Boxerin Nadine Apetz über Olympia "Eine Verschiebung der Spiele wäre sportlich die beste Lösung"

Trotz Corona-Pandemie richtete das IOC ein Box-Qualifikationsturnier für Olympia aus - das im Chaos endete. Athletensprecherin Nadine Apetz fragt, ob es hätte starten sollen und glaubt, Olympia wird verschoben.
Ein Interview von Thilo Neumann
Die deutsche Boxerin und DBV-Athletensprecherin Nadine Apetz

Die deutsche Boxerin und DBV-Athletensprecherin Nadine Apetz 

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C. Hardt/ imago images/Future Image

Während weltweit Sportereignisse aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt wurden, ließ das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Präsident Thomas Bach bis Montag die Fäuste fliegen. In London gingen mehr als 340 Athletinnen und Athleten aus 45 Ländern bei einem Box-Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele von Tokio an den Start - die, glaubt man den Mitteilungen des IOC, nach wie vor am 24. Juli in Japan eröffnet werden sollen.

Das Box-Turnier in der britischen Hauptstadt wurde vom IOC selbst ausgerichtet, weil der Box-Weltverband wegen flächendeckender Korruption aktuell suspendiert ist. Dass die Veranstaltung nicht bereits im Vorfeld abgesagt wurde, sorgte für viel Kritik. Bei dem Turnier nahmen unter anderem auch Sportler aus Italien, Spanien und Frankreich teil – Ländern mit schon damals hohen Corona-Infektionsraten. Erst nach drei Wettkampftagen brach das IOC ab.

Auch Nadine Apetz, 34 und Athletensprecherin des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV), war in London dabei. Apetz boxte in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm um ihr Olympia-Ticket. Nun wurde das Turnier einen Tag vor ihrem entscheidenden Kampf vorzeitig beendet.

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Nadine Apetz, 34 Jahre aus Haan, ist Boxerin im Weltergewicht (bis 69 Kilogramm) und Athletensprecherin im Deutschen Boxsport-Verband. Als erste Frau der deutschen Box-Geschichte holte sie 2016 eine Weltmeisterschafts-Medaille, insgesamt gewann sie bislang je zwei Mal EM- und WM-Bronze sowie Gold bei den EU-Meisterschaften 2017. Apetz ist studierte Biologin und Neurowissenschaftlerin, derzeit promoviert sie an der Uniklinik Köln zum Thema Parkinson.

SPIEGEL: Mit welchen Gefühlen reisten Sie nach London?

Apetz: Ehrlich gesagt war ich relativ locker, da wir uns mit dem deutschen Team bereits seit dem 28. Februar in England befunden haben. Als wir aus Deutschland abgereist sind, war die Lage ja noch vergleichsweise entspannt. Natürlich habe ich in den Nachrichten die Entwicklungen verfolgt, wie die Zahl der Infizierten anstieg. Erst einen Tag vor Turnierstart kamen mir Gedanken: In Deutschland wird es langsam wirklich kritisch – ob die uns morgen hier überhaupt starten lassen?

SPIEGEL: Hatten Sie den Eindruck, dass Sie in London einem Risiko ausgesetzt waren?

Apetz: Nein. Sie müssen verstehen: Man ist als Sportler so fokussiert, da man jahrelang auf so ein Turnier hingearbeitet hat. Die Spannung, die man in den Monaten davor aufbaut, ist so groß, da sind andere Gedanken einfach nicht so präsent. Als das italienische Team angereist ist, gab es sogar noch den einen oder anderen Scherz darüber, dass man jetzt aufpassen muss. Wir sind alle davon ausgegangen, dass darauf geachtet wird, dass keine kranken Boxer teilnehmen.

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SPIEGEL: Welche Schutzmaßnahmen wurden getroffen?

Apetz: Beim morgendlichen Medizincheck wurde anders als sonst auch unsere Temperatur gemessen. Es stand überall Desinfektionsmittel herum, wir haben darauf geachtet, uns die Hände zu waschen und uns nicht in Pulks zu Leuten zu stellen.

SPIEGEL: Eigentlich sollte das Turnier bis zum 24. März dauern, doch es kam anders. Kurz vor Beginn wurde beschlossen, die Wettkämpfe bis zum 21. März zu Ende zu kriegen, am Montag wurde dann entschieden, die Qualifikation nach drei Tagen abzubrechen. Was denken Sie über die Absage?

Apetz: Es ist die richtige Entscheidung, die ich auch nachvollziehen kann, aus gesundheitlicher und sozialverantwortlicher Sicht gab es keine Alternative. Als Sportlerin bin ich aber extrem frustriert, so kurz vor dem Ziel gestoppt zu werden. Tokio sollte der Höhepunkt meiner Karriere werden. Am Dienstag hätte ich um den Qualifikationsplatz geboxt, und ich habe mir gegen meine Gegnerin gute Chancen ausgerechnet. Und dann wird das Turnier aus solchen Gründen abgebrochen. Das ist aus sportlicher Sicht eine Katastrophe. Da stelle ich mir schon die Frage: Hätte man das Turnier überhaupt starten lassen sollen? Oder hätte man nicht von Anfang an sagen sollen: Die Situation ist so dynamisch und kritisch – wir lassen es bleiben. Natürlich wäre das auch blöd gewesen. Aber so mittendrin?

SPIEGEL: Sie sprechen von einem Organisationschaos?

Apetz: Ich finde nicht, dass das Turnier insgesamt schlecht organisiert war. Man muss sehen, dass das IOC unter Druck stand und Entscheidungen fällen musste. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, hat es die falsche Entscheidung getroffen. Einen pauschalen Vorwurf will ich deshalb aber nicht aussprechen. Momentan leben wir in einer Zeit, in der solche Entwicklungen schwer vorhersehbar sind. Wir dachten uns alle: Entweder von vornherein absagen, oder bis zum 21. März durchziehen. Aber so mittendrin abzubrechen, ist denkbar blöd für alle Beteiligten.

SPIEGEL: Am Dienstag flogen Sie also wieder nach Deutschland, anstatt um Ihr Tokio-Ticket zu boxen. Und jetzt?

Apetz: Sitze ich zu Hause.

SPIEGEL: Und Ihr Training?

Apetz: Gute Frage. Die nächsten eineinhalb Wochen steht Regeneration an, das passt gut, da ich ja eh zu Hause bleiben soll. Wie es dann weitergeht ist momentan noch schwierig zu sagen, Olympia könnte in der Zwischenzeit ja verschoben oder abgesagt werden, von daher muss man von Tag zu Tag schauen. Stand jetzt müssen wir uns darauf vorbereiten, dass die Europa-Qualifikation irgendwann im April oder Mail fortgesetzt wird.

SPIEGEL: Warum?

Apetz: Falls Olympia wie geplant im Juli startet, müssen Fristen eingehalten werden. Nach den Kontinental-Qualifikationen gibt es nämlich noch eine letzte Möglichkeit, sich ein Japan-Ticket zu sichern, bei einem Welt-Turnier. Dies wiederum muss spätestens im Juni stattfinden.

SPIEGEL: Wie wollen Sie sich dafür fit halten?

Apetz: Das ist noch nicht entschieden, aber es besteht ja die Überlegung, die Olympiakader verschiedener Sportarten im Bundesleistungszentrum Kienbaum zu versammeln und eine Art Quarantäne-Trainingslager abzuhalten. Dort wären wir relativ abgeschieden und autark. Das wäre eine Möglichkeit für mich, da wir in Nordrhein-Westfalen am Stützpunkt nicht mehr in Kleingruppen trainieren dürfen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie Ihr Training angesichts der unsicheren Terminlage gestalten?

Apetz: Das ist die große Schwierigkeit. Im Sport arbeitet man in Zyklen und richtet alles auf die Termine aus, die einigermaßen fix sind. Wenn man so wie jetzt quasi auf Standby ist, ist es schwierig, dass Training so zu planen, dass man sein Optimum erreicht, wenn endlich rauskommt, wann es weitergeht. Die Bedingungen für die Qualifikation sind momentan katastrophal, wir wissen nichts, und die Athleten sind auf unterschiedlichen Leistungsniveaus. Eine Verschiebung der Spiele wäre sportlich die beste Lösung.

SPIEGEL: Halten Sie es für realistisch, dass die Spiele dieses Jahr stattfinden können?

Apetz: Nein. In den letzten Tagen hat sich vieles so schnell entwickelt. Wenn man liest, wie die Infektions- und Todesraten ansteigen werden, sofern man keine Maßnahmen ergreift, und welche Probleme dann auf das Gesundheitssystem zukommen. Sie müssen bedenken: Die Spiele sind ein Riesenevent, da sind Tausende Menschen beteiligt aus aller Herren Länder. Ich sehe nicht, dass Olympia stattfindet. Natürlich machen wir weiter und halten unseren Fokus, solange wir nichts anderes hören, aber ich gehe davon aus, dass wir irgendwann die Nachricht erhalten werden, dass es verschoben wird.

SPIEGEL: Wie bewerten Sie in diesem Kontext das Verhalten des IOC, das bislang an einer Austragung festhält?

Apetz: Das soll nicht egoistisch klingen, aber als Sportlerin müsste ich lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich mich schon gerne dieses Jahr qualifizieren und das Ticket in der Tasche haben möchte. Klar ist aber natürlich auch: Gesundheit, soziale und gesellschaftliche Verantwortung, Planungssicherheit – das alles ist selbstverständlich weitaus wichtiger. Das IOC muss deshalb in den nächsten Tagen eine konkrete Entscheidung treffen.

SPIEGEL: Wie wird die Situation unter den Boxerinnen und Boxern diskutiert?

Apetz: Ich denke, es ist für uns alle eine merkwürdige Situation. Bis Montag waren wir in dem Spirit: Wir fahren zu Olympia. Ich glaube, dass die Realität nun erst nach und nach bei uns sacken wird, da wir gerade erst aus dieser Bubble, dieser Sportblase herausgetreten sind.

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