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Olympia-Highlight 100 Meter Sind Sie schneller als die Schnellsten?

Der 100-Meter-Lauf – ein Höhepunkt der Olympischen Spiele: Beim Sprint kommt es auch auf die Startzeiten an. Hier können Sie simulieren, wie gut Ihr Timing ist.

Wer zu früh aus den Blöcken kommt, wird bestraft. Wer spät startet, dem laufen die anderen davon.

Klingt eigentlich simpel, oder?

Ob dem wirklich so ist, untersuchte eine internationale Forschergruppe für den Zeitraum 2003 bis 2009, also jenen Zeitraum, in dem Usain Bolt seine Weltrekorde lief.

Bolt war für vieles bekannt, aber nicht unbedingt für seine Reaktionsschnelligkeit beim Start. Die oben in der Simulation angenommenen 155 Millisekunden, die aus seinem Goldmedaillenlauf in Rio 2016 stammen, sind bestenfalls Durchschnitt.

Die Studie kam zum wenig überraschenden Ergebnis, dass zwischen Erfolg und schneller Startzeit ein signifikanter Zusammenhang besteht. Auch dass die erfolgreicheren Sprinterinnen und Sprinter (die ins Finale kommen) bessere Reaktionszeiten hatten als die weniger erfolgreichen (die vorher ausgeschieden sind).

In der Studie finden sich aber auch einige überraschendere Dinge. So ist die Reaktionszeit bei Sprinterinnen und Sprintern, die eher am Ende ihrer Karriere sind (bei Männern zwischen 26 und 29 Jahren, bei Frauen über 30), am kürzesten.

Mehr Erfahrung oder die höhere Zahl an absolvierten Rennen könnten mögliche Gründe sein – so richtig können sich das die Forscher allerdings auch nicht erklären.

Ebenso, weshalb die durchschnittlichen Reaktionszeiten von Frauen deutlich höher waren als jene der Männer.

Die Studie nennt eine These, dass Frauen auf visuelle Reize schneller reagieren könnten als auf akustische. Ebenso werden mögliche genetische Gründe oder unterschiedliche Trainingsmethoden erwähnt. Die Forscher schreiben aber selbst: alles Spekulation.

Die Spekulationen werden auch bei einer anderen, ebenso einfach klingenden Frage nicht weniger, nämlich der, wann ein Start als Fehlstart gewertet wird. Die Grenze dafür liegt bei exakt 100 Millisekunden nach dem Schuss (der natürlich nicht aus einer echten Pistole stammt, sondern aus einem hochkomplexen technischen Gerät). Es wird angenommen, dass der Mensch unter dieser Zeit, die etwa einem Drittel der Dauer eines Lidschlags entspricht, nicht auf einen akustischen Reiz reagieren kann. Aber auch hier: Es wird angenommen.

Unter Experten ist diese Annahme nämlich durchaus umstritten. Heiß wird die Frage diskutiert, ob es nicht doch möglich sein könnte, unterhalb dieser Zeit zu reagieren. Da werden Sensorgenauigkeit in Startblöcken und Signalübertragungszeiten von Nervenbahnen angeführt. Details seien an dieser Stelle ausgespart, nur so viel: Es ist kompliziert.

Protestierender US-Sprinter Jon Drummond 2003 in Paris (liegend)

Protestierender US-Sprinter Jon Drummond 2003 in Paris (liegend)

Foto: Mary Evans / imago images

Der Meister der 100-Meter-Reaktionszeit heißt übrigens Jon Drummond. Der US-Sprinter holte zwar keine einzige Medaille in Einzelwettbewerben (nur in der Staffel), allerdings schaffte er 1993 in Monaco das wohl einzigartige Kunststück, in exakt 100 Millisekunden aus den Blöcken zu starten. Nicht zuletzt deshalb gilt er bis heute als einer der besten Starter aller Zeiten.

Bei der Weltmeisterschaft 2003 in Paris allerdings wurde Drummond dann zur tragischen Figur, als er im 100-Meter-Viertelfinale nach einer Startwiederholung einen Fehlstart verursachte und aufgrund einer frisch eingeführten Regelverschärfung disqualifiziert wurde.

Aus Protest gegen das Urteil legte er sich auf die Startbahn, lief tränenüberströmt durch das Stadion und verzögerte so den Neustart um fast eine Stunde. Damit fügte er der an Skandalen nicht armen Geschichte der 100-Meter-Wettläufe einen weiteren hinzu.

Usain Bolt nach seinem Fehlstart bei der Leichtathletik-WM 2011

Usain Bolt nach seinem Fehlstart bei der Leichtathletik-WM 2011

Foto: PHIL NOBLE/ REUTERS

Alles unter 100 Millisekunden wird übrigens als Fehlstart gewertet, der wohl bekannteste der jüngeren Geschichte unterlief Weltrekordhalter Usain Bolt im Finallauf der Weltmeisterschaft 2011 in Südkorea.

Im Jahr zuvor hatte der Leichtathletikweltverband die Regeln erneut verschärft, da sich die Zahl der Fehlversuche häuften und viele Sportler im Verdacht standen, nicht auf den Schuss zu warten, sondern ihn zu erraten.

Seitdem führt jeder Fehlstart konsequent zur sofortigen Disqualifikation. Und das gilt dann eben für einen Weltrekordhalter genauso wie für jene Sprinterinnen und Sprinter, die sich an diesem Wochenende in die Startblöcke klemmen und in Tokio auf Medaillenjagd gehen.

Und wenn Sie es noch nicht getan haben: Probieren Sie doch mal Ihr Glück, ganz oben im Artikel – sind Sie schneller als die Schnellsten?

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