Korruptionsprozess gegen Sportfunktionär Diack Goldmedaille für die Steuerfahnder

Dem Ex-Leichtathletikboss Lamine Diack wird ab heute der Prozess gemacht - weil die Finanzbehörden so hartnäckig ermittelten. Hätte man den Fall dem Sport überlassen, wäre wohl nichts passiert.
2015 trat Lamine Diack nach 16 Jahren vom Amt des Leichtathletik-Chefs zurück

2015 trat Lamine Diack nach 16 Jahren vom Amt des Leichtathletik-Chefs zurück

Foto: REUTERS

Am Sonntag hatte Lamine Diack Grund zum Feiern. Der ehemalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbands hatte Geburtstag, er ist 87 Jahre alt geworden. Es war vermutlich kein rauschendes Fest im Hausarrest in Paris, sein Sohn Papa Massata jedenfalls wird garantiert nicht angereist sein, um dem Vater zu gratulieren. Gegen Diack junior läuft schließlich ein Auslieferungsantrag der französischen Behörden, daher bleibt er derzeit tunlichst in seiner Heimat Senegal und hält sich möglichst fern von Europa.

So muss Vater Lamine heute ohne familiären Beistand vor Gericht erscheinen, der Prozess gegen Diack senior und junior, mehrfach verschoben, soll am Montag endlich starten. Es geht um Korruption, um Geldwäsche, um Erpressung, um Betrug. Lamine Diack ist, wie die "Süddeutsche Zeitung" mal hübsch angemessen formulierte , sozusagen "angeklagt wegen allem". Dass Diack die Vorwürfe alle als haltlos zurückweist, versteht sich fast von selbst.

16 lange Jahre, von 1999 bis 2015, stand der Mann aus dem Senegal an der Spitze der Leichtathletikwelt, er hatte also genug Zeit, ein Sündenregister bis zum Rand zu füllen: Dopingfälle soll er vertuscht haben, er soll sogar Geld genommen haben, um Dopingproben unter den Tisch fallen zu lassen, bei der Vergabe der Olympischen Spiele von 2016 und 2020 nach Rio und Tokio soll er die Hand aufgehalten haben, alles in enger Kooperation mit seinem Sohn Papa Massata, den er als PR-Berater im Verband implementiert hatte.

Ein Weltverband als Familiensache

Diack führte den Weltverband wie seine Privatsache, wie eine Familienangelegenheit, und immer gab es genug Funktionäre um ihn herum, die Mitwisser und Mittäter waren. Die ihn unbehelligt machen ließen.

Papa Massata Diack bleibt dem Prozess fern

Papa Massata Diack bleibt dem Prozess fern

Foto: SEYLLOU/ AFP

Eng wurde es erst für ihn, als die französische Finanzstaatsanwaltschaft Parquet National Financier (PNF) ihre Ermittlungen aufgenommen hatte. Die Behörden verhängten 2015 Hausarrest über ihn, der hält bis heute an. Jetzt kommt es zum Prozess, wenn auch spät, sehr spät.

Das Beispiel Diack ist da kein Einzelfall, im Gegenteil: Er steht geradezu sinnbildlich dafür, wie fahrlässig es war und ist, den Selbstreinigungskräften des Sports zu vertrauen. Ob in der Causa Diack, ob bei den Vorgängen um den Präsident des Gewichtheber-Verbands, Tamás Aján, ob im gesamten Fifa-Komplex - jeweils bedurfte es des Anschubs von außen, um die skandalösen Vorgänge der Funktionärscliquen nicht nur zu thematisieren, sondern auch Konsequenzen folgen zu lassen.

Wenn Behörden eingreifen, wird es eng

Die Machenschaften im Weltfußballverband waren seit Jahren bekannt. Journalisten haben sich die Finger wund geschrieben, um die krummen Geschäfte von Mohammad Bin Hammam und Jack Warner zu beschreiben, um die Gschaftlhubereien von Joseph Blatter, von Franz Beckenbauer und den anderen im Selbstbedienungsladen Fifa-Exekutivkomitee öffentlich zu machen. Aber es hat die Herren über Jahre nicht gestört, es hat sie vor allem nicht davon abgehalten weiterzumachen.

Es wurden pro forma Ethikommissionen eingesetzt, um die Fälle zu untersuchen, Institutionen, die ihrem Namen zumeist Hohn sprachen, die Ergebnisse standen im Regelfall vorher schon fest. Wenn dann doch mal einer tatsächlich verurteilt wurde wie Bin Hammam, dann lag das daran, dass er Opfer eines internen Machtkampfes wurde, instrumentalisiert über den vermeintlichen Kampf für einen sauberen Sport.

Man fühlte sich unangreifbar

Man fühlte sich sicher, man wähnte sich unangreifbar, und die nächste Wiederwahl stand bevor.

Das ganze Gebäude geriet erst ins Wanken, als die US-Steuerbehörden rigoros ermittelten, nicht davor zurückschreckten, hochgestellte Funktionäre bei Razzien festnehmen zu lassen. Auf einmal war Schluss mit dem ungenierten Geben und Nehmen, und auf einmal finden sich die Herren vor Gericht wieder.

Jahre sind allerdings dabei draufgegangen, der Fifa-Prozess in New York, die Sommermärchen-Verhandlung im schweizerischen Bellinzona haben das Dilemma dieser verspäteten juristischen Aufarbeitung deutlich gemacht. Verjährungsfristen greifen, die Beschuldigten sind alt, sie sind teilweise nicht mehr prozessfähig, und manchmal hilft ein Attest.

Auch in Paris ist es offen, ob es deswegen wirklich zu einem Urteil kommen wird, oder ob nicht doch noch Gesundheitsatteste den Prozess zum Platzen bringen. Auch Diack ist mittlerweile ein Greis. Aber immerhin: Es kommt zur gerichtlichen Aufarbeitung, und die französische Justiz ist sich des Zeitdrucks durchaus bewusst: Sie hat die Verhandlung zunächst bis auf den 18. Juni terminiert. Eine juristische Hängepartie will man in jedem Fall vermeiden.

Für den Hauptangeklagten selbst sind die Ermittlungen "Teil einer Verschwörung". In diesem Denken ist Diack von jeher gefangen. Wenn jemand für das, was er getan hat, tatsächlich zur Rechenschaft gezogen wird, dann muss es das Resultat einer Verschwörung sein. So hat Lamine Diack über 16 Jahre den Weltsport Leichtathletik geführt.