Angeklagter Sportfunktionär Diack Der Mann, der immer die Hand aufhielt

Der frühere Boss des Leichtathletik-Weltverbands muss sich wegen Korruption in Paris vor Gericht verantworten. Der 86-jährige Lamine Diack steht für vieles, was im Weltsport falsch läuft.
Der Leichtathletik-Pate steht vor Gericht

Der Leichtathletik-Pate steht vor Gericht

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Kin Cheung/ AP

Es ist 61 Jahre her, da hatte es Lamine Diack in Frankreich schon mal zu Meisterwürden gebracht. 1958 wurde der damals 25-Jährige aus dem Senegal französischer Titelträger im Weitsprung mit einer Siegesweite von 7,63 Meter. Der Senegal zählte damals noch zu Französisch-Westafrika, unendlich lange her, es war die Kolonialzeit, als die Franzosen sich in Afrika noch wie die Gutsherren benehmen konnten. Es gehört zu den Anekdoten dieses Mannes, dass ihm viele Jahrzehnte später genau das vorgeworfen wurde: einen Sportverband nach Gutsherrenart geleitet zu haben.

Mittlerweile geht es in Paris um eine andere Meisterschaft Diacks. Der langjährige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, einer der Sportfunktionäre, für die das verharmlosende Wort "schillernd" benutzt wird, mittlerweile 86 Jahre alt, war ein Großmeister der Trickserei. Ab heute sollte er eigentlich in Paris vor Gericht stehen. Es geht um Geldwäsche, um bandenmäßige Kriminalität, es geht um Korruption. Und wie mühsam es wird, das alles auseinander zu klamüsern, zeigte schon der erste Prozesstag. Die Verhandlung wurde schon kurz nach Beginn abgebrochen und soll erst dann fortgesetzt werden, wenn neue Erkenntnisse aus dem Senegal ausgewertet werden. Das kann Monate dauern.

Im Palais de Justice wird nicht nur einem einzelnen Sportfunktionär der Prozess gemacht, sondern einem ganzen System. Einem System der Korruption, der Vetternwirtschaft, einem System des Gebens und Nehmens. Mit anderen Worten: Dem System, nach dem der Weltsport über viele Jahre prächtig funktionierte. Diack steht für vieles, vielleicht für alles, was im Sport in den vergangenen Jahrzehnten falsch gelaufen ist.

Als Diack 1999 an die Spitze des Weltverbandes IAAF trat, fand er, man könnte sagen, ein bestelltes Feld vor. Schon sein Vorgänger Primo Nebiolo war ein Pate gewesen, der den Verband wie ein Autokrat führte, keinen Widerspruch duldete und die Skandale anzog wie das Licht die Motten. Diack war acht Jahre lang Nebiolos Vize gewesen, er hat sich manches abgeguckt bei dem machtbewussten Italiener. Aber gegen das, was Diack nach seiner Amtseinführung durchzog, waren selbst die Methoden Nebiolos harmlos gewesen.

Bei Olympia-Vergaben Millionen kassiert

Korruptionsskandale im Sport, ohne dass dabei auch der Name Diack fiel, gab es fürderhin kaum noch. Bei den Vergaben der Olympischen Sommerspiele an Rio de Janeiro (2016) und Tokio (2020) soll er Bestechungsgelder eingestrichen haben, das haben die Fahnder in Paris in jahrelanger Akribie ermittelt. So soll er mindestens 1,5 Millionen Dollar aus Brasilien über Mittelsmänner überwiesen bekommen haben, aus Japan flossen demnach 3,5 Millionen Euro auf das Konto Diacks. Auch die Vergabe der Leichtathletik-WM 2019 nach Katar soll unter tätiger und nicht ganz selbstloser Mithilfe Diacks erfolgt sein.

Die Deals wurden regelmäßig über Diacks Sohn Papa Massata abgewickelt, Diack junior ist ebenfalls in Paris angeklagt, er hält sich jedoch im Senegal auf und wird von dem afrikanischen Land nicht an Frankreich ausgeliefert. Von dort aus beschimpft der Junior die Pariser Ermittler, der Prozess gegen seinen Vater sei nichts als eine "Hexenjagd". Der langjährige Chef des Judo-Weltverbandes Marius Vizer, selbst kein Kind von Traurigkeit, wird über seinen Kollegen Diack zitiert: "Ich opfere meine Familie für den Sport. Diack ist eine Person, die den Sport für seine Familie opfert."

In den 16 Jahren unter Diack wurde die Welt-Leichtathletik von zahlreichen Dopingfällen erschüttert. Was tat der Präsident? Er ließ sich, so die Anklage, von überführten Athleten dafür bezahlen, dass er die Vorwürfe unter den Tisch fallen ließ. Unter Diack wurde Doping systematisch vertuscht, er konnte sich dabei seiner Helfershelfer wie der russischen Funktionäre Walentin Balachnitschew und Alexej Melnikow sicher sein. Beide gehören zu den Mitangeklagten von Paris. Balachnitschew gilt als einer der Väter des russischen Dopingsystems. Diack wusste davon, und er schwieg - und er kassierte.

Lamine Diack und sein Nachfolger, der jetzige IAAF-Boss Sebastian Coe

Lamine Diack und sein Nachfolger, der jetzige IAAF-Boss Sebastian Coe

Foto: AP/dpa

Logisch, dass auch diese Geschäfte wieder über die Konten von Papa Massata Diack gelaufen sein sollen. Der Vater herrschte und repräsentierte, der Sohn erledigte das Grobe. Und ging danach nach Herzenslust shoppen: Papa Massata soll alleine in einem Pariser Geschäft für Luxusarmbanduhren mehr als 1,5 Millionen Euro gelassen haben. Ob er die Uhren dazu nutzte, andere Funktionäre zu bestechen, ist noch offen. Die Ermittler gehen allerdings davon aus. Die Leidenschaft für Armbanduhren, sie ist eine der Konstanten unter den Sportfunktionären dieser Welt.

Diack sieht sich als Opfer einer Verschwörung

Das Hinterzimmer war immer schon Diacks eigentliche Komfortzone gewesen. Schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren häufte er Amt auf Amt in den Grauzonen von Politik und Sport, er war Technischer Direktor des senegalesischen Fußballverbandes, Staatssekretär für Jugend und Sport, Präsident der afrikanischen Leichtathletik, Mitglied des NOK des Senegal, "General Commissioner" für Sport in seiner Heimat, zwischendurch war er für die Wasserversorgung seines Landes verantwortlich, zwei Jahre lang übte er auch mal das Amt des Bürgermeisters der Hauptstadt Dakar aus. Diack konnte man schon früh nicht entgehen.

Staatspräsident des Senegal könnte er sich auf seine alten Tage noch vorstellen, das hat Diack vor seiner letzten Wiederwahl als Leichtathletikboss 2011 in Interviews noch angedeutet. Daraus wurde dann doch nichts, stattdessen sitzt er seit 2015 unter Hausarrest in Paris fest. Als einer dieser Funktionärsgreise im Weltsport, die alle Vorwürfe zurückweisen und nicht mehr verstehen, warum sich die Dinge gegen sie verkehrt haben. Es hat doch so viele Jahre alles so wunderbar geklappt, niemand hat aufbegehrt, die Verantwortlichen haben verdient, alles lief wie geschmiert. Dass er vor Gericht gelandet ist, hat er als "Ergebnis einer Verschwörung" bezeichnet.

Damit kennt sich Lamine Diack schließlich aus.

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