Leichtathletik-Chef Sebastian Coe Einer greift durch (zumindest manchmal)

Bach, Infantino, Diack: Der Weltsport gibt auf höchster Funktionsebene oft ein schlechtes Bild ab. In der Leichtathletik aber hat sich mit Sebastian Coe ein Mann mit Format behauptet - trotz Problemen.
Kopf der internationalen Leichtathletik: der Brite Sebastian Coe

Kopf der internationalen Leichtathletik: der Brite Sebastian Coe

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Michael Kappeler/ dpa

Der russische Leichtathletik-Verband wird den Ausschluss aus dem Weltverband World Athletics (WA) wohl abwenden können. Es springt mal wieder der russische Staat ein. Sportminister Oleg Matytsin, der zugleich als Präsident des Weltverbands im Studentensport (FISU) fungiert, garantierte dem Welt-Leichtathletikverband zu dessen Vorstandssitzung in letzter Minute, für den ausstehenden Strafzoll von insgesamt 6,31 Millionen Dollar aufzukommen. Das Geld muss bis zum 15. August auf dem WA-Konto eingegangen sein.

"Das war ein quälender, frustrierender Prozess", sagte WA-Präsident Sebastian Coe nach der Vorstandssitzung. Die Russland-Frage überschattet seine Präsidentschaft, die im August 2015 begann. Damals hieß World Athletics noch IAAF - und Coe lobte seinen Vorgänger Lamine Diack überschwänglich. Inzwischen ist Diack als Oberhaupt eines kriminellen Clans enttarnt und ihn erwartet im hohen Alter eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Und Coe tut so, als habe er von den anderthalb Jahrzehnte dominierenden kriminellen Machenschaften der Diack-Familie und IAAF-Angestellten nie etwas mitbekommen. Da geht es ihm wie einem anderen langjährigen IAAF-Vizepräsidenten: dem Deutschen Helmut Digel.

Der 63 Jahre alte Sebastian Newbold Coe, Baron Coe, Olympiasieger und Organisator der Sommerspiele 2012 in London, verkauft sich dennoch weiter als Erneuerer der Welt-Leichtathletik. Er blicke lieber nach vorne, auch wenn das schwer fällt, vor allem die Strafermittlungen und das Russland-Problem sind schwere Lasten, die jederzeit noch weiteren WA-Funktionären und Coe Probleme bereiten könnten.

Die Coe-Bilanz fällt eher positiv aus

Aber trotzdem: Im Vergleich zu den Präsidenten von vielen anderen olympischen Weltverbänden und zum Internationalen Olympischen Komitee (IOC) macht Lord Coe eine ausnehmend gute Figur. Niemand kann so geschliffen parlieren wie er, der ehemalige Politiker ist ein Vollprofi. Coe hat in den bald fünf Jahren seiner Präsidentschaft einiges vorzuweisen: Die 2017 gegründete Athletics Integrity Unit (AIU) ist zu nennen. Diese Institution ist beispielgebend im Weltsport. Ja, der Weltverband finanziert die AIU mit etlichen Millionen Dollar jährlich und kam auch deshalb in finanzielle Schieflage. Doch die AIU ermittelt tatsächlich sehr gründlich und bislang ohne Rücksicht auf Ansehen der Person in allen Fällen von Manipulation, Doping, Korruption und Kriminalität.

Zwischen der Institution AIU und den sogenannten Ethikkommissionen anderer olympischen Organisationen bestehen Unterschiede wie Tag und Nacht. Das wurde am Donnerstag mal wieder deutlich: Nachdem die Schweizer Justiz Strafermittlungen gegen den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino aufgenommen hat, müssten die entsprechenden Ethikkommissionen der Fifa und des IOC eigentlich handeln. In anderen, weniger prominenten Fällen, erfolgten vorläufige Suspendierungen. Gern wird im IOC auch zum absurden Mittel der sogenannten Selbst-Suspendierung gegriffen.

Von der Fifa-Ethikkommission ist jedenfalls nichts zu erwarten, Infantino hat dieses Gremium und das Regelwerk seit 2016 nach seinem Gusto geformt. Und die IOC-Ethikkommission? Die hatte keine Einwände, als es darum ging, Infantino ins IOC aufzunehmen. Dabei waren die Vorgänge, die nun zur Strafermittlung führten damals bereits bekannt und gut dokumentiert.

Infantino und Coe gehören beide zu den ex-officio-Mitgliedern des IOC. Sie erhielten in ihrer Eigenschaft als Präsidenten zweier wichtiger Weltverbände höchste olympische Weihen. Infantino sprach im Januar auf der IOC-Session in Lausanne den olympischen Eid. Damals wurde Coe, wegen seiner Tätigkeit für die Agentur CSM, noch nicht für gut genug befunden. Von Interessenkonflikten war die Rede.

In der Tat begleiten derlei Konflikte den Briten über viele Jahre, auch in vielfältigen Berater-Funktionen, etwa für den Sportartikelkonzern Nike. CSM ist ein wichtiger Player im Business, verdient viel Geld im Geschäft mit Diktaturen, hat beispielsweise die Konzepte für die ersten European Games in Baku und die asiatischen Indoor-Spiele in Ashgabat gemacht. Sowohl in Aserbaidschan als auch Turkmenistan fungieren die Despoten Alijew und Berdimuhamedow zugleich als Präsidenten der jeweiligen Nationalen Olympischen Komitees.

Wie hat Coe das Problem der IOC-Mitgliedschaft in diesem Jahr gelöst? Seine Landsfrau Prinzessin Anne, im IOC für den Kandidatencheck neuer Mitglieder zuständig, erklärte vor zwei Wochen auf der virtuellen IOC-Session: Coe werde auf der CSM-Webseite zwar als Geschäftsführer geführt, er sei aber nicht mehr operativ tätig. Selbstverständlich ist Coe bei CSM weiter die zentrale Figur.

IOC-Präsident wird Coe wohl nie

Im IOC hat Coe dennoch keine große Zukunft. Laut Regelwerk der WA darf er drei Amtszeiten präsidieren, er kann 2023 noch einmal bis 2027 als Chef bestätigt werden. Wenn er dann als WA-Präsident abtritt, endet automatisch seine Mitgliedschaft im IOC. 2027 feiert Coe seinen 70. Geburtstag, damit erreicht er zugleich die für das IOC geltende Altersgrenze. Diskussionen um einen IOC-Präsidenten Coe, die vor allem in britischen Medien einige Jahre geführt wurde, darf man also getrost vergessen. Im IOC wird Thomas Bach bis 2025 an der Spitze bleiben, mindestens.

Bach und Coe haben eine gemeinsame olympische Geschichte. Beide gehörten 1981 zur handverlesenen ersten Athletenkommission des IOC. Der damalige IOC-Papst Juan Antonio Samaranch hatte die Fähigkeiten und die Ambitionen der beiden sehr gut erkannt. Jahrzehntelang agierten Coe und Bach, wenn es mal Berührungspunkte gab, Seite an Seite. Das hat sich erst entscheidend in der Russland-Saga um das Staatsdoping geändert. Coe, auch das war wichtig, stand in seiner britischen Heimat gewaltig unter Druck. Und er handelte vergleichsweise rigoros. 

Ein wirklicher Gegenspieler von Bach aber war er nie. Das Verhältnis der beiden ist getrübt, das schon, und wird nie mehr so unbeschwert werden wie einst. Nach der jüngsten WA-Councilsitzung hat Coe formuliert: "Es war keine große Hilfe, dass wir oft einsame Rufer waren, die das Feld allein beackern mussten." Derlei Sätze darf man natürlich als leise Kritik am IOC betrachten. Viel mehr aber sollte man nicht hinein interpretieren. Denn im Zweifel halten Thomas Bach und Sebastian Coe zusammen wie Pech und Schwefel. Beide sind Olympiasieger. Der Olympismus ist ihre dominierende Religion.