Die Olympiaregionen der Spiele 2022: Kunstschnee auf den Pisten, die Berge aber trocken

Die Olympiaregionen der Spiele 2022: Kunstschnee auf den Pisten, die Berge aber trocken

Foto: Kevin Frayer / Getty Images

Olympia 2022 Was Sie über die Winterspiele in Peking wissen müssen

Am Freitag starten die Winterspiele 2022 in Peking. Warum finden sie dort eigentlich statt? Liegt Schnee? Wie sieht die Coronalage aus? Und was passiert, wenn Sportlerinnen oder Sportler gegen China protestieren?

Wann finden die Peking-Spiele statt?

Am Freitag, 4. Februar, beginnen die Olympischen Winterspiele 2022 mit der Eröffnungsfeier in Peking. Das ZDF überträgt die Zeremonie in der chinesischen Hauptstadt ab 12.10 Uhr. Die ersten Medaillenentscheidungen folgen am Samstag, bis zum 20. Februar werden insgesamt 109 Wettbewerbe in 15 Disziplinen ausgetragen. Die Paralympics in Peking folgen einen Monat später, sie finden vom 4. bis 13. März statt.

Warum eigentlich Peking?

Es geht um Propaganda und Profit. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und China hoffen, einen neuen Markt zu erschließen – an den Fernsehgeräten (die TV-Vermarktung ist die Haupteinnahmequelle des IOC) und auf den Skipisten. Bis 2025 will die Regierung 300 Millionen Menschen aus China für den Wintersport begeistern. Dafür sind landesweit zahlreiche Skiresorts und Eishallen entstanden. Peking wird die erste Stadt sein, die Olympische Sommerspiele (2008) und Winterspiele ausgerichtet hat.

Das autoritäre China mit Staatspräsident Xi Jinping wird versuchen, die Bühne der Spiele zu nutzen, um sich als weltoffener Gastgeber zu inszenieren. Das Land steht wegen seiner Menschenrechtslage schwer in der Kritik, aber dazu gleich mehr.

Schneit es dort überhaupt?

Kaum. Neben Peking wird es noch die höhergelegene Yanqing- (90 Kilometer von Peking entfernt) und Zhangjiakou-Zone (220 Kilometer) geben, wo unter anderem alpine Wettbewerbe und Biathlon stattfinden werden. Allerdings werden die Organisatoren auch hier auf künstliche Schneeproduktion angewiesen sein – die Olympiaregion hat zwar einen kalten Winter, gilt aber als eine der trockensten Gegenden der Welt. Nur fünf Zentimeter Schnee pro Jahr fallen hier normalerweise.

Professionelle Skifahrer sind es allerdings gewohnt, auf Kunstschnee zu konkurrieren, da in einer sich erwärmenden Welt auch andere, traditionellere Wintersportgegenden zunehmend Schneeprobleme bekommen.

Wer stand bei der Vergabe der Spiele noch zur Wahl?

Chinas einziger Konkurrent bei der Vergabe im Jahr 2015 war Almaty in Kasachstan. 44 Stimmen fielen im finalen Durchgang auf Peking, 40 auf Almaty. Andere Interessenten zogen sich bereits im Vorfeld zurück, unter anderem München, wo sich die Bürgerinnen und Bürger in einer Befragung gegen eine Bewerbung um die Winterspiele 2022 entschieden hatten.

Es heißt, Kostenexplosionen wie in Sotschi 2014 oder der Verfall von Sportstätten der Athen-Spiele 2004 und die damit einhergehende Frage der Nachhaltigkeit solcher Großprojekte seien zuletzt ausschlaggebend für die Olympia-Ablehnung gewesen. Der Ausrichter der Winterspiele 2026 ist die Alpenregion Mailand und Cortina.

Warum steht China in der Kritik?

Menschenrechtsverletzungen im Umgang mit Uiguren und Tibetern , die Unterdrückung der Demokratiebewegung in Hongkong und Drohungen gegen Taiwan – es gibt erhebliche Vorwürfe gegen die Machthaber in Peking.

Der Chinaexperte und Journalist Felix Lee sagte in einer aktuellen Ausgabe von »Hart aber fair« , die Lage der Menschenrechte in China habe sich seit der Olympiavergabe im Jahr 2015 erheblich verschlechtert, das IOC habe es jedoch versäumt, sich seither zu positionieren.

Das IOC um Präsident Thomas Bach schweigt zur Menschenrechtslage und verteidigt seine Haltung. »Wenn ich keine politischen Kommentare abgebe, nehme ich keine Seite ein«, sagte Bach zuletzt. Ein Vorstoß wäre eine »Politisierung« und könne »das Ende der Olympischen Spiele bedeuten«, so Bach. Kritiker halten dagegen, dass allein die Vergabe nach Peking bereits eine politische Äußerung des IOC gewesen ist.

Wie steht es um den Umweltschutz?

Aktivisten kritisieren den Protz beim Bau von Wettkampfstätten in der Bergregion (darunter eine hochmoderne Rodelanlage) und die Verschwendung von Strom und Wasser für die seit Wochen laufenden Schneekanonen. China warb wiederholt mit nachhaltigen Winterspielen. Für die Kunstschneeproduktion werde ausschließlich Ökostrom genutzt.

Ausländische Experten halten diese Darstellung für unglaubwürdig, da Belege fehlen und in den Regionen der Spiele extreme Wasserknappheit herrscht.

Chinas Spielstätten: Eine Rodelbahn wie eine Schlange

Chinas Spielstätten: Eine Rodelbahn wie eine Schlange

Foto: Zhang Chenlin / IMAGO / Xinhua

Die Straßburger Professorin für Hydrologie Carmen de Jong kritisiert seit Jahren die Auswirkungen der Kunstschneeproduktion auf Skigebiete, beklagt ir­reversible Folgen durch den Bau von Speicherbecken und Wasserleitungen. Zu den Winterspielen in China sagte sie dem SPIEGEL: »Die Spiele werden die unnachhaltigsten aller Zeiten.« 

Wird es einen Boykott geben?

Aktivisten auf der ganzen Welt rufen Länder, Sponsoren, Athletinnen und Athleten dazu auf, die Spiele zu boykottieren. Die Protestbewegung hat im November zugenommen, als die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai, zweimalige Grand-Slam-Siegerin im Doppel, zeitweise aus dem öffentlichen Leben verschwand. Zuvor hatte sie einen ehemaligen hochrangigen Regierungsbeamten des sexuellen Übergriffs beschuldigt. Inzwischen hat sie chinesischen Staatsmedien Interviews gegeben und ihren Vorwurf zurückgezogen, ihre Freiheit wird allerdings angezweifelt.

Mehrere Länder haben einen diplomatischen Boykott der Spiele angekündigt , was bedeutet, dass ihre Regierungsbeamten an keinen Zeremonien oder Veranstaltungen teilnehmen werden, darunter die USA, Großbritannien und Frankreich. Deutschland hatte unter Bundeskanzler Olaf Scholz bisher keine offizielle Haltung bekannt gegeben. Ein sportlicher Boykott einer Nation ist nicht angekündigt und scheint unwahrscheinlich.

Was passiert, wenn Sportlerinnen und Sportler gegen China protestieren?

Die Regel 50 der Olympischen Charta  besagt, dass »jegliche politische, religiöse oder rassistische Demonstration oder Propaganda« zu unterlassen ist. Die umstrittene Regel ist im vergangenen Jahr auf Druck der Sportlerinnen und Sportler gelockert worden – etwas. Erlaubt sind nun symbolische Gesten in den Arenen – etwa die Faust heben oder knien (allerdings nicht während einer Siegerehrung oder anderen offiziellen Zeremonien).

Das IOC konnte zuletzt nicht beantworten, was passieren würde, wenn ein Sportler oder eine Sportlerin während der Spiele die chinesische Regierung explizit kritisieren würde. »Ich denke, wir müssen auf konkrete Beispiele warten«, sagte IOC-Sprecher Mark Adams.

Aus dem chinesischen Organisationskomitee wird vor Strafen gewarnt. »Jedes Verhalten oder jede Aussage, die gegen den olympischen Geist, speziell gegen chinesische Gesetze und Vorschriften verstoßen, sind von Strafen bedroht«, sagte Yang Shu, Chef der Abteilung für internationale Beziehungen der Spiele.

Was kosten die Spiele?

Das Budget beträgt laut offizieller Seite 3,5 Milliarden Euro, das wäre die geringste Summe für Winterspiele seit rund 20 Jahren. Die Russlandspiele in Sotschi sollen 40 Milliarden Euro gekostet haben. Nie war Olympia teurer.

Viele Ausgaben wie die hohen Investitionen für das neue Skigebiet und den Bau neuer Bahnstrecken und Straßen sind aber nicht in Chinas Kalkulation eingerechnet. Experten schätzen die Gesamtkosten eher auf das Zehnfache. Einen Teil der Kosten möchte China durch den Verkauf der Wohnungen in den olympischen Dörfern wieder einspielen.

Und, immerhin: Einige Veranstaltungsorte der Sommerspiele 2008 von Peking werden nun erneut genutzt.

Wie geht China mit Corona um?

China verfolgt eine Zero-Covid-Strategie, die tägliche Zahl der Neuansteckungen liegt meist bei nicht einmal 100. Das soll auch so bleiben: Die Winterspiele in Zeiten der hochansteckenden Virusvariante Omikron sind allerdings ein Härtetest.

Wie schon bei den Sommerspielen in Japan 2021 haben auch die Organisatoren in Peking ein geschlossenes System, eine »Bubble«, errichtet – allerdings strenger. Abgeschottet von der chinesischen Bevölkerung bewegen sich Athletinnen und Athleten und alle weiteren Teilnehmenden der Spiele in einer Parallelwelt.

In Tokio durfte diese Olympia-»Blase« am 15. Tag nach Einreise verlassen werden, in China gibt es diese Option nicht. Das bedeutet auch, dass die Pressefreiheit rund um die Spiele enorm eingeschränkt sein wird.

Tägliche PCR-Tests und die ständige Pflicht, Masken zu tragen, gehören zum Hygieneprotokoll. Infizierte müssen sich in Quarantänehotels isolieren – dorthin begeben mussten sich 232 Teilnehmende, die bei ihrer Ankunft in Peking oder bereits nach Eintritt in die Blase positiv getestet worden waren (Stand: 2. Februar).

Ausländische Fans sind nicht zugelassen. Auch in China gab es keine Event-Tickets im freien Verkauf, nur ausgewählte Personen dürfen auf die Tribünen.

Hohe Sicherheitsbestimmungen: Bei der Ankunft in Peking treffen Gäste teilweise auf komplett verhüllte chinesische Beamte

Hohe Sicherheitsbestimmungen: Bei der Ankunft in Peking treffen Gäste teilweise auf komplett verhüllte chinesische Beamte

Foto: Sergei Bobylev / IMAGO / ITAR-TASS

Gibt es neue Sportarten und Wettkämpfe?

Eine neue Sportart wurde nicht aus dem Boden gestampft, es wird aber sieben Wettbewerbe (109 insgesamt) mehr als noch in Pyeongchang 2018 geben.

Diese Veranstaltungen feiern in Peking ihr Debüt:

  • Im Shorttrack und im Skispringen findet jeweils ein Mixed-Teamwettbewerb statt.

  • Im Bob wird der Monobob für Frauen in das Programm aufgenommen.

  • Im Freestyle-Skiing werden ein Mixed-Teamwettbewerb im Springen und Big Air für Männer und Frauen hinzugefügt

  • Beim Snowboard wird ein Mixed-Teamwettbewerb im Snowboardcross stattfinden.

Big Air Shougang von Peking: Hier geht es für Snowboarderinnen und Snowboarder hinab

Big Air Shougang von Peking: Hier geht es für Snowboarderinnen und Snowboarder hinab


Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Wo und wann werden die Spiele übertragen?

Olympia wird von Eurosport, ARD und ZDF übertragen. Durch die Zeitverschiebung von sieben Stunden (vor Deutschland) müssen sich vor allem die Fans der alpinen Veranstaltungen früh den Wecker stellen, auch viele Medaillenentscheidungen beim Eiskunstlauf, Snowboard und Ski Freestyle fallen in der deutschen Nacht.

Dagegen können die Zuschauer unter anderem beim Biathlon, Skispringen, Langlauf, der Nordischen Kombination und den Wettkämpfen im Eiskanal am Vormittag und frühen Nachmittag einschalten.

Hier finden Sie den Zeitplan der Spiele.

Wo haben die deutschen Athletinnen und Athleten gute Chancen?

14-mal Gold, zehn Silbermedaillen und siebenmal Bronze – das war die deutsche Bilanz vor vier Jahren in Südkorea. Sie bedeutete den zweiten Platz im Medaillenspiegel hinter Norwegen.

Was kann man diesmal erwarten? Eine Auswahl an deutschen Medaillenchancen:

  • Bei den insgesamt elf Wettbewerben im Biathlon dürfe es Medaillen für Deutschland geben – vor allem bei den Frauen. Den Biathletinnen um Denise Herrmann und Franziska Preuß werden gute Chancen auf Podestplätze eingeräumt.

  • Bobpilot Francesco Friedrich gewann in Pyeongchang zwei Goldmedaillen, auch diesmal gehört er zu den Topfavoriten. Bei den Frauen steht Olympiasiegerin Mariama Jamanka im Fokus. Auch im Rodeln gelten die deutschen Starterinnen (lesen Sie hier einen Text über Natalie Geisenberger)  und Starter zu den Topkräften.

Völlig aus dem Häuschen: Bei den Winterspielen 2018 war die deutsche Eishockeyauswahl die große Überraschung und Publikumsliebling

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Foto: Daniel Karmann/ dpa
  • Im Skeleton holte Deutschland vor vier Jahren eine Silbermedaille, Jacqueline Lölling sicherte sich damals das Edelmetall. Diesmal könnte sie erneut weit vorn landen. Und auch die Männer erhoffen sich Medaillen, besonders Christopher Grotheer, der als zweifacher Einzelweltmeister in Peking antritt.

  • Im Skispringen ruhen die Hoffnungen auf Karl Geiger und Markus Eisenbichler sowie Katharina Althaus. Insgesamt wird es fünf Entscheidungen im Skispringen geben.

  • Snowboarderin Ramona Hofmeister, Dritte in Pyeongchang im Parallel-Riesenslalom, rechnet sich auch diesmal Medaillenchancen aus. Allein im Snowboarden werden elf Goldmedaillen vergeben.

  • Silber in Pyeongchang, Platz vier bei der WM: Die deutschen Eishockey-Männer gehörten zuletzt zu den Topteams. Ob es diesmal reicht für Edelmetall? Die jüngste Handball-EM hat gezeigt, wie schnell Corona in einer Mannschaftssportart zum Problem werden kann . Und: Die deutsche Auswahl muss erneut ohne Superstar Leon Draisaitl auskommen. Die nordamerikanische NHL lässt wegen Coronaproblemen ihre besten Spieler nicht nach China.

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Das Finale des olympischen Eishockeyturniers wird am 20. Februar steigen. Dann enden auch die Winterspiele 2022 von Peking.

Mit Material von dpa
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