Sorge wegen des Coronavirus Was, wenn Olympia ausfällt?

Das Coronavirus bedroht die Olympischen Spiele. Für Ausrichter Tokio wäre eine Absage ein großes Problem. Das IOC als Vermarkter ist aber gewappnet - die Angst vor dem Worst Case begleitet es seit Jahrzehnten.
Mann mit Kamera, im Hintergrund: das Neue Nationalstadion in Tokio

Mann mit Kamera, im Hintergrund: das Neue Nationalstadion in Tokio

Foto:

Carl Court/ Getty Images

Das Coronavirus gefährdet das größte Sportereignis des Jahres, die Olympischen Spiele in Tokio (24. Juli bis 9. August). Derlei Sorgen sind nicht neu. Die Angst vor erzwungenen Absagen gehört untrennbar zur Geschichte der Olympischen Spiele. Sie sind Teil des Geschäftsrisikos des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das die Spiele als Franchise-Unternehmen vermarktet und im aktuellen Olympiazyklus (2017 bis 2020) mehr als sechs Milliarden Dollar umsetzt.

Einen Teil dieser Summe, wohl etwa eine Dreiviertelmilliarde, deckt das IOC über Ausfallversicherungen mit verschiedenen Versicherungskonzernen ab, darunter die Münchner Rück. Über Details der Versicherungspakete herrscht Stillschweigen. Für Tokio dürfte das IOC etwa 20 Millionen Dollar für die Ausfallpolicen zahlen, die in den Geschäftsberichten unter "Insurance Premium for Games Cancellation" geführt werden. Für 2012 (London) kostete das Paket 13,5 Millionen Dollar - für 2016 (Rio) zahlte das IOC 14,4 Millionen.

Sollten die Spiele verschoben werden müssen und damit auch TV-Gelder und ein Teil der Sponsorenzahlungen ausbleiben, geht es darum, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Zudem müssen aus dem weltweiten olympischen Vermarktungsprogramm Tantiemen für die 28 permanenten olympischen Sommersportverbände und Anteile für die 206 Nationalen Olympischen Komitees beglichen werden - sowie Zuschüsse an das Organisationskomitee TOCOG. Die fünf Gast-Sportverbände für Tokio (Klettern, Surfen, Karate, Skateboard und Baseball/Softball) erhalten kein Geld.

Ein Jahrhundert lang von Kriegen und Boykotten überschattet

Das IOC ist für den schlimmsten Fall mit seinen Versicherungen und Rücklagen gewappnet. Das Risiko für Tokio, wo weit mehr als 20 Milliarden Dollar investiert wurden, ist viel größer. Was derzeit oft als "Notfall-Fond" des IOC bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit viel mehr, es ist das Herzstück des Olympiakonzerns: Die Olympic Foundation, eine 1992 gegründete Stiftung nach Schweizer Recht, in der alle Geschäftsaktivitäten und Firmen der IOC-Gruppe gebündelt sind. Stiftungsrat ist IOC-Präsident Thomas Bach. Zu den Stiftungszielen der Olympic Foundation zählt es ausdrücklich, das Risiko des Ausfalls einer Edition der Spiele zu überstehen.

Ein Jahrhundert lang waren die Olympischen Spiele von Kriegen und Boykotten und noch viel mehr Boykottdrohungen überschattet. Die Sehnsucht nach finanzieller Unabhängigkeit gehört zur DNA des IOC, über die Wege dahin wurde viele Jahrzehnte erbittert gekämpft - und 1981 mit dem Fall des sogenannten Amateurparagrafen die Kommerzialisierung eingeleitet. Der Kanadier Richard Pound, seit 1978 dabei und damit dienstältestes IOC-Mitglied, war zwei Jahrzehnte einer der wichtigsten Manager. "Es ging uns bei der Stiftungsgründung natürlich auch darum, den Sportverbänden zu helfen", sagt Pound, der als IOC-Marketingchef das Sponsorenprogramm mit aufbaute und die ersten milliardenschweren TV-Verträge aushandelte. "Viele der Verbände können ohne die Olympia-Tantiemen kaum überleben." 

Auch unter dem IOC-Präsidenten Bach strebt das IOC nach langfristigen Verträgen, einige TV-Anstalten und Sponsoren haben bereits bis 2032 unterzeichnet - damit ist für mehr als ein weiteres Jahrzehnt Sicherheit gegeben. 

Seit 1896 mussten die Spiele fünfmal abgesagt werden. Im Ersten Weltkrieg betraf das die Sommerspiele 1916 in Berlin - im Zweiten Weltkrieg die Winterspiele 1940 in Cortina d’Ampezzo und 1944 in Sapporo sowie die Sommerspiele 1940 in Tokio und 1944 in London. Zuletzt stand das IOC vom November 1972 bis Februar 1973 ohne Ausrichter da, allerdings nicht wegen politischer Wirren oder einer Katastrophe - sondern weil Denver nach einem Volksentscheid die Winterspiele 1976 zurückgegeben hatte. Als Ersatz sprang Innsbruck ein.

Sommerspiele ohne Zuschauer?

Die Idee der Spiele überlebte das Boykottzeitalter der Siebziger- und Achtzigerjahre sowie den Kalten Krieg. Wegen Naturkatastrophen oder Epidemien musste Olympia noch nie abgesagt werden und fand, trotz Zika-Virus, 2016 auch in Rio de Janeiro statt.

Tokio und Sapporo, Olympiagastgeber 1964 und 1972, waren im Zweiten Weltkrieg also bereits von Absagen betroffen. Sie sind die Hauptschauplätze der Spiele im kommenden Sommer. Für Sapporo auf der nördlichen Halbinsel Hokkaido, Austragungsort der Wettbewerbe im Marathon und Gehen sowie einiger Fußballspiele, wurde gerade der Ausnahmezustand verhängt. In Tokio spitzt sich die Lage zu, Zentralregierung und Gouvernement haben diverse Maßnahmen eingeleitet, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, so wurden bis Ende des Monats alle Schulen geschlossen. Für den Tokio-Marathon waren nur Profis zugelassen, 40.000 Amateurläufer wurden ausgeladen. In anderen Sportarten wie Sumo und Baseball fanden Wettkämpfe unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. 

Dies könnte durchaus ein Testlauf für die Sommerspiele sein, denn es hält sich das Gerücht, ein sogenannter Plan B von japanischem Organisationskomitee (TOCOG) und IOC sei es, die Sommerspiele notfalls ohne Zuschauer auszutragen. "Davon habe ich bislang nichts gehört", sagt Nenad Lalovic, einer der einflussreichsten Sportfunktionäre der olympischen Welt, dem SPIEGEL. Der Serbe ist Präsident des Welt-Ringerverbandes UWW und gehört dem IOC-Exekutivkomitee an. Am Montagnachmittag traf er sich in Lausanne mit seinen Kollegen der ASOIF, dem Dachverband aller derzeit 33 Sommersportverbände.

"Zu 99,9 Prozent überzeugt, dass die Spiele wie geplant stattfinden"

Ab Dienstag tagt in der olympischen Hauptstadt das IOC-Exekutivkomitee. Die durch das Coronavirus entstandene Gefahr einer Absage oder Verschiebung der Tokio-Spiele und der Paralympics ist natürlich Topthema. "Ich bin nicht so pessimistisch und beteilige mich nicht an einer Panikmache", sagt Lalovic. "Zu 99,9 Prozent bin ich überzeugt davon, dass die Spiele wie geplant stattfinden."

Als Ringer-Präsident weiß Lalovic allerdings, wie schnell sich die Lage ändern kann: Am Wochenende wurde die asiatische Olympiaqualifikation, die in China hatte stattfinden sollen, nun auch vom Ersatzausrichter in Kirgisistan abgesagt. Lalovic muss nun einen Ersatz-Ersatz-Ausrichter finden. Daheim in Serbien, in einer Kleinstadt eine Autostunde von Belgrad entfernt, hat er übrigens seit drei Wochen das chinesische Ringerteam untergebracht. Sportler, Trainer, Ärzte, Betreuer - insgesamt 53 Personen. Das Team trainiert und wartet auf die Austragung der Olympiaqualifikation.

Derlei Qualifikationen, bei denen die Quotenplätze vergeben werden, stehen im Frühjahr in etlichen Verbänden an - und sorgen für zusätzliche Probleme. Der ohnehin schon enge Sportkalender kann leicht aus den Fugen geraten. "Ein bisschen Angst um die Spiele habe ich schon", sagt Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes ITTF. "Ich hoffe, dass sich die Lage in den nächsten Wochen beruhigt. Ich bleibe verhalten optimistisch." Die ITTF hat ihre Einzel-Weltmeisterschaften, geplant Ende März in Busan (Südkorea), soeben auf Ende Juni verschoben.

Im Mai müsse eine Entscheidung fallen

Sowohl die UWW von Lalovic als auch Weikerts ITTF haben eine zusätzliche Ausfallversicherung abgeschlossen. Weikert sagt, damit seien 20 Prozent der IOC-Tantiemen abgedeckt. Die ITTF erwartet nach Tokio eigentlich 18,6 Millionen Dollar vom IOC. Der UWW stehen 16,3 Millionen zu. "Wir sind nicht so abhängig von diesen Geldern wie andere Verbände", sagt Weikert. Man müsse dann halt andere Maßnahmen streichen und könne einen Worst Case überstehen.

"Auch meinen Verband würde das nicht zerstören", sagt Lalovic. "Aber eigentlich weigere ich mich, an so einen Worst Case zu denken." Lalovic hält es mit Richard Pound, der gesagt hat, im Mai müsse eine Entscheidung über die Tokio-Spiele fallen. "Wir sind als IOC im täglichen Austausch mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und den japanischen Verantwortlichen. Wir tun alles Menschenmögliche."

Pound sagt, man habe es letztlich nicht in der Hand. "Im Moment macht es nicht viel Sinn, täglich neu zu spekulieren." Am Tag X, also spätestens irgendwann im Mai, brauche man sachgerechte Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.