IOC vor Doping-Beschluss zu Russland Der Seiltanz des Thomas Bach

Am Montag soll die Entscheidung fallen, ob und wie Russland für sein Dopingsystem bestraft wird. Das IOC will die Entscheidung mittragen - obwohl sein Boss Thomas Bach als Putin-freundlich gilt.
IOC-Boss Thomas Bach und die Ringe

IOC-Boss Thomas Bach und die Ringe

Foto: LAURENT GILLIERON/EPA-EFE/REX

Das russische Dopingsystem beschäftigt den Weltsport seit Jahren - am Montag steht nun eine Entscheidung an, die den Sport prägen und vielleicht auch spalten wird. Sollte das Exekutivkomitee der Weltdoping-Agentur Wada der Empfehlung seiner Compliance-Kommission folgen, steht eine vierjährige Sperre für Russland im Raum: unter anderem für die Sommerspiele 2020 in Tokio und die Winterspiele 2022 in Peking.

IOC-Präsident Thomas Bach sagte am Donnerstag in Lausanne: "Der Wada-Beschluss ist für uns bindend." Eine Aussage, die durchaus überraschend ist - gilt Bach doch seit Jahren als wohlgesonnen gegenüber der russischen Führung.

Internationale Athletenverbände, die nicht unter dem Patronat des IOC stehen, hatten sich im Vorfeld bereits für härteste Maßnahmen ausgesprochen. So erklärte die Vereinigung der führenden nationalen Anti-Doping-Agenturen, es gebe nur eine Entscheidung, die im Interesse aller sauberen Sportler sein könne: Russland für vier Jahre zu suspendieren. Ist das vorstellbar im Reich des Internationalen Olympischen Komitees?

Wahrscheinlich wird es weiter "neutrale Athleten" geben

Man darf den IOC-Granden glauben, dass selbst sie mittlerweile genervt sind von den Russen, die nach all den Jahren der Ermittlungen und Enthüllungen so weitermachten, als sei nichts gewesen. "Offenbar wurde bis Anfang 2019 Daten manipuliert", sagte Bach zum Abschluss der Sitzung des IOC-Exekutivkomitees. Er wolle allerdings "nicht spekulieren" über die bevorstehende Wada-Entscheidung. Noch in der Vorwoche hatte das IOC eine für sie ungewöhnliche Meldung veröffentlicht. Darin wurde der groß angelegte Betrug im Datensatz des russischen Dopinglabors gebrandmarkt, auch werden schärfste Sanktionen angekündigt.

Wer zwischen den olympischen Zeilen zu lesen gelernt hat, ahnt indes, worauf es auch diesmal hinausläuft: kein absoluter Bann für Russland - nicht für die Sportler, nur für einige der Verantwortlichen. Große russische Teams, wie 2016 in Rio de Janeiro und 2018 in PyeongChang, wenngleich unter dem Etikett als sogenannte "neutrale Athleten", dürfte es auch künftig geben.

Der Wada-Beschluss sei also bindend, sagte Bach. Was eher die Frage aufwirft, ob das Wada-Exekutivkomitee, das seine Sitzung kurzfristig von Paris in die olympische Hauptstadt Lausanne verlegt hat, die Empfehlung seiner Detektive so aufweichen könnte, dass das IOC zufrieden ist, dem über sechs der zwölf Sitze im Wada-Vorstand zuzurechnen sind.

Zwei weitere Unterstützer Russlands auf dem Sprung

Drei Tage lang saß das IOC-Exekutivkomitee mit Bach an der Spitze in Lausanne zusammen. Und selbst bei anderen Tagesordnungspunkten schimmerte immer wieder das Russland-Thema durch. So wird die IOC-Führung um drei Mitglieder ergänzt, von denen zwei zu ausgesprochenen Freunden des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählen: der Japaner Yasuhiro Yamashita, der mit Hobby-Judoka Putin schon mehrere öffentlichkeitswirksame Sparrings-Judokämpfe gemacht hat und Fifa-Präsident Gianni Infantino. Offiziell werden Yamashita, Infantino und der Brite David Haggerty (Präsident des Welt-Tennisverbandes ITF) erst im Januar von der IOC-Session aufgenommen. Doch zwei weitere Putin-Verbündete im IOC in so einer angespannten Lage, das ist ein Signal.

Pikant an den Wada-Empfehlungen: Darin wird auch gefordert, dass Russland in nächster Zeit keine sportlichen Großveranstaltungen mehr ausrichten darf. Das könnte unter anderem auch die Fußball-EM 2020 mit dem Spielort Sankt Petersburg betreffen. Bach reiste unmittelbar nach Bekanntwerden der Wada-Empfehlungen nach Nyon, um Uefa-Präsident Aleksander Ceferin zu treffen. Kurz darauf flog Ceferin nach Sankt Petersburg, traf Putin und versicherte diesem, weder die Spiele der EM 2020 noch das Finale der Champions League 2021 seien in Gefahr.

Parallel dazu bereitete ein mit IOC-Mitgliedern und Weltverbandspräsidenten besetztes Gremium die Vergabe eines der wichtigsten Kongresse des Weltsports vor: Es wurde verkündet, dass das Gipfeltreffen SportAccord 2021 im russischen Jekaterinenburg stattfinden soll. Unter dem Dach der ausrichtenden Organisation GAISF vereinen sich rund 130 Sportfachverbände und Institutionen. Mehrere Dutzend IOC-Mitglieder inklusive der kompletten Führung sind Stammgäste bei dieser Veranstaltung, die zuletzt im Mai in Australien stattfand.

Sportmesse nach Jekaterinenburg vergeben

Die Vergabe der Messe 2021 nach Russland ist dubios. Im Exekutivkomitee von SportAccord sitzt Putins Jugendfreund und enger Vertrauter Arkady Rotenberg, Milliardär aus St. Petersburg. Zu den Umständen der Vergabe hat DER SPIEGEL zahlreichen Top-Funktionären, IOC-Mitgliedern und den Präsidenten von GAISF und SportAccord einen ausführlichen Fragenkatalog geschickt. Lediglich zwei dünne Antworten trudelten ein. SportAccord teilte dabei in seiner Antwort mit, dass die Entscheidung "aufgrund einer Mehrzahl von Gründen" auf Jekaterinenburg gefallen sei.

Darüber hinaus wird das IOC am Freitag und Sonnabend einen sogenannten "Olympic Summit" auszurichten. Diese exklusiven Gipfeltreffen, die auf die persönliche Initiative von Bach zurückgehen, sind vor allem deshalb ominös, weil sie keinerlei Beschlussrecht haben. "Olympic Summits" werden in der Olympischen Charta, dem Grundgesetz des IOC nicht einmal erwähnt. Der frühere Wada-Chef Richard Pound hat den "Olympic Summit" als Institution wiederholt in Frage gestellt. Doch Pound ist nur noch ein Mahner, keiner, der von Bach eingeladen wird.

Bach macht mit diesen Gipfeltreffen Hinterzimmerpolitik und legt die nächste Schritte im IOC und den vielen verbundenen Gremien fest. So war das auch vor den Olympischen Sommerspielen 2016, als es bei einem solchen Gipfel hauptsächlich um das russische Dopingsystem ging. Konträre Diskussion sind auch diesmal nicht zu erwarten: Die 23 Personen, die Bach eingeladen hat, zählen fast ausschließlich zum Kreise seiner Getreuen.