Olympia und Politik "Die IOC-Mitglieder sind historisch nicht auf dem Laufenden"

Bloß keine politischen Äußerungen bei Olympia - so will es bislang das IOC. Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer erklärt, welche Motivation dahintersteckt und was das IOC mit der katholischen Kirche gemein hat.
Ein Interview von Anne Armbrecht
Olympische Ringe in Rio

Olympische Ringe in Rio

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Zur Person
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Gunter Gebauer ist emeritierter Professor für Philosophie und Soziologie des Sports an der Freien Universität Berlin. Der 76-Jährige ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur und veröffentlichte mehrere Bücher über Sport, zuletzt im Sommer 2020 die historische Betrachtung "Olympische Spiele. Hundert Seiten".

SPIEGEL: Das IOC hat vergangene Woche einen Tweet zu den Spielen 1936 abgesetzt, mit Bildmaterial von Leni Riefenstahls Propagandafilm Olympia. Untertitelt hieß es etwa: "Der Fackellauf fand 1936 zum ersten Mal statt – wir können den nächsten in Tokio kaum erwarten." Es gab dafür heftige Kritik, später hat das IOC um Entschuldigung gebeten. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Gebauer: Das IOC hat bis heute zu 1936 keine klare Position bezogen. Nicht zu den Spielen, zu Riefenstahl oder den Symbolen. Das waren durch und durch politisch gefärbte Spiele. Es gibt genügend Forschung dazu, dass man das Politische im Film, im Reichssportfeld, den Spielen und dem Umfeld genau benennen kann. Es ist nur so, dass die IOC-Mitglieder nicht sehr gebildet und historisch nicht auf dem Laufenden sind.

"Das gibt es weltweit nur im IOC und in der katholischen Kirche"

SPIEGEL: Aber dass die Bilder der Spiele einem nationalsozialistischen Propagandafilm entstammen, ist doch allgemein bekannt.

Gebauer: Natürlich. Das IOC begnügt sich mit der Feststellung, die Spiele seien politisch missbraucht worden. Was ist aber mit den Symbolen, die die NS-Propaganda erfunden hat? Wie den Fackellauf. Eine finstere Geschichte. Man muss sehen, durch welche Länder er geführt wurde. Das waren Gebiete, die ab 1939 von der Wehrmacht erobert wurden. Wenn man ihn in anderem Kontext zitiert, muss man wissen, was man alles an nationalsozialistischem Gedankengut mittransportiert.

SPIEGEL: Das IOC hat den Film damit gerechtfertigt, dass man keine historische Einordnung liefern wollte. Ist nicht gerade die Nicht-Einordnung in so einem Fall hochpolitisch?

Gebauer: Das ist es eben. Alle Bilder und Symbole dieser Spiele sind von politischen Bedeutungen durchsetzt, man muss sie nur deuten können. Aber das IOC verschließt die Augen und betont weiter, wie unpolitisch es ist. Es kann dies aber gar nicht sein, wenn es seine Grundprinzipien bewahren will. Der Olympischen Charta zum Beispiel kann man ja kaum widersprechen. Aber das IOC ist die erste Institution, die dem ständig widerspricht. Das beginnt damit, dass ein bestimmtes Land Veranstalter ist. Wir hatten das etwa im Vorfeld der Winterspiele in Sotschi 2014, dass Russland Gesetze gegen Schwule und Lesben erlassen hatte. Das IOC hat dieses politische Umfeld akzeptiert. Das dürfte eigentlich nicht der Fall sein.

SPIEGEL: Das IOC tritt aber auch selbst immer wieder als Akteur in Erscheinung. Bei den Spielen in Pyeongchang 2018 etwa, als sich IOC-Präsident Thomas Bach als Vermittler zwischen Süd- und Nordkorea inszenierte.

Gebauer: Das hat er damit gerechtfertigt, dass die Olympischen Spiele eine ausdrückliche Friedensmission haben. Dem kann man auch zustimmen. Das steht nicht im Widerspruch zu den Prinzipien des IOC.

SPIEGEL: Ist Diplomatie keine politische Handlung?

Gebauer: Das liegt eben an der Zweideutigkeit des Begriffs des Politischen. Man kann sagen, die Olympischen Spiele waren von vornherein eine politische Erfindung. Was Pierre de Coubertin mit der Wiederbelebung der Spiele gemacht hat, war explizit politisch. Es war der Versuch, mit Personen des öffentlichen Lebens, gekrönten Häuptern, Friedensnobelpreisträgern, Militärs eine internationale Organisation auf die Beine zu stellen. Es wäre also ehrlich, wenn das IOC sagen würde: Wir sind eine politische Macht und wir setzen diese Macht auch ein. Ich würde aber unterscheiden zwischen dem, was in der Charta niedergelegt ist, nämlich dass die Spiele eine Friedensmission haben, für die Gleichheit aller Menschen und damit gegen Diskriminierung sind. Das ist als Verteidigung der Menschenrechte in einem universalen Sinn politisch. Anders ist es, wenn man sich im Streit partikularer politischer Positionen engagiert. Das Universale gehört zu den Spielen, das Partikulare sollte draußen bleiben.

SPIEGEL: Auch heute eröffnen Staatschefs die Spiele. Es werden Nationalhymnen zelebriert, es gibt Nationalflaggen.

Gebauer: Die Konstitution der Spiele ist immer noch eine des Nationalismus. Das wird auch so bleiben. Deswegen ist Olympia für Autokraten, aber auch andere, die sich vor der Welt präsentieren wollen, dazu gehört auch Deutschland, so attraktiv. Die Nationenwertung ist für die meisten Menschen das Allerwichtigste - als Indiz für die Leistungsfähigkeit eines Landes. Wobei man sich fragen muss, was dieses aussagen soll. Das ist eine ganz klare Bindung an Nationalismus, Nationalstaaten und den nationalen Egoismus und Wettstreit. Das macht die Spiele für viele, die um Ansehen kämpfen, oder Potentaten, die sich legitimieren wollen, so attraktiv. Denken Sie an China und seine Anstrengungen um die Spiele in Peking 2008 und 2022. Oder auch die DDR, die es geschafft hat, mit ihren Sporterfolgen die nationalstaatliche Anerkennung zu erzwingen.

SPIEGEL: Liegt die Deutungshoheit über Politik und Geschichte der Spiele nur beim IOC?

Gebauer: Es beansprucht die Deutungshoheit für seine Spiele. Die Spiele gehören dem IOC. Es setzt die Regeln, es legt sie aus, und es urteilt über ihre Auslegung. Das gibt es weltweit nur im IOC und in der katholischen Kirche.

SPIEGEL: Warum ist das für das IOC so wichtig?

Gebauer: Das IOC will maximale Kontrolle. Ihm gehören die Symbole, die Wettkämpfe, die Ehren, die Erinnerung, das Geld. Das ist alles in der Hand des IOC. Das ist seit 100 Jahren so.

SPIEGEL: Die Sportler sind nur die Leistungserbringer?

Gebauer: Ja, sicher. Sie kriegen kaum Geld dafür. Das IOC ist die Organisation, die das ganze Geld einnimmt, verwaltet und ausgibt.

SPIEGEL: Also geht es bei der Frage der Deutungshoheit um die Macht von Funktionären?

Gebauer: Es geht um Macht von Einzelpersonen und der Institution. Thomas Bach ist so mächtig, weil er an der Spitze einer Organisation steht, um die sich alle Welt reißt. Auch westlich orientierte Länder tun alles, um die Spiele zu bekommen. Siehe Tokio, Paris, Los Angeles. Diese weltweite Ausstrahlung, dieses Prestige ist nahezu unbezahlbar.

SPIEGEL: Das IOC untersagt Sportlern bei den Wettkämpfen Proteste und Demonstrationen. Was passiert, wenn man auch Sportlern Politik zugesteht?

Gebauer: Dann muss das IOC sein Monopol über die Politik der Gesten und Symbole aufgeben. Das wird es nicht zulassen.

"Die Kritik am IOC hat ständig zugenommen. Das Erstaunliche ist: Es hat sich davon immer wieder erholt"

SPIEGEL: Hat das auch etwas mit dem Ansehensverlust der Spiele an sich zu tun? In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Olympia-Bewerbungen zurückgezogen.

Gebauer: Die Kritik am IOC und seinen Praktiken hat ständig zugenommen. Das Erstaunliche ist: Es hat sich davon immer wieder erholt. Das liegt eben daran, dass immer wieder neue Bewerber bereitstehen. Das könnte sich aber mit der Coronapandemie ändern. Die Spiele könnten, wenn sie tatsächlich ausfallen, einen erheblichen Bedeutungsverlust erleiden.

SPIEGEL: Wenn sich Sportler als Vorbilder positionieren dürfen und Haltung zeigen – könnten das Profil der Bewegung und der Sport an sich dann nicht mehr gewinnen als verlieren?

Gebauer: Sicher. Die Grundidee Coubertins kam aus dem Aufklärungsdenken, nämlich Menschenrechte allgemein anzuerkennen und zu praktizieren. Es gab auch Spiele, die gezeigt haben, dass das funktioniert. Wenn man diese weltbürgerliche Grundposition klarmachen würde, könnte der Sport die Menschen gewinnen. Aber das IOC bekommt es seit Langem nicht hin – es hat sich immer wieder auf die Seite der Mächtigen geschlagen.

Blick nach unten, Faust in die Höhe: Tommie Smith und John Carlos

Blick nach unten, Faust in die Höhe: Tommie Smith und John Carlos

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SPIEGEL: Sie sprechen von Spielen und Sportlern, die das unter Beweis gestellt haben. Welche meinen Sie?

Gebauer: Vor allem die beiden amerikanischen Sprinter John Carlos und Tommie Smith. Die bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs in Mexico City 1968 für die Gleichheit der Rassen demonstriert haben, gegen die Rassendiskriminierung und gegen die Verfolgung schwarzer Menschen in den USA, die ja 1968 gerade stattfanden. Das war ein enorm mutiges Zeichen. Beide sind dafür sehr hart bestraft worden. Zunächst von sportlichen Institutionen, dann auch zivilen Institutionen. Heute sind sie hoch anerkannt.

SPIEGEL: Zeigt dieses Beispiel nicht, dass Sportler für solche großen Gesten viel besser taugen als Funktionäre? Die Sportler sind die, die für ihre Leistung ausgezeichnet werden, mit Medaillen, früher sogar Lorbeer dekoriert wurden. Das taugt doch als Bild stärker als Funktionäre in Anzügen.

Gebauer: Das ist ja, was die alten Herren in Anzügen so ärgert. Wenn Sportler ein kraftvolles Symbol setzen, spricht kein Mensch mehr über IOC-Funktionäre. Das hält jahrzehntelang. Solche aufrührenden nachhaltigen Bilder sind für das IOC eine Gefahr. Sie zeigen die Kraft des Widerstands, der von den schwarzen Sportlern ausgegangen ist. Vom IOC spricht dann keiner mehr. Das ist für das IOC nicht hinnehmbar.

SPIEGEL: Das IOC hat eine Beratung in Aussicht gestellt, bestimmte Formen des Protests vereinzelt zuzulassen. Wer sollte denn bestimmen, was zulässig ist und was nicht?

Gebauer: Es gibt dafür keinen internationalen Gerichtshof, es ist auch nicht die Uno. Aber vielleicht kann man das IOC durch öffentliche Diskussionen dazu bringen, dass es seine eigenen Prinzipien anerkennt. In seiner Charta stehen bestimmte Werte: für Menschenrechte, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus und für die Anerkennung der Menschen untereinander. Wenn man sich dafür einsetzt, dann ist das doch eine Selbstverständlichkeit und kann nicht als verbotene Politik aufgefasst werden.

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