Moderner Fünfkampf ohne Reiten Umsatteln, um diese Sportart zu retten

Nach einem Eklat bei den Olympischen Spielen in Tokio reagiert der Moderne Fünfkampf. Das viel kritisierte Reiten wird abgeschafft und wohl durch Radfahren ersetzt. Kritik an der Reform kommt von einer umstrittenen Trainerin.
Fünfkämpferin Annika Schleu beim Skandal-Ritt von Tokio (am 5. August): Den Faktor Pferd hatte man vergessen

Fünfkämpferin Annika Schleu beim Skandal-Ritt von Tokio (am 5. August): Den Faktor Pferd hatte man vergessen

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Yohei Osada / imago images / AFLOSPORT

Normalerweise ist jede Sportart heilfroh, alle vier Jahre bei Olympischen Spielen im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, auf sich aufmerksam zu machen, endlich mal Schlagzeilen zu produzieren.

Beim Modernen Fünfkampf wären sie allerdings vermutlich glücklicher gewesen, wenn sie bei den Spielen in Tokio gar nicht aufgefallen wären. Die skandalösen Geschehnisse um Reiterin Annika Schleu und das ihr zugewiesene Pferd Saint Boy hat die Sportart schließlich in schwere Schlagseite versetzt.

Der Moderne Fünfkampf stand schon früher auf der Kippe als olympische Disziplin, danach wurde viel umgemodelt im Reglement, den TV-Sehgewohnheiten angepasst. Der Fünfkampf, diese uralte und militärisch geprägte Sportart aus den Tagen des Olympia-Gründers Pierre de Coubertin, schien tatsächlich moderner zu werden.

Rettungsaktion für Olympia 2024

Den Schwachpunkt Reiten und den Faktor Pferd hatte man dabei allerdings vergessen. Das wird jetzt nachgeholt. Und damit wahrscheinlich die einzige Möglichkeit gewählt, die olympische Zukunft des Modernen Fünfkampfs zu sichern.

Am Mittwoch bestätigte der Weltverbands-Vizepräsident Joël Bouzou der französischen Sportzeitung »L’Equipe« das Pferde-Aus. »Der Reitsport ist ein Hindernis für die Entwicklung unseres Sports, sowohl in Bezug auf die Praxis als auch auf die Kosten.« Schwimmen, Fechten und der sogenannte Laser-Run, eine Mischung aus Schießen und Laufen, bleiben.

Was hinzukommt, ist noch nicht verkündet worden. Angeblich soll der Sattel als Sportausrüstung erhalten bleiben, es wird aber wohl künftig der Fahrradsattel sein. Spekuliert wird darüber, dass ein BMX-Wettkampf an die Stelle des Springreitparcours treten soll.

Reiterin Annika Schleu nach dem Desaster von Tokio

Reiterin Annika Schleu nach dem Desaster von Tokio

Foto: Frank Hoermann / imago images / Sven Simon

Nach den Vorgängen von Tokio hatte sich UIPM-Präsident Klaus Schormann zunächst noch hartleibig gezeigt und das Reiten als »integralen Bestandteil« des Fünfkampfs bezeichnet. Aber der Druck gerade aus dem Lager des Reitsports ist zu groß geworden.

Missbilligung aus dem Pferdesport

Zahlreiche prominente Reiterinnen und Reiter mit Dressurstar Isabell Werth an der Spitze hatten scharfe Kritik an der Praxis des Fünfkampfs geäußert. Vor allem dass die Aktiven lediglich 20 Minuten Kennenlernzeit mit dem ihnen bis dahin fremden Pferd hatten, bevor sie in den Parcours gehen mussten, wurde als völlig unzeitgemäß bezeichnet.

Ganz offensichtlich hatte man im Pferdesport zudem die Sorge, dass die Kritik an der Behandlung der Tiere auch auf sie überspringen könnte und die Rolle der Pferde zum Beispiel in der Vielseitigkeit wieder diskutiert würde. Umso deutlicher grenzte sich der Pferdesport nach Tokio von den Fünfkämpferinnen und Fünfkämpfern ab.

So kamen aus dem Reitsport deutliche Hinweise der Missbilligung, wie im Fünfkampf mit dem Reiten umgegangen wird: zum Beispiel, dass es erst nach vier Verweigerungen zum Abbruch des Ritts kommt statt nach zwei wie im Springreiten. Oder dass Dopingkontrollen bei Pferden so gut wie nicht existent sind.

Das alles hat Wirkung gezeigt. Die Arbeitsgruppe des Weltverbandes, die sich mit dem Thema befasst und zunächst noch überlegt hat, das Reiten lediglich zu modifizieren, es aber im Wettkampf zu belassen, ist mittlerweile, so berichten es der »Guardian« und die Sportpolitikseite »insidethegames«, von dieser Linie abgerückt.

Raisner übt Kritik

Radfahren anstelle des Reitens wird jetzt als Lösung angestrebt, auch wenn Vizepräsident Bouzou das nicht bestätigen wollte. Das Rad anstelle des Pferdes – für den Modernen Fünfkampf wäre das eine Revolution. Und sie dürfte nicht allen gefallen. Die durch Tokio heftig kritisierte Bundestrainerin Kim Raisner – ihr Zuruf an Schleu, auf das Pferd »draufzuhauen«, führte zu ihrer Suspendierung bei Olympia – hat sich im Sport-Informations-Dienst zu Wort gemeldet mit dem Satz, »von der Tradition her gehört das Reiten zum Modernen Fünfkampf«. Sie »liebe das Reiten«, hat sie sicherheitshalber noch angefügt – auch weil genau das viele nach Tokio angezweifelt haben.

Allerdings sehe auch sie: »Wenn sich die Gesellschaft wandelt und das Reiten nur für negative Publicity sorgt«, dann schade das dem Sport. Und den Pferden, möchte man anfügen.

»Wenn man so eine krasse Änderung macht, zerstört man eine ganze Generation von Sportlern«, legte Raisner nach. Das gehe »nur langfristig« und sei »für Athleten und Trainer eine Mammutaufgabe«. Das seien schließlich »einschneidende Veränderungen«. Für die Athleten und Athletinnen würde das Umsatteln tatsächlich eine enorme Umstellung bedeuten. Jahrelanges Training auf dem Pferd wäre hinfällig. Der Umgang mit einem neuen Sportgerät müsste perfektioniert werden.

Doch eine großflächige Veränderung scheint nötig zu sein, wenn der Moderne Fünfkampf noch weiter im olympischen Programm seinen Platz haben will. Es sind einschneidende Veränderungen, um eine Sportart zu retten.