Drama beim Olympischen Fünfkampf Modern ist anders

Der Reitparcours hat die Goldhoffnungen von Annika Schleu im Modernen Fünfkampf jäh beendet. Ein Drama, dass in der Sportart immer noch am Reiten festgehalten wird. Das wird den Athletinnen nicht gerecht – und vor allem nicht den Pferden.
Annika Schleu in Tränen auf »Saint Boy«

Annika Schleu in Tränen auf »Saint Boy«

Foto: Marijan Murat / dpa

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Seinem Namen zum Trotz zählt der Moderne Fünfkampf zu den traditionsreichen olympischen Sportarten. Seit 1912 gehört er dem olympischen Programm an, sein Konzept, fünf Sportarten aus der Tradition des Militärs miteinander zu verbinden, stammt noch von Baron de Coubertin höchstselbst, dem Gründer der neuzeitlichen Spiele.

In der Vergangenheit ist die Zukunft des Wettbewerbs häufiger diskutiert worden. Um den Fünfkampf ans heute anzupassen, sind die Regeln mehrfach modifiziert und fernsehtauglicher gemacht worden. Nur das Reiten, den dritten Wettbewerb im Fünfkampf, den hat man dabei vergessen.

So spielte sich im Reitparcours im Frauen-Wettbewerb ein echtes Drama um die führende Deutsche Annika Schleu ab, ein Drama, das die Debatte über die Teildisziplin Reiten wohl neu eröffnen sollte.

Die 31-jährige Berlinerin lag nach Fechten und Schwimmen deutlich auf Goldkurs, ihre Stärken im sogenannten Laser-Run, der abschließenden Kombination aus Laufen und Schießen, die seit einigen Jahren den Fünfkampf beendet und den Fünfkampf eigentlich zu einem Vierkampf hat schrumpfen lassen, machte sie zur ganz klaren Favoritin. Aber dann kam das Reiten.

Im Modernen Fünfkampf werden den Athletinnen die Pferde zugelost, das führt schon seit vielen Jahren zu teilweise kuriosen, teilweise abschreckenden Szenen im Parcours.

Pferde, die offensichtlich überfordert sind oder mit der Reiterin überhaupt nicht harmonieren, verweigern im Parcours die Sprünge oder reiten mitten in die Hindernisse. Abgesehen davon, dass dies das Klassement oft genug vollständig durcheinanderwirbelt, sind das Szenen, die den Fünfkampf immer wieder ins Gerede bringen.

Auf den vorletzten Rang durchgereicht

So wie diesmal bei Annika Schleu. Die Führende hatte das Pferd »Saint Boy« zugewiesen bekommen, ein Pferd, das zuvor schon unter einer russischen Fünfkämpferin den Dienst verweigert und für alle ersichtlich verstört auf den Wettbewerb reagiert hatte.

Normalerweise ist in ähnlichen Fällen die Möglichkeit gegeben, auf ein Ersatzpferd zurückzugreifen – aber nach dem Regelwerk nur dann, wenn das Pferd zuvor aktiv verweigert hat oder die Reiterin zweimal abgeworfen hat.

Dies hatte »Saint Boy« aber nicht getan, sondern lediglich sich komplett unwillig oder unfähig gezeigt, überhaupt über den Parcours zu gehen.

So hatte Schleu schon vor dem eigentlichen Ritt Tränen in den Augen, weil sie »Saint Boy« nicht in den Griff bekam. Das setzte sich im Parcours fort, das Pferd wirkte vollständig desorientiert, trotzdem gab die Reiterin nicht auf, erst nach vier Verweigerungen wurde sie disqualifiziert, die im Sattel hemmungslos weinende Schleu wurde von Rang eins auf den 31. und vorletzten Platz durchgereicht.

»Sie hätte eigentlich nur irgendwie durchreiten müssen, meinetwegen mit fünf Abwürfen, sie hätte immer noch vorne gelegen, so gut wie sie ist«, kommentierte die ebenfalls mit den Tränen kämpfende Bundestrainerin Kim Raisner, »ich kann einfach nicht glauben, dass uns das bei zwei Olympischen Spielen nacheinander passiert.«

2016 in Rio hatte Lena Schöneborn, die Olympiasiegerin von Peking 2008, das gleiche Schicksal ereilt. Auch sie musste sich damals vom Olympiasieg verabschieden, weil ihr Pferd scheute.

Schöneborn saß in Tokio auf der Tribüne, auch sie musste sich erst einmal fassen, bevor sie vor der Fernsehkamera einen Kommentar abgeben konnte. »Eins zu eins die Situation, die ich in Rio erlebt habe«, schüttelte sie den Kopf. »Es ist der worst worst case.« Raisner selbst hatte Schleu vor dem Ritt noch den Rat zugerufen: »Hau drauf, hau richtig drauf.« Schleu schlug dann dem Pferd auf die Flanke, benutzte die Gerte, aber das machte nichts besser.

Eine Qual beim Zuschauen, aber mindestens ebenso eine Qual für das Pferd. In allen anderen vier Disziplinen kommt es auf das alleinige Können der Athletinnen an, auf die Fähigkeit, unterschiedliche sportliche Kompetenzen zu vereinen, aber das Reiten, die Anforderung, mit einem Pferd innerhalb von gerade einmal 20 Minuten Einrittzeit eine Einheit bilden zu sollen, das ist nicht nur am Rand der Willkür.

Es wird nicht dem Sport gerecht, es wird vor allem den Pferden nicht gerecht, deutlicher als bei Schleus Auftritt konnte man das nicht vorführen. Wenn irgendwas bei diesem Modernen Fünfkampf nicht modern war, dann war es dieser Reitwettbewerb. Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth äußerte sich am Freitag eindeutig: »Fünfkampf hat nichts, aber auch gar nichts mit Reiten zu tun. Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben.«

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Der Deutsche Olympische Sportbund reagierte am Nachmittag mit einem Statement und bezog ebenfalls Position: »Zahlreiche erkennbare Überforderungen von Pferd-Reiter-Kombinationen sollten für den internationalen Verband dringend Anlass dafür sein, das Regelwerk zu ändern. Es muss so umgestaltet werden, dass es Pferd und Reiter schützt.«

Der Pferdesport machte damit bei den Spielen von Tokio nicht das erste Mal Negativschlagzeilen. In der Vielseitigkeit war das Pferd des Schweizers Robin Godel eingeschläfert worden, nachdem es sich im Geländeritt verletzt hatte.

Bei den Spielen 2024 in Paris will man den Modernen Fünfkampf erneut verändern. Dann soll es einen kompakten Wettbewerb innerhalb von 90 Minuten geben. Am Reiten wird festgehalten.

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