Studie zu Spitzensportlern Olympiasieger sterben früher

Spitzensportler sterben früher als Normalbürger. Das Ergebnis einer deutschen Studie wirft brisante Fragen zu den Folgen des Leistungssports auf.
Olympiasieger sein - ein großes Ziel. Zu groß?

Olympiasieger sein - ein großes Ziel. Zu groß?

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Amy Sancetta/ AP

Pierre de Coubertin, der Vater der Olympischen Spiele der Neuzeit, soll den Satz geprägt haben: "Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern daran teilzunehmen." Für die meisten Sportler sind die olympischen Wettkämpfe bis heute das Ziel ihres Ehrgeizes.

Sie zahlen dafür einen hohen Preis: Laut einer Studie sterben Olympiateilnehmer früher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ebenso brisant: Die deutschen Olympiasieger sterben früher als Sportler, die bei den Spielen keine Medaillen gewonnen haben.

Der Autor der wissenschaftlichen Arbeit ist Lutz Thieme, er lehrt am RheinAhrCampus der Hochschule Koblenz Sportmanagement und Sportökonomie. Thieme war selbst Leistungssportler, in den Achtzigerjahren schwamm er beim SC Turbine Erfurt. Bis 2019 engagierte sich Thieme als ehrenamtlicher Präsident des Landessportbunds Rheinland-Pfalz.

"Jung stirbt, wen die Götter lieben?"

Er hat sein Papier "Jung stirbt, wen die Götter lieben?"  überschrieben. Für die Veröffentlichung in der Zeitschrift "German Journal of Exercise and Sport Research" hat die Analyse den üblichen Gutachterprozess durchlaufen.

Eine derartige Untersuchung gab es hierzulande bisher noch nicht. Thieme hat die Mortalitätsrate aller 6066 Deutschen, die an den Olympischen Spielen zwischen 1956 und 2016 teilgenommen haben, untersucht und sie ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gesetzt.

Thieme fand zudem heraus, dass unter den Olympiateilnehmern Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer. Überraschend dabei: Die Olympiateilnehmer aus dem Westen Deutschlands starben im Verhältnis früher als jene aus dem Osten.

Welcher Leistungssport ist gerechtfertigt?

In Jahren und Monaten lässt sich der Verlust an Lebenszeit durch Hochleistungssport nicht pauschal darstellen. "Das wäre unseriös", sagt Thieme, "es lassen sich immer nur einzelne Gruppen über einen gewissen Zeitraum betrachten und deren Todeszahlen ins Verhältnis zur Mortalität der Gesamtbevölkerung in denselben Gruppen stellen."

Risikogruppe Kaderathlet

Risikogruppe Kaderathlet

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Thieme befasst sich seit Längerem mit dem Thema, welchen Leistungssport moderne Gesellschaften rechtfertigen können. Die Untersuchungsergebnisse sind sportpolitisch brisant. Wenn olympische Erfolge zu einer signifikant höheren Sterblichkeit führen, ergeben sich daraus ethische und medizinische Fragen.

Eine Frage lautet: Unter welchen Bedingungen kann man es verantworten, Kinder und Jugendliche für den Hochleistungssport auszubilden, wenn gleichzeitig klar ist, dass die Lebenserwartung der Olympiakader sinkt?

Deutsche Leistungssportler sind eine Risikogruppe, resümiert Thieme. Olympische Karrieren werden mit dem "Einsatz von Lebenszeit" bezahlt. Dieser Effekt steige mit zunehmendem Erfolg.

"Für entgangene Lebenszeit zu entschädigen"

Thieme plädiert deshalb für eine von "Sportverbandsinteressen unabhängige medizinische Überwachung". Der Schlusssatz der Studie ist ein Plädoyer für einen finanziellen Ausgleich, zum Beispiel durch eine Sportlerrente, über die bereits debattiert wird: "Wenn individuelle sportliche Leistungen weiterhin gesellschaftlich angeeignet werden, sind deren Erbringer für die entgangene Lebenszeit zu entschädigen."

Auch vor dem Hintergrund der Diskussionen über Dopingschäden und Opfer des Staatsdopings der DDR sind die Ergebnisse relevant. "Olympiateilnehmer aus der DDR haben eine höhere Lebenserwartung" als die im Westen, heißt es in dem Papier. "Ich weiß, dass das erstaunt und kann zu Diskussionen führen", sagt Thieme, "aber das ist nun mal das Ergebnis. Da wird nichts zurechtgebogen." Bisher ging man davon aus, dass das dopingverseuchte Sportsystem der DDR flächendeckend zu erheblichen Gesundheitsschäden geführt hat. Der Bund hatte deshalb eigens ein Dopingopferhilfegesetz verabschiedet.

In Thiemes Untersuchung flossen Daten von allen 1959 deutschen Frauen und 4107 Männern, die zwischen 1956 (Winterspiele in Cortina d’Ampezzo) und 2016 (Sommerspiele in Rio de Janeiro) an den Spielen teilgenommen haben. 400 Sportler, darunter 138 Medaillengewinner, waren zum Stichtag 1. Juli 2019 verstorben. Der in der vergangenen Woche mit 65 Jahren verstorbene Thüringer Hartwig Gauder, Olympiasieger 1980 im Gehen, taucht also noch nicht im Datensatz auf.

Mögliche Auswirkungen des Doping-Zeitalters

Thieme hat die Untersuchung mit mehreren Standardverfahren der medizinischen Statistik durchgeführt und abgesichert. Die Daten der Sportler wurden mit der Human Mortality Database (HMD) verglichen, die international ebenfalls Standard ist.

Für westdeutsche Olympiateilnehmer in der Altersgruppe 15 bis 34 lag das Sterberisiko in allen untersuchten Generationen deutlich über dem Wert der Gesamtbevölkerung. Bei den älteren Olympiateilnehmern (35 bis 64 Jahre) lag das Sterberisiko von 1956 bis 1994 unter dem Durchschnitt. Ab 1995 ist die Mortalitätsrate unter Olympiateilnehmern doppelt so hoch.

Die Werte der ostdeutschen Olympiateilnehmer (Altersgruppe 15 bis 34) liegen im Vergleich zur Bevölkerung in der DDR und den ostdeutschen Bundesländern ebenfalls höher. In der Altersgruppe 35 bis 64 ist die Sterblichkeit für die Zeiträume bis 1994 unterdurchschnittlich, seit 1995 jedoch deutlich höher. Für die 2325 Olympiateilnehmer seit der Wiedervereinigung hat Thieme nur sieben Todesfälle erfasst. Die Werte liegen bisher etwas über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Die Olympischen Spiele: für viele Sportler die größte Bühne der Welt

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Foto: A3760 Peter Kneffel/ dpa/dpaweb

Zusammengefasst liegt die Mortalitätsrate ab 1995 in Ost und West deutlich über dem Durchschnitt. Das heißt, hier fließt womöglich die Doping-Generation ein, wenn man davon ausgeht, dass 1968 das Dopingzeitalter begann.

Die Daten in den klassischen Dopingsportarten weichen jedoch nicht von anderen Sportarten ab. Auch zwischen Teilnehmern und Medaillengewinnern sind keine Unterschiede nachzuweisen. Hingegen bedeuten Goldmedaillen Einbußen an Lebensjahren, sie starben eher als die Olympiateilnehmer, die nicht gewannen. "Der Unterschied erklärt sich vorrangig aus der geringeren Überlebenswahrscheinlichkeit der Goldmedaillengewinner der DDR gegenüber denen der alten Bundesrepublik", analysiert Thieme. Bei Sportlern, die keine Olympiamedaillen gewonnen haben, ist die Mortalitätsrate der ostdeutschen Teilnehmer geringer als der westdeutschen Sportkameraden.

Auch Fußballer schon mal untersucht

Für Deutschland gab es bislang nur eine ähnliche Studie, in der die Mortalität von 812 Fußballnationalspielern der Jahre 1908 bis 2006 überprüft wurde. Die Sterblichkeit war über die Jahrzehnte durchweg höher - je jünger Spieler in die Nationalmannschaften berufen wurden, desto größer das Risiko eines frühzeitigen Todes.

International sind mehr als ein Dutzend Studien bekannt, die Sterblichkeitsraten von Spitzensportlern analysieren. Bei 3812 Spielern der National Football League (NFL) aus den Jahren 1982 bis 1992 fanden amerikanische Wissenschaftler keine Unterschiede zur Sterblichkeitsrate der Bevölkerung. Finnische Forscher dagegen wiesen für Gewichtheber-Champions eine höhere Mortalitätsrate nach. Die Verbindung zu Dopingpraktiken liegt nahe.

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