Peter Ahrens

Olympiabilanz Das waren die Spiele, die das IOC verdient

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Das Image der Olympiamacher war schon vorher ruiniert. Doch nach den Winterspielen in Peking weiß auch der Letzte: Das IOC ist endgültig zu einer heuchlerischen, seelenlosen Profitmaschine verkommen.
IOC-Präsident Thomas Bach fand in Peking einen »beispiellosen olympischen Geist«

IOC-Präsident Thomas Bach fand in Peking einen »beispiellosen olympischen Geist«

Foto: Peter Kneffel / dpa

Es gehört zu den Ritualen des Thomas Bach, zum Ende von Olympischen Spielen Hymnen auf den Gastgeber anzustimmen. Meistens sagt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dann, dies seien die besten Spiele, die er je erlebt habe.

Diesmal hat er sich dieses Lob verkniffen, stattdessen sagte er: Peking sei während der Spiele einer der »sichersten Orte auf diesem Planeten« gewesen, und mit diesem vergifteten Kompliment ist schon vieles über jene an diesem Sonntag zu Ende gehenden Winterspiele gesagt.

Thomas Bach (l.) und Chinas Staatspräsident Xi Jinping

Thomas Bach (l.) und Chinas Staatspräsident Xi Jinping

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Der sichere Ort Peking: Da schwingt die Überwachung mit, die totale Blase in der Pandemie, der fehlende Austausch mit der Bevölkerung, das nicht vorhandene Publikum aus dem Ausland, die vollständige Abschottung des Olympiabetriebs. Womöglich hat Bach das nicht gemeint, wenn er vom sicheren Ort sprach, aber genau das waren diese Winterspiele.

Es war eine technokratische Großveranstaltung, perfekt organisiert, aber ohne Atmosphäre. Das liegt nicht zuallererst in der Verantwortung der Chinesen, Spiele in Pandemiezeiten wären überall auf der Welt vermutlich so gewesen, mit strengen Regeln.

Aber dem Regime konnte es nur recht sein. Es hatte alles unter Kontrolle.

Ist der Ruf erst ruiniert

Auf den ersten Blick ist alles bestens gelaufen für das IOC: China ist mit Sommerspielen 2008 und Winterspielen 2022 jetzt zur Genüge bedacht, die Sponsoren aus Fernost sind zufriedengestellt, das Geld ist eingestrichen, die Fernsehübertragungen haben gute Quoten gebracht. Und wer Atmosphäre will, bekommt sie künftig mit Paris 2024 und Mailand/Cortina 2026. Dann gibt es auch wieder schöne bunte Bilder.

Bach und das IOC verkaufen diese Spiele als erfolgreich, das ist aus ihrem Selbstverständnis sogar konsequent. Löst man sich jedoch von ihrer Logik, dann bleibt es dabei: Die Olympischen Winterspiele nach Peking zu vergeben, war ein schwerwiegender, ein schlimmer Fehler. Ein Fehler, der auf das IOC zurückfällt.

Olympische Spiele in Peking zu veranstalten, beschädigt die Werte, die IOC-Chef Bach wie eine Monstranz vor sich herträgt: Fairness, Weltoffenheit, Menschenrechte, Frieden und Freundschaft. Ein Olympia-Ausrichter China offenbart all dies als pure Heuchelei.

Das Image des IOC war schon vor Peking ruiniert. Doch jetzt gilt endgültig: Mit Glaubwürdigkeit muss Bach der Welt nicht mehr kommen. Da ist nichts mehr.

Umweht vom Weihrauch des Wahren, Schönen, Guten

Chinesische Vertreter des Organisationskomitees können auf einer offiziellen Pressekonferenz des IOC Menschenrechtsverletzungen schlicht leugnen, ohne dass das Komitee vehement eingreift. Bach stimmt Elogen auf den Machthaber Xi Jinping an. Äußerungen zum drohenden Einmarsch Russlands in die Ukraine werden zum rhetorischen Eiertanz. All das haben diese Spiele erlebt – es sind Belege dafür, was viele dem IOC seit Jahren vorwerfen, zu sein: eine seelenlose und empathiefreie Profitmaschine, die das, was Olympische Spiele einmal bedeutet haben mochten, längst verhökert hat. Bach schwenkt dazu das Weihrauchfass, das dem IOC den Hauch des Wahren, Schönen, Guten verleihen soll.

Es sind all die Fehlentwicklungen, die das IOC seit der Präsidentschaft von Juan Antonio Samaranch genommen hat. Am Samstag hat das IOC dessen Sohn, Juan Antonio Samaranch junior, zu seinem Vizepräsidenten gewählt. Das ist vielsagend. Samaranch gilt als erster Anwärter auf die Nachfolge Bachs. Es wird also alles so weitergehen.

Dass der amtierende IOC-Präsident in seinem Olympiafazit das Umfeld von Eiskunstlauf-Teenager Kamila Walijewa anprangerte, sich erschüttert zeigte von der Gefühlskälte der Trainerin, darf als Krokodilstränen betrachtet werden. Sein pfleglicher Umgang mit Russland trotz dessen flächendeckenden Dopings trägt dazu bei, dass nun überhaupt wieder über Doping einer russischen Athletin diskutiert wird.

»Beispielloser olympischer Geist«

Alles, was vorher an Kritikpunkten aufgezählt worden ist, die Menschenrechtsproblematik, der Gigantismus, bleibt auch zum Ende der Spiele bestehen. Nichts ist durch diese Spiele besser geworden.

Bach aber sprach in seinem Fazit von einem »beispiellosen olympischen Geist«. Ein Geist, der in Wirklichkeit ein Ungeist ist.

Die Karawane zieht weiter, es gibt jetzt ein paar teure Wintersportstätten mehr auf diesem Planeten als vorher. Inwieweit sie in Zukunft ausgelastet sein werden, ist offen.

In Erinnerung von diesen Spielen wird vor allem der prominente Dopingfall Walijewa bleiben. Das war Peking 2022. Spiele zum Vergessen. Das IOC hat genau die Spiele bekommen, die es verdient hat.

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