Schwere Vorwürfe gegen DOSB-Chef Hörmann Das Imperium schlägt zurück

Eine »Kultur der Angst« beklagten DOSB-Mitarbeitende in einem offenen Brief. Konsequenzen für ihren Präsidenten Alfons Hörmann gibt es bislang aber kaum. Dafür springt ihm ein Verbündeter zur Seite – mit übler Rhetorik.
DOSB-Präsident Alfons Hörmann

DOSB-Präsident Alfons Hörmann

Foto: Fabian Strauch / dpa

Drei Tage nach einem Aufsehen erregenden offenen Brief eines Teils der DOSB-Belegschaft, in dem ein Klima der Angst in der Zentrale des deutschen Sports beschrieben wird, hat ein olympischer Verbandspräsident die Verfasserinnen und Verfasser des Briefs in unvergleichlicher Weise diskreditiert.

Als »Denunzianten« und »feige Heckenschützen« mit »niederen Motiven« bezeichnete Matthias Große die Initiatoren des verzweifelten Aufrufs.

Große ist der umstrittene Präsident der mit Steuermitteln geförderten Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG). Er zählt seit Langem zu den Verbündeten des in vielerlei Hinsicht schwer in die Kritik geratenen DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann (CSU). Großes Lebensgefährtin, die Bundespolizistin und fünfmalige Olympiasiegerin Claudia Pechstein, kandidiert für die CDU im Wahlbezirk Treptow-Köpenick bei den anstehenden Wahlen zum Deutschen Bundestag.

»Opfer eines Hinterhalts«

»Ich hasse Denunzianten. Mir sind Menschen, die aus niederen, persönlichen Motiven andere anzeigen, öffentlich brandmarken und vorverurteilen, zutiefst zuwider«, erklärte Große in einer am Sonntag veröffentlichten Mitteilung. Hörmann sei »Opfer eines Hinterhalts« geworden. »Eine solch geradlinige, erfolgreiche Führungspersönlichkeit anonym zu diskreditieren, ist charakterlos und sagt am Ende viel mehr über den aus, der den Stein ins Rollen gebracht hat, als über den, der die Lawine nun stoppen muss.« Große schreibt von Menschen, »die angesehene Persönlichkeiten öffentlich attackieren, um deren Ansehen aus niederen Instinkten in den Schmutz zu ziehen«.

Matthias Große – ausgebildet an einer militärpolitischen Hochschule in Minsk, damals Sowjetunion – kennt offenbar die gültigen Ethikregularien des DOSB und das im Dezember 2020 verabschiedete Papier zum »Schutz von Hinweisgebern« nicht. Darin heißt es: »Ein wichtiger Baustein zur Entdeckung von Fehlverhalten sind Personen, die sich trauen, Missstände aufzuzeigen. Dafür ist eine offene und vertrauensvolle Kultur eine wichtige Grundlage.«

Anonymität wird garantiert und ist ein zentraler Bestandteil jedweder Richtlinien. Dennoch haben nach SPIEGEL-Informationen Betroffene kein Vertrauen in die direkt am DOSB angedockte und institutionell keinesfalls unabhängige Ethikkommission, die vom langjährigen Bundesminister Thomas de Maizière (CDU) geleitet wird. Der ehemalige Sportminister de Maizière war Hörmann stets sehr verbunden.

Auch die Ombudsstelle des DOSB, für die seit 2018 die Frankfurter Kanzlei Rettenmaier zuständig ist, genießt offenbar kaum Vertrauen unter Betroffenen. Insofern erscheint der gewählte Weg eines anonymen offenen Briefs logisch. Die meisten der darin erwähnten Sachverhalte sind in der sportpolitischen Szene seit Längerem bekannt. Inzwischen ist klar, dass es sich bei dem am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Brief um einen authentischen, von Mitarbeitenden des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) verfassten Hilferuf handelt.

»Wir appellieren an die Betroffenen, sich an eine neutrale Beschwerdestelle zu richten«

Gegenüber der »FAZ« erklärte Christoph Niessen, Vorstandsvorsitzender des Landessportbundes NRW: »Schon vor Wochen haben Mitarbeitende des DOSB uns gegenüber über Vorgänge berichtet, die sich vollständig und teilweise wortgleich mit dem decken, was im Rahmen eines anonym veröffentlichen offenen Briefs an Vorwürfen gegenüber Herrn Hörmann geäußert worden ist. Darüber hinaus wurden uns die Vorgänge auch nach Erscheinen des Briefs von Mitarbeitenden des DOSB bestätigt. Wir appellieren an die betroffenen Mitarbeitenden, sich an eine neutrale Beschwerdestelle zu richten.«

Stefan Klett, Präsident des Landessportbundes NRW, hatte noch am Donnerstag in der ARD den Rücktritt Hörmanns gefordert. Rolf Müller, Präsident des hessischen LSB, stellte infrage, »ob die Persönlichkeitsstruktur« der DOSB-Führung »geeignet ist, Menschen respektvoll zu führen«.

Nach SPIEGEL-Informationen wurden auf der Sitzung des DOSB-Präsidiums mit den 16 Landessportbünden am Samstag keine weiteren Rücktrittsforderungen geäußert. Hauptthema war die Coronalage. Der offene Brief mit den Mobbingvorwürfen wurde erst am Ende der Sitzung behandelt. Hörmann selbst referierte dazu einige Minuten. Die Nachfragen hielten sich in Grenzen. Anschließend veröffentlichte das DOSB-Präsidium eine weitere Erklärung, in der es heißt, das anonyme Schreiben »stamme vermutlich von Mitarbeiter*innen«.

»Das ist nicht nur uns Mitarbeiter*innen, sondern der gesamten Sportbasis gegenüber respektlos«

Zwei Tage zuvor hatte die DOSB-Führung noch über einen »Fake-Mail-Account« schwadroniert und die Verfasserinnen und Verfasser des Briefs damit ebenfalls diskreditieren wollen. Präsidium und Vorstand des DOSB riefen am Samstag die angeblich unabhängige Ethikkommission an. Dabei hätte die Kommission gemäß Verfahrensordnung bereits unmittelbar nach Veröffentlichung des offenen Briefs ein Vorverfahren gegen Hörmann und Führungskräfte aus dem Vorstand eröffnen müssen.

Ein Thema des offenen Briefs war der Umgang mit den Coronaregeln. »Bedauerlicherweise gibt es Mitglieder in den DOSB-Führungsgremien, die diese Regeln dauerhaft und konsequent missachten«, heißt es. »Deutschlandweit kämpft gerade die Sportbasis nach einem Jahr existenzbedrohender Beschränkungen täglich ums Überleben. Gleichzeitig werden genau diejenigen Regeln, die uns allen den Weg aus der Pandemie ermöglichen sollen, missachtet. Das ist nicht nur uns Mitarbeiter*innen, sondern vor allem der gesamten Sportbasis gegenüber respektlos.«

Von der Präsidiumssitzung am Samstag wurde ein Screenshot öffentlich. Keine der elf DOSB-Führungskräfte auf diesem Foto trug vorschriftsmäßig eine Maske.

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