Olympia-Sportart Karate Das Warten auf die einzige Chance

Obwohl er in seiner Sportart der Beste der Welt ist, kennen ihn nur wenige: Jonathan Horne wollte in diesen Tagen in Tokio die Goldmedaille holen - dann kam die Absage. Jetzt bleibt ihm nur Geduld.
Jonathan Horne in Aktion

Jonathan Horne in Aktion

Foto: Aleksandar Djorovic/ imago images

Der Sommerwind weht den Schweißgeruch durch die offenen Fenster auf den Hinterhof hinaus, während sich Jonathan Horne mit schnellen Schritten über eine blaue Bodenmatte bewegt. Sie liegt in der Mitte eines Karate-Trainingsraums in Kaiserslautern, zu dem man nur über eine steile Treppe gelangt. An der Wand hängen Spiegel, die Decke ist tief.

Horne, 31 Jahre alt, 1,94 Meter groß, muskulös, sehr kurze schwarze Haare, steuert präzise und mit explosiven Bewegungen seine Hände und Füße auf den Körper seines Trainers zu. Sein Sport sei "einer der attraktivsten überhaupt", wird Horne nach dem Training sagen. "Er ist diszipliniert, dynamisch, verändert sich stetig." Und generell, "die ganze Philosophie, die dahintersteckt, ist prägend fürs Leben".

Seit 25 Jahren gehört Karate zu seinem Leben. Seit er Profi ist, an sechs Tagen in der Woche. Horne träumt davon, Olympiasieger zu werden. Und er ist weit gekommen auf seinem Weg. Neben der Matte reihen sich unzählige Pokale - die meisten davon gehören Horne. Er ist in der Klasse über 84 Kilogramm, dem Schwergewicht, vielmaliger Deutscher Meister, sechsmaliger Europa- und amtierender Weltmeister.

Die Goldmedaille galt ihm als sicher

Die World Games, die alle vier Jahre stattfinden und so etwas wie die Ersatzveranstaltung für nicht olympische Sportarten sind, gewann er zweimal. Einen besseren als ihn gibt es weltweit nicht. Die Goldmedaille in Tokio galt dem Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen deshalb so gut wie sicher. Doch Tokio ist für Horne an diesem Nachmittag Anfang Juli ganz weit weg.

Nach dem Training duscht er und zieht sich in der kleinen Kabine um. Der Sport führte Horne um die Welt, sein Zuhause blieb immer Kaiserslautern. Wenige Gehminuten vom Dojo entfernt hat er sich mit seiner Frau Anna ein Haus gekauft. Im Oktober erwarten sie eine Tochter. Horne ist Sportsoldat bei der Bundeswehr, hat einen Platz in der Sportfördergruppe, es reicht für ein vernünftiges Leben. Hinter dem Haus, im kleinen Garten, stehen Sommermöbel. Horne hat auf einem Stuhl unter einer Gartenlaube Platz genommen und spricht über die Klischees, die bis heute an Karate haften.

WM-Gold war bisher die Krönung von Hornes Karriere

WM-Gold war bisher die Krönung von Hornes Karriere

Foto: Rodrigo Reyes Marin/ ZUMA Press/ imago images

"Ich wünsche mir, dass die Menschen sehen, dass Karate nichts damit zu tun hat, Holz zu zerschlagen", sagt Horne. Er wählt seine Worte so präzise, wie er zuvor seine Bewegungen ausgeführt hat, und wirkt dennoch nicht angestrengt dabei. Beendet er einen Satz, heben sich seine Mundwinkel häufig zu einem leichten Lächeln an.

Er kommt auf Olympia zu sprechen, was in so vieler Hinsicht ein besonderes Erlebnis für ihn geworden wäre. Karate gehört gewöhnlich nicht zu den olympischen Disziplinen. Doch die "Agenda 2020" des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) erlaubt dem Gastgeberland, weitere Sportarten zu benennen. Karate hat in Japan seinen Ursprung und ist dort überaus populär. Die Karatekas, die in Tokio antreten werden, sind auf eine von zwei Formen spezialisiert: Beim Kata wird einzeln eine festgelegte Choreografie gezeigt, beim Kumite wird drei Minuten lang gegeneinander gekämpft. Je nach Treffer gibt es unterschiedlich viele Punkte. Horne beherrscht diesen Kampfstil in Perfektion. Er gilt für seine Gegner als unberechenbar.

"Ich werde mich qualifizieren"

Im März, nach 18 Qualifikationsturnieren, zählte er zu den ersten nominierten Karatekas für die Olympischen Spiele. "Ich bin von Kontinent zu Kontinent geflogen, war alle drei Wochen in einer anderen Zeitzone, das war schon eine sehr große Herausforderung", erinnert sich Horne. "Der Glücksmoment, dass sich die Arbeit ausgezahlt hat, war riesig."

Doch dann kam Corona. Im Moment fühle er sich "wie im luftleeren Raum", die Einheiten absolviere er routinemäßig. Mehrere Wochen trainierte er gar nicht, dann eineinhalb Monate lang nur für sich, Kraft und Athletik. Karate aber lebt vom gegenseitigen Kontakt. Horne ist erfahren, sein Körper erinnert sich schnell wieder an die feinen Bewegungsabläufe. Doch er sagt auch: "Ständiges Training ist sehr wichtig für das richtige Timing und das Distanzgefühl."

"Karate hat nichts damit zu tun, Holz zu zerschlagen"

"Karate hat nichts damit zu tun, Holz zu zerschlagen"

Foto: Rodrigo Reyes Marin/ ZUMA Press/ imago images

Hinzu kommt: Nach der Verschiebung ins nächste Jahr galt sein Platz zunächst als sicher, doch dann entschied der Karate-Weltverband (WKF), zwei Turniere zu wiederholen. Horne wird sich erneut beweisen müssen. "Es ist ein Schlag ins Gesicht, aber ich werde mich qualifizieren", sagt Horne. Er sitzt zurückgelehnt, gelassen. Und das, obwohl die Chance auf Olympia eine einmalige für ihn ist. 2024 in Paris muss sich die japanische Kampfkunst wieder mit der Zuschauerrolle abfinden.

Horne sagt, Karate bestimme sein Leben, aber er blicke allmählich seinem Karriereende entgegen. Wie lange er den Sport in dieser intensiven Form noch ausüben wird, weiß er nicht. An Tokio hält er fest. Er macht das, was Karate ihn gelehrt hat: geduldig sein.