Rücktritt von Gewichtheber-Präsident Aján Ende einer dunklen Ära

Tamás Aján soll Doping vertuscht und Millionen Dollar veruntreut haben. Nun ist der Präsident der Gewichtheber zurückgetreten. Er hinterlässt einen Sport in Scherben.
Gewichtheben - seit 1896 olympisch

Gewichtheben - seit 1896 olympisch

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Getty Images/ EyeEm

Es war das Ende einer Ära. Fast 50 Jahre hatte Tamás Aján im IWF, dem Weltverband der Gewichtheber, verschiedene Führungspositionen inne. 20 davon war er Präsident, bis zuletzt. Eine lange Zeit im Leben eines Menschen - und eines Sportverbands. Am Mittwoch trat der 81-jährige Ungar mit entsprechend viel Pathos in der Stimme zurück. "Ich habe das Bestmögliche in meinem Leben für unseren geliebten Sport gegeben", sagte er.

Aján mag das vielleicht geglaubt haben. Tatsächlich lässt er seinen Sport schwer beschädigt zurück.

Tamás Aján hat in seiner Amtszeit einige Skandale in seinem Sport überstanden. Doch zuletzt war der Funktionär selbst in den Fokus gerückt. In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping - Der Herr der Heber"  Anfang Januar wurden ihm schwere Fälle von Korruption und Untreue zur Last gelegt. Auch im Zusammenhang mit Doping.

"Sein Rücktritt war überfällig", sagte Christian Baumgartner dem SPIEGEL. Der Präsident der deutschen Gewichtheber war bis 2017 selbst Mitglied des Exekutivkomitees im Weltverband. Kritiker Ajáns war er schon lange vor den jüngsten Ermittlungen. Doch nach den Vorwürfen im Januar hätte das weitere Verhalten Ajáns die anderen Mitglieder so richtig "auf die Palme gebracht", sagt Baumgartner.

"Autokratisch, feudalherrschaftlich"

So hätte Aján für den Verband weiter Geldgeschäfte getätigt und im März an den Beratungen zur Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio teilgenommen. Das stand ihm eigentlich nicht zu - wollte er doch für 90 Tage sein Amt ruhen lassen. "Es hat dem Fass den Boden ausgeschlagen, dass er die IWF gegenüber dem IOC weiter vertreten hat, als die Sommerverbände über Tokio beraten haben", sagt Baumgartner. "Nach unserer Vereinbarung war das überhaupt nicht möglich."

Tamás Aján war 20 Jahre lang Präsident des Weltverbandes der Gewichtheber

Tamás Aján war 20 Jahre lang Präsident des Weltverbandes der Gewichtheber

Foto: GOH CHAI HIN/ AFP

Warum das Internationale Olympische Komitee (IOC) Aján nicht zurückwies, ist unklar. Eigentlich hätte Interimspräsidentin Ursula Papandrea, die dem US-amerikanischen Verband vorsteht, die Gewichtheber vertreten müssen.  "Ich weiß nicht, ob es Aufgabe des IOC war, das (Ajáns Teilnahme) abzulehnen. Aber jedes Mitglied des IWF-Exekutivkomitees muss sich davon betroffen und beleidigt gefühlt haben. Wir hatten eine schriftliche Vereinbarung", sagt Baumgartner. "Es war aber offenbar sein Verständnis davon, dieses Amt auszufüllen: autokratisch, feudalherrschaftlich. Das muss mit vielen Dingen so gewesen sein."

Die Vorwürfe reichen von der Unterhaltung schwarzer Kassen und Veruntreuung bis zu lukrativer Dopingvertuschung: eine Kultur der Korruption. Aján droht demnach Strafverfolgung. So soll der Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar aus Zahlungen des IOC an den Weltverband ungeklärt sein. Bestimmte Länder und Athleten sollen kaum Dopingtests unterzogen und bei anderen positive Testergebnisse gegen Geldzahlung nicht veröffentlicht worden sein. Auch manipulierte Proben sollen laut den ARD-Berichten  gegen Geldzahlung angenommen worden sein.

Rücktritt vor dem Rauswurf

Aján bestritt die Vorwürfe, stimmte aber zu, sein Amt ruhen zu lassen. Es sollten leere Versprechen bleiben.

Erst am vergangenen Freitag warf Papandrea Aján vor, unerlaubt Amtsgeschäfte geführt und sie massiv bedroht zu haben. Aján habe ihr sogar mit Verhaftung gedroht. Papandrea beantragte daraufhin den endgültigen Ausschluss Ajáns. Aján kam mit seinem Rücktritt einem Rauswurf zuvor.

Die Vorgänge im Verband sind damit aber nicht abgeschlossen. IWF und Welt-Antidoping-Agentur haben Ermittlungen eingeleitet. Vonseiten der Gewichtheber soll Richard McLaren die Untersuchung leiten. McLaren war 2016 bereits mit dem russischen Staatsdoping beschäftigt.

Travis Tygart, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, begrüßt die Untersuchung grundsätzlich, sagt aber auch: "Es ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es gut, dass diese Dinge endlich ans Licht kommen. Andererseits fragt man sich, wie sie so lange funktionieren konnten." Nun sei es "sehr schwierig, wenn nicht unmöglich", Gerechtigkeit für die Sportler zu schaffen, die durch die mutmaßlichen Dopingvertuschungen des Verbands betrogen wurden, sagt Tygart im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Neben McLarens Untersuchung hatte auch das IOC zunächst Ermittlungen aufgenommen. Sie seien aber schon wieder eingestellt, sagt Baumgartner, der deutsche Verbandspräsident. Aján hatte im März seine Ehrenmitgliedschaft im IOC aufgegeben. "Die Ermittlungen des Ethikrats sind durch die Rückgabe der Ehrenmitgliedschaft ad acta gelegt", sagt Baumgartner. "Das ist schon kurios. Aber das IOC kümmert sich eben nur um seine Familie."

Ob und wenn ja, inwiefern der Vorgang auch Einfluss auf die olympische Zukunft des Sports haben könnte, lässt sich zurzeit noch nicht absehen.

Gewichtheben ist bei den Olympischen Spielen eine der traditionsreichsten Disziplinen. Seit der Premiere der Spiele der Neuzeit im Jahr 1896 in Athen gehört sie fast durchgängig zum Programm. Aber Gewichtheben macht seit jeher auch immer wieder mit Dopingskandalen Schlagzeilen. 2017 attestierte selbst der sonst dahingehend reservierte IOC-Präsident Thomas Bach dem Sport ein "massives Dopingproblem", nachdem bei Nachtests der Sommerspiele von Peking und London allein 49 Gewichtheber positiv getestet und neun Nationen daraufhin zeitweise gesperrt wurden. Bach stellte daraufhin sogar die Zugehörigkeit des Sports zum Programm ab 2024 infrage. Seitdem stieg die Zahl der Überführten sogar noch auf 61. 

Was wird mit Olympia?

Richard Pound, IOC-Mitglied und Mitgründer der Welt-Antidoping-Agentur Wada, sieht einen möglichen Ausschluss der Gewichtheber von Olympia dennoch kritisch. "Ich hoffe, die Athleten müssen nicht unter dem Verhalten des Weltverbands leiden", sagte Pound dem SPIEGEL. Jetzt, wo Ajan weg sei, gehe er aber davon aus, dass die Untersuchung der Vorwürfe ohne Hinderung fortgeführt werden könne. "Was die IWF jetzt braucht, ist eine wahrhaft unabhängige Betrachtung darauf, was sie tun muss, um als Verband wieder glaubwürdig zu werden."

"Man kann Gewichtheben nicht aus dem olympischen Programm werfen", sagt auch Usada-Chef Tygart, "die Sportart ist global gesehen einfach zu wichtig." Stattdessen plädiert Tygart für eine "maximale Bestrafung" der IWF-Funktionäre: "Die Führungsebene muss komplett ausgetauscht werden."

"Ich erwarte, dass es in den nächsten Monaten noch einige Veränderungen geben wird, von Köpfen, die dem Sport nicht gutgetan haben", sagt auch Christian Baumgartner vom deutschen Verband. Dem Sport sei schon zu viel Schaden angetan worden, sagt er. Noch immer sind in der Budapester Zentrale der IWF Vertraute Ajáns in Verantwortung. "Wir müssen jetzt einen modernen Verband auf die Beine stellen. Dann kommt auch das Vertrauen der nationalen Verbände und der Sportler zurück." Ein neuer Präsident soll 2021 gewählt werden.

Es könnte ein Neuanfang sein. Anti-Doping-Experte Tygart würde ihn begrüßen - wie auch bei anderen Weltverbänden. "Viele Sportorganisationen bedürfen grundlegender Veränderung. Eine Befristung der Amtszeiten für Präsidenten. Offene, demokratische Wahlen. Ein Regelwerk für Interessenkonflikte. Einsehbare Finanzberichte. Die Athleten und die Öffentlichkeit hätten solche simplen Maßnahmen verdient. Denn man sieht es immer wieder: Ein schlechtes Regelwerk führt zu eigensinnigem Handeln von Sportfunktionären."

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