgesetzt, taumelt nach dem DFB mit dem DOSB als Dachorganisation des deutschen Sports nun ein weiterer Verband möglicherweise in eine veritable Führungskrise«, sagte Freitag. »Nach den seit heute öffentlich im Raum stehenden Vorwürfen kann der deutsche Sport aus meiner Sicht auch mit Blick auf die bevorstehenden Spiele in Tokio nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss an einer zügigen Klärung des Sachverhalts selbst ein hohes Interesse haben.«

»Mental und psychisch über die Grenze«

Der Brief benennt im Detail mehrere Vorgänge. So wären gerade Mitarbeiterinnen »mental und psychisch über die Grenze des Belastbaren« gebracht worden. Engste Mitarbeitende hätten »kurz vor Mitternacht unter Tränen das Büro verlassen«. Auch der Vorwurf, dass in Richtung von Mitarbeitenden »Stifte oder sonstige Gegenstände geworfen« wurden, wird erhoben. Weiter heißt es in dem Brief: »Aufgrund solcher Verhaltensweisen haben Mitarbeiter*innen gekündigt; andere befinden sich in psychotherapeutischer Behandlung.«

Weitere Vorwürfe betreffen eine Missachtung von geltenden Regeln innerhalb des DOSB zur Eindämmung des Coronavirus. Demnach gelte in der DOSB-Zentrale und bei Besprechungen mit mehreren Personen eine Maskenpflicht. »Bedauerlicherweise gibt es jedoch Mitglieder in den DOSB-Führungsgremien, die diese Regeln dauerhaft und konsequent missachten. So ist uns Mitarbeiter*innen kein Meeting im ›Haus des Sports‹ bekannt, in dem Alfons Hörmann eine Maske getragen hätte.«

Deutschlandweit kämpfe gerade die Sportbasis nach einem Jahr existenzbedrohender Beschränkungen täglich ums Überleben. »Gleichzeitig werden genau diejenigen Regeln, die uns allen den Weg aus der Pandemie ermöglichen sollen, missachtet«, heißt es.

Es seien »nur wenige Beispiele aus einer langen Liste an Verhaltensweisen, welche die unüberbrückbare Distanz zwischen Teilen der DOSB-Entscheidungsgremien und uns Mitarbeiter*innen verdeutlichen.«

Alfons Hörmann ist seit Dezember 2013 Präsident des DOSB. Er wurde 2018 im Amt bestätigt.

ara/jw/win