Athleten mobilisieren für Olympia-Verlegung Bachs persönliche Niederlage

IOC-Präsident Thomas Bach setzte sich einst für Athletenrechte ein. Der Olympiaboykott von 1980 prägte seine Karriere. Doch nun droht eine schwere persönliche Schlappe. Athleten stellen sich gegen Olympia im Sommer.
IOC-Präsident Thomas Bach (Archiv)

IOC-Präsident Thomas Bach (Archiv)

Foto:

Jean-Christophe Bott/ dpa

Die Debatte um die Olympischen Sommerspiele in Tokio nimmt dramatische Formen an. Die deutschen Olympiasportler wollen über ihre Teilnahme abstimmen und eine entsprechende Umfrage noch am Sonntagnachmittag ausformulieren. Der Präsident des Dachverbands DOSB, Alfons Hörmann, hatte diese Variante im Verlauf der Diskussionen am Samstag vorgeschlagen.

Was immer dabei in einigen Tagen rauskommt: Der Dachverband und der für die Paralympics verantwortliche Behindertensportverband werden der Empfehlung gewiss nachkommen. Eine solche Situation hat es in der Geschichte des olympischen Sports noch nicht gegeben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die japanischen Olympia-Organisatoren halten dagegen mitten in der weltumspannenden Corona-Pandemie weiter am Termin im Juli fest.

Mit den Worten "die Sportler holen sich ihre Spiele zurück", kommentierte Dagmar Freitag die rasanten Entwicklungen. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Überlegungen, wonach der für Sport zuständige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Verantwortung wahrnehmen und die üblichen Entsendungskosten für ein Olympiateam einfrieren könnte, erübrigten sich, meint Freitag: "Ich glaube nicht, dass wir diese Reißleine ziehen müssen, weil ich davon ausgehe, dass die Sportler das selbst regeln."

Für den IOC-Präsidenten Thomas Bach wäre eine Weigerung der Sportler eine schwere persönliche Niederlage. Und es wäre auch eine Ironie der Geschichte: Denn Bach begann seine sportpolitische Karriere einst als Athletensprecher, der vergeblich gegen den Olympiaboykott der Bundesrepublik 1980 ankämpfte. Der Schmerz dieser Niederlage, die damalige Hilflosigkeit und die Lehren daraus prägen seine gesamte Karriere. 

Bach und die Lehren aus 1980

"Es war eine Schule, die durch nichts zu ersetzen ist. Es brennt immer noch", hat Bach einmal über das Jahr 1980 gesagt. Er entschied sich wenig später, in die politische Lehre zu gehen. Er arbeitete im Bundestagsbüro von Wolfgang Mischnick und trat in die FDP ein. Andere ehemalige FDP-Minister wie Hans-Dietrich Genscher, Helmut Hausmann und Hans Friderichs prägten seinen Weg, bis hin zu geschäftlichen Verbindungen, etwa einer gemeinsamen Kanzlei und Unternehmen. Die FDP-Allianz ebnete Bach auch den Weg in die Wirtschaft.

Nah an der großen Politik: Thomas Bach (l.) mit Russlands Präsident Wladimir Putin

Nah an der großen Politik: Thomas Bach (l.) mit Russlands Präsident Wladimir Putin

Foto:

Charlie Riedel/ AP

Bach schrieb eine Doktorarbeit, die er 1983 an der Uni Würzburg mit summa cum laude verteidigte. Titel: "Der Einfluss von Prognosen auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts." Diese 211 Seiten umfassende staubtrockene juristische Schrift ist im Grunde aber ein politisches Papier. "Es ging mir um die Schnittstellen von Recht und Politik", sagt Bach. "Es ging um beiderseitige Gestaltungsspielräume. Das hat mich interessiert."

Bach wollte den Spieß umdrehen. Er wollte nie wieder in so eine hilflose Lage kommen wie 1980, als sich die Bundesrepublik und weite Teile des Westens wegen des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan entschlossen, die Sommerspiele in Moskau zu boykottieren. 1981 wurde Bach vom damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch für die erste IOC-Athletenkommission ausgewählt.

Bach folgte seinem Plan. Er wurde Industrielobbyist und schaffte es im IOC nach ganz oben. Heute sieht er sich auf einer Ebene mit Staats- und Regierungschefs - und promotet die angebliche Neutralität des Sports, solange es IOC-Interessen nützt. Bach verkauft sich bis heute als Sportlerversteher und hat dabei gleichzeitig im IOC ein hartes Regime etabliert. 

Abweichler werden nicht akzeptiert

In seiner 2013 begonnenen Präsidentschaft, die turnusgemäß zunächst bis 2021 andauert, vertrat er bisher vor allem den Standpunkt, der Sport müsse "mit einer Stimme sprechen". Abweichler in der Athletenkommission wurden entsprechend gemaßregelt. Die aktuelle Kommission, mit Simbabwes Sportministerin Kirsty Coventry an der Spitze, ist mehrheitlich mit Jasagern besetzt.

Doch es gibt auch schon länger Gegenwind: Die selbstbewussten, engagierten Vertreter des Vereins Athleten Deutschland e. V., der unabhängig vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) agiert und mit Bundesmitteln gefördert wird, haben dem IOC in einem Kartellverwaltungsverfahren bereits eine schwere Niederlage zugefügt: Die umstrittene Regel 40 des IOC über Werberegeln musste gelockert werden, die Sportler erhielten mehr Werbemöglichkeiten.

Thomas Bach: "Mit einer Stimme sprechen"

Thomas Bach: "Mit einer Stimme sprechen"

Foto:

Maja Hitij/ Bongarts/Getty Images

Nun geht es also um die Olympiateilnahme und die Frage einer Verlegung der Tokio-Spiele. Die deutschen Sportler kooperieren seit Jahren eng mit Athletenvertretern anderer Nationen, etwa in den USA und Kanada, wo der Widerstand gegen die Sommerspiele ebenfalls rasant und gewaltig wächst. Der deutsche Vorstoß könnte auch andere Länder inspirieren - und am Ende alle Maßnahmen zunichtemachen, mit denen das IOC versucht, die Sportler zu belehren und domestizieren.

Vor wenigen Tagen scherte als erstes IOC-Mitglied die kanadische Olympiasiegerin Hayley Wickenheiser aus, die Menschlichkeit vom IOC und Thomas Bach einforderte, anstatt stur an den Sommerspielen festzuhalten. Auch Wickenheiser erhielt barsche Reaktionen aus der IOC-Administration. Bei einer Telefonschalte mit der IOC-Führung am vergangenen Mittwoch fiel plötzlich ihr Mikrofon aus.

Hayley Wickenheiser kennt die Pläne der deutschen Sportler zur Olympia-Abstimmung und findet sie wunderbar. Gleichzeitig reicht sie dem IOC-Präsidenten die Hand: "Wenn Thomas Bach Hilfe und Rat brauchen sollte, bin ich die Erste, die dabei ist", sagte Wickenheiser dem SPIEGEL.

Bach drängt Japan offenbar zur Verlegung der Spiele

Einige IOC-Mitglieder und Präsidenten olympischer Welt-Sportverbände beschreiben die Lage in der IOC-Zentrale in Lausanne als verzweifelt. In diesen dramatischen Tagen rächt sich, dass Bach äußerst wenige Ratgeber hat, die konstruktive Kritik üben. Im Grunde, sagt einer derjenigen, der Kontakt zu ihm hat, könne sich Bach derzeit nur auf die beiden Frauen an seiner Seite verlassen: Seine Ehefrau Claudia - und seine langjährige Sekretärin Monika Scherer.

Der Gedanke an 1980 prägt offenbar gerade in diesen Tagen sein Handeln. Die Welt steht still und versucht verzweifelt, die Corona-Pandemie einzudämmen und irgendwann zu besiegen - und Bach betrachtet die Verlegung der Sommerspiele als persönliche Niederlage. Das ist die persönliche Tragik des IOC-Präsidenten.

Bach ist aber natürlich vor allem Pragmatiker, der aus schwierigen Situationen stets Auswege gefunden hat, etwa als dem IOC die Olympiabewerber ausgingen und er deshalb auf einen Schlag die Sommerspiele 2024 (an Paris) und 2028 (an Los Angeles) vergeben ließ. Es heißt, inzwischen dränge Bach Japans Ministerpräsidenten Shinzo Abe, die Spiele zu verlegen. Dieser aber ist offenbar noch starrköpfiger. Das IOC will demnach, dass Japan die Entscheidung trifft, was angeblich auch mit juristischen und versicherungstechnischen Regeln zusammenhängt. Die entsprechenden Details sind aus jenem Teil des Ausrichtervertrags, der öffentlich zugänglich ist, nicht herauszulesen. Es existieren aber vertragliche Zusätze.

Am Ende stehen wohl doch Geldfragen im Vordergrund. Geschäft vor Vernunft und Gesundheit? Auf diese Frage spitzt sich vieles zu. Immer mehr Sportler geben in bewegenden Botschaften und Interviews ihre Antwort darauf. Nun also die historische Initiative der deutschen Athletenvertreter. Wie einst Thomas Bach nutzen sie ihre Gestaltungsspielräume - und drehen nun den Spieß um.