Verschobene Sommerspiele Abrupter Kurswechsel

Olympia 2020 soll erst 2021 stattfinden: Der nun so plötzlich kommunizierten Entscheidung gingen dramatische Momente voraus. Wie IOC-Präsident Thomas Bach alle düpierte, zeigt die Rekonstruktion.
Thomas Bach (l.) und Shinzo Abe: Die olympische Flamme werde in Japan verbleiben und "könnte das Licht am Ende des Tunnels sein"

Thomas Bach (l.) und Shinzo Abe: Die olympische Flamme werde in Japan verbleiben und "könnte das Licht am Ende des Tunnels sein"

Foto: Koji Sasahara / AP / dpa

Die Geschichte der modernen Olympischen Spiele währt 124 Jahre. Seit 1896 fielen die Spiele während zweier Weltkriege fünfmal aus. Nun wurden sie erstmals verschoben. Die 32. Auflage der Sommerspiele in Tokio soll im Frühsommer 2021 ausgetragen werden. Darauf verständigten sich die drei Partner dieses milliardenschweren Joint Ventures erst am Dienstagvormittag in aufgeregten Telefonkonferenzen: Japans Ministerpräsident Shinzo Abe, Tokios Gouverneurin Yuriko Koike und Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Wenig später gab Shinzo Abe in Tokio eine Erklärung ab. Das IOC verschickte das Statement der drei Geschäftspartner erst mehr als eine halbe Stunde später. Wie dramatisch sich alles abgespielt hatte, lässt sich an weiteren Details ablesen: Eine Telefonkonferenz von Bachs IOC-Exekutivkomitee fand erst nach der Entscheidung und Verkündung durch Abe statt. Die 33 Sport-Weltverbände im Tokio-Programm und deren Dachorganisation ASOIF waren nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen und wurden kalt erwischt.

Die Verärgerung ist groß. Doch keiner der Verbandspräsidenten, die in vertraulichen Gesprächen mit dem SPIEGEL deftige Worte wählten, wollte sich zitieren lassen. Diplomatisch äußerte sich Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF. "Natürlich bin ich erleichtert über diese überfällige Entscheidung", sagte Weikert dem SPIEGEL. "Ich bin aber auch irritiert. Wir haben vor einer Woche mit Thomas Bach beraten, der Solidarität von uns einforderte. Nun wurden wir nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen."

Einige Gesprächspartner halten die frühe Festlegung auf das Jahr 2021 für falsch. Zum einen weiß niemand, ob die weltumspannende Corona-Pandemie bis dahin verebbt und besiegt ist. Zum anderen müssten ja die ausstehenden olympischen Qualifikationswettbewerbe im Frühjahr beginnen, dadurch könnte man, ähnlich wie jetzt, zusätzlich unter Zeitdruck geraten. In Japan soll sogar schon der 21. Mai, ein Freitag, als möglicher Eröffnungstag der Sommerspiele verhandelt werden. In der gemeinsamen Erklärung von IOC und Japanern heißt es wörtlich, die Spiele sollen "nicht später als im Sommer 2021" ausgetragen werden. 

Kritik an der Festlegung auf das Jahr 2021 - aber nicht überall

Der Welt-Leichtathletikverband WA allerdings, wichtigster olympischer Fachverband, hat bereits seinen Termin der WM 2021 in Eugene, Oregon, freigemacht. Geplant war die WM vom 6. bis 15. August 2021. Die von Sebastian Coe, Olympiasieger und Cheforganisator der Olympischen Sommerspiele 2012, geführte WA teilte mit, mit den Amerikanern sei bereits alles geklärt. Die WM könne an anderen Terminen, auch 2022 ausgetragen werden. Sebastian Coe, das ist in diesem Zusammenhang wichtig, dürfte bei der nächsten IOC-Vollversammlung, die eigentlich für Tokio geplant war, ins IOC aufgenommen werden. Er hatte seine Scharmützel mit Bach zum russischen Staatsdopingsystem. Aber er war lange Jahre enger Freund des IOC-Präsidenten, mit dem er gemeinsam 1981 in der IOC-Athletenkommission seine sportpolitische Karriere begann. Der eine nannte den Kumpel "Shakespeare", der andere seinen deutschen Freund "Goethe". Sportpolitik wird auf derlei Ebenen verhandelt. Womöglich finden da zwei wieder zusammen.

Die Wortwahl des IOC-Kommuniqués ist einmal mehr entlarvend. Bach und Abe werden mehrfach als "die beiden Führer" bezeichnet. Traditionell sieht sich Thomas Bach auf Augenhöhe mit den Staatschefs und Präsidenten dieser Welt. Es heißt dann auch: "Die beiden Führer stimmen überein, dass die Olympischen Spiele in Tokio ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die Welt in diesen beunruhigenden Zeiten" sei. Die olympische Flamme werde in Japan verbleiben und "könnte das Licht am Ende des Tunnels sein", das der Welt den Weg aus der Krise zeige.

Bescheidener geht es nicht. In den vergangenen Tagen hatten Teilnehmer der Schaltkonferenzen mit Bach mehrfach davon berichtet, dass die Spiele argumentativ als große Feier des Sieges über das Coronavirus verkauft werden. Dabei hatte das IOC in seiner Erklärung vom Sonntag das Wort Pandemie noch vermieden und nur von schweren Problemen in "einigen Ländern auf einigen Kontinenten" gesprochen. Heute sprach man von einer Pandemie und berief sich auch auf gestrige Aussagen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dabei gibt es seit Sonntag, als das IOC sich noch vier Wochen Zeit verschrieb, keine entscheidende Änderung der Lage.

Ungeklärte Fragen und Spekulationen 

Zahlreiche ungeklärte Fragen und einige Spekulationen begleiten den abrupten Kurswechsel, nachdem Thomas Bach vor nur sechs Tagen, nach Einheits-Deklarationen der 33 Fachverbände und 206 Nationalen Olympischen Komitees (NOKs), noch rigoros behauptete, es gebe keinen Grund für voreilige Entscheidungen. Einige Details deuten darauf hin, dass Stellungnahmen von NOKs, die eine schnelle Verschiebung fordern, vom IOC orchestriert gewesen sein könnten. Damit habe Bach Druck auf die offenbar noch starrköpfigeren japanischen Geschäftspartner machen wollen.

Manche dieser NOK-Erklärungen lesen sich wachsweich, ohne jegliche Kritik am Kurs des IOC. Andere wiederum, wie die des NOK von Portugal, beinhalten den Vorwurf, das IOC riskiere die Gesundheit der Sportler. Die Textkritik offenbart gewaltige Unterschiede. João Paulo Almeida, Direktor des portugiesischen NOKs, sagte dem SPIEGEL, sein Dachverband habe sich vor keinen Karren spannen lassen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Telefonkonferenz des IOC-Exekutivkomitees sei erst nach der Entscheidung zur Verschiebung der Spiele durch Shinzo Abe einberufen worden. Einberufen wurde sie schon vorher. Wir haben die Stelle korrigiert. Richtig aber bleibt, dass die Telefonkonferenz erst nach der Entscheidung stattfand. Die 33 Sport-Weltverbände im Tokio-Programm und deren Dachorganisation ASOIF waren nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen.

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