Olympische Spiele in Berlin 1936 IOC twittert positiv über Nazi-Spiele - und erntet massive Kritik

Die Spiele 1936 sind als Spiele der Nazis in die Geschichte eingegangen. Das IOC verbreitet auf Twitter dennoch Propagandamaterial von damals. Die darauf folgende Kritik wies es zurück, löschte den Tweet dann aber doch.
Die Olympischen Ringe vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne

Die Olympischen Ringe vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erntet für einen Beitrag zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936 auf Twitter massive Kritik. In dem Tweet vom Donnerstag  hieß es übersetzt: "Berlin 1936 markierte den ersten olympischen Fackellauf, der das Feuer zur Schale brachte. Wir können es kaum erwarten, den nächsten in Japan zu sehen. #Strongertogether".

Der Beitrag war begleitet von einem 32 Sekunden langen Video, das neben Fotos der Spiele von damals auch Bewegtbildmaterial aus damaligen Propagandafilmen zeigte. Eine Einordnung der Bilder der jubelnden Massen im Olympiastadion, des Einmarschs der Mannschaften und Ausschnitte des Fackellaufs gab es nicht, sie sind lediglich mit Musik unterlegt.

Zahlreiche Twitter-Nutzer kritisierten den Beitrag für seinen unsensiblen und verklärenden Umgang mit der Geschichte - darunter der offizielle Account des Auschwitz-Museums: "Zwei Wochen lang verdeckte die Nazi-Dikatur ihren rassistischen, militaristischen Charakter. Sie beutete die Spiele aus, um die Zuschauer mit einem Bild eines friedlichen, toleraten Deutschlands zu beeindrucken. Später beschleunigte Deutschland seinen Expansionismus, die Verfolgung der Juden und anderer "Feinde des Staates."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Das ist respektlos gegenüber allen deutschen Juden, die zu dieser Zeit schon unterdrückt wurden!", schrieb etwa eine Nutzerin  unter den IOC-Werbefilm und verwies auf die antisemitischen und rassistischen Nürnberger Gesetze, die ein Jahr vor den Spielen verabschiedet wurden. "Aber das war kein Problem für das IOC. Die Spiele in Diktaturen stattfinden zu lassen, scheint für euch noch immer okay zu sein."

Ein anderer kritisierte etwa die Verwendung der Filmsequenzen . "Es ist immer heikel, Bildmaterial eines Nazi-Propagandafilms (Riefenstahls "Olympia") zu verwenden, um #Strongertogether auszudrücken. Wie viele jüdische Sportler durften damals für Deutschland starten?" Ein weiterer bemerkte zynisch:  "Ihr habt die Hitlergrüße vergessen."

Das IOC verteidigte den Tweet auf SPIEGEL-Anfrage zunächst. Man habe anlässlich des Ein-Jahres-Countdowns für Tokio 2020 eine Serie von kurzen Clips zusammengestellt, die das Olympische Feuer von Athen 1896 bis Rio 2016 zeigten. "Keiner dieser über 30 Filme ist eine historische Einordnung der jeweiligen Spiele, sondern hebt lediglich die vereinende Kraft der Olympischen Spiele hervor", hieß es in der Stellungnahme. Am Freitagabend löschte das IOC den Tweet dennoch.

Während Olympia entstanden vor Berlin Konzentrationslager

Die Sommerspiele 1936 in Berlin sind als Propagandaspiele und Spiele des Nationalsozialismus in die Geschichte eingegangen. Die Nazis instrumentalisierten die Wettbewerbe und das Rahmenprogramm, um den NS-Staat im Ausland positiv darzustellen und auch vor den Spielen laut gewordene Sorgen bezüglich der Entwicklung im Land vermeintlich zu relativieren, indem man sich friedliebend, sozial und weltoffen darstellte.

Im Inland propagierten die Ausrichter an den Athleten die körperliche Ertüchtigung und das Stählen des Volkskörpers, die später im Hinblick auf die Wehrmacht und den Einsatz im Krieg eine wichtige Rolle spielten. Dazu trug auch der Propaganda-Doppelteiler "Olympia", bestehend aus den Filmen "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit", von Leni Riefenstahl bei, nachdem die Autorin bereits den NSDAP-Parteitag 1934 filmisch inszeniert hatte.

Auch der im IOC-Tweet nun beworbene Fackellauf gehörte zu dieser Inszenierung. Der Lauf fand damals erstmals statt und führte durch sieben Länder. Die Strecke war vom Propagandaministerium um Joseph Goebbels festgelegt worden.

Im Hintergrund der Spiele trieb das NS-Regime seine tatsächlichen Absichten voran. So bauten Häftlinge in jenen Wochen wenige Kilometer von Berlin entfernt das KZ Sachsenhausen. Hitler entsandte dazu deutsche Truppen und Kriegsgeräte nach Spanien , um aufseiten Francos in den Spanischen Bürgerkrieg einzugreifen.

Späterer IOC-Präsident Brundage verhinderte Boykott

Vor allem in den USA gab es Proteste gegen die zunehmende Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Bürger und politisch Andersdenkender in Deutschland. Überlegungen, die Spiele zu boykottieren, wurden allerdings verworfen, nachdem die NS-Regierung eine Teilnahme für Sportler unabhängig von Rasse und Konfession zugesagt hatte. Am Ende gehörte dem deutschen Team aber nur eine "Halbjüdin", die spätere Silbermedaillen-Fechterin Helene Mayer an. Andere jüdische Sportler, wie etwa die im Hochsprung aussichtsreiche Gretel Bergmann, durften nicht an den Spielen teilnehmen.

Insbesondere der damalige Präsident des amerikanischen Olympischen Komitees, Avery Brundage, hatte sich gegen einen Boykott ausgesprochen. Er wurde später (1952 bis 1972) Präsident des IOC. Brundage wurden später selbst Antisemitismus und Rassismus zur Last gelegt.

Brundage prägte 1972 auch den Satz "The games must go on", nachdem elf israelische Sportler bei einer Geiselnahme durch palästinensische Terroristen während der Spiele in München ermordet wurden. Die mangelnde Sensibilität und Aufarbeitung im Umgang mit seiner Person hatte dem IOC immer wieder Kritik eingebracht, erst zuletzt rund um die Black-Lives-Matter-Bewegung. Im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA hatte etwa ein Museum in San Francisco vor wenigen Wochen eine Büste Brundages entfernen lassen .

ara
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.